Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Moses“ Arndt: Vom Punk zum Bundestagsmitglied

Michael Arndt spricht im Bundestag.
Michael Arndt spricht im Bundestag.

Als Punk, Autor, Fußballfan und Arzt „Moses“ bekannt, kandidierte Michael Arndt aus Homburg für die Linke für den Bundestag. Der Einzug ins Parlament überraschte auch ihn.

Am 23. Februar wird genau ein Jahr seit der Wahl vergangen sein. Dass Sie in den Bundestag einziehen würden, war damals nicht unbedingt zu erwarten. Wie und wann haben Sie am Morgen nach der Bundestagswahl erfahren, dass es für Sie geklappt hat?
Bis zum frühen Montagmorgen war noch nicht ganz klar, ob es reicht. Durch das komplizierte Zählverfahren bedeutete die Fünf-Prozent-Hürde für uns nicht automatisch, dass es ein Erfolg ist. Erst morgens gegen 8 Uhr gab es dann die Gewissheit.

Jetzt sitzt Michael „Moses“ Arndt also im Bundestag – zuhause bekannt als Punk-Veteran und Fan des FC Homburg und des FC St. Pauli. In den vergangenen Monaten sieht man im Homburger Waldstadion Ihr schwarzes Banner mit dem Aufdruck „St. Pauli - Homburg“ in der Kurve seltener.
Das war schon vorher seltener. Es hat innerhalb der Fanszene einen Generationswechsel gegeben. Ich selbst hatte schon vor Berlin oft keine Zeit mehr. Manche Leute aus meinem Block sind weggezogen oder leider auch, wie mein Freund Tarek Ehlail, verstorben. Das Banner existiert noch. Aber dass ich jetzt weniger Zeit fürs Homburger Waldstadion habe, hat absolut nichts mit meinem Aufenthalt in Berlin zu tun.

Sind Sie jetzt allgemein weniger im Saarland anzutreffen?
Nein. An den Wochenenden bin ich immer im Saarland. In meinem Wahlkreis, für den ich arbeite und der für mich im Mittelpunkt steht. In den sitzungsfreien Wochen ebenso.

Gleichwohl haben Sie noch keinen einzigen Sitzungstag im Bundestag versäumt ...
Ich nehme die Sitzungswochen in Berlin sehr ernst. Ich habe noch keine einzige Sitzung gefehlt, habe keinen Fehltag und alle namentlichen Abstimmungen mitgemacht. Darauf darf ich, glaube ich, ein wenig stolz sein. Das haben bisher nicht alle hinbekommen.

Wenn im Bundestag die Fernsehkamera über leere Sitzreihen schwenkt, heißt es oft, die betreffenden Abgeordneten seien deshalb nicht auf ihrem Platz, weil sie gerade in einem Ausschuss sind oder irgendwo im Wahlkreis. Stimmt das so?
Nein. Wäre ein Abgeordneter während der Sitzungswoche oft im Wahlkreis, wäre das nicht gut. Es gibt in den Sitzungswochen die Ausschüsse und zahlreiche andere Verpflichtungen. Schließlich besteht Anwesenheitspflicht. Täglich liegen Listen aus, die muss man handschriftlich unterzeichnen, um die Anwesenheit zu dokumentieren.

Bundestagssitzungen können unter Umständen bis 2 oder 3 Uhr frühmorgens gehen. Abgeordnete, die nicht im Plenum sitzen, sind oft in einem Arbeitskreis, Ausschuss oder anderweitig verpflichtet.

Oder man fehlt wegen Krankheit: Viele Abgeordnete sind gesundheitlich angeschlagen, was ich auf die hohe Arbeitsbelastung zurückführe, auf den Dauerstress. Der Terminkalender ist dermaßen voll. So einen Tag muss man durchhalten. Mit zum Teil nur drei bis fünf Stunden Schlaf.

Michael Arndt , hier mit der saarländischen Linken-Vorsitzenden Barbara Spaniol (rechts) aus Homburg.
Michael Arndt , hier mit der saarländischen Linken-Vorsitzenden Barbara Spaniol (rechts) aus Homburg.

In Berlin sind Sie Mitglied im Petitionsausschuss und im Parlament leiten Sie eine Rede auch schon mal auf Homburger Platt ein. Haben Sie inzwischen Ihre persönliche Rolle im Bundestagsbetrieb gefunden?
Die Findungsphase ist jetzt vorbei. Wir sind auf einem guten Weg, es gab aber auch schwere Rückschläge. Wie den Unfalltod von Tarek Ehlail, der für mich gearbeitet hatte.

Bei dem Arbeitsbetrieb und der Bürokratie wirklich durchzusteigen – das dauert. Gerade wenn man neu im Metier ist. Ich hatte null Erfahrung. Da muss man eine Lernphase durchlaufen. Das ist wie beim Aufbau einer neuen Firma. Mit lauter neuen Mitarbeitern in allerkürzester Zeit. Unter hoher Arbeitsbelastung, denn das tägliche Geschäft muss ja gemacht werden.

Ist Ihre Findungsphase wirklich zu Ende?
Ende Januar habe ich das geschafft. Inzwischen ist in meinem Büro jeder auf seinem Posten. Auch dank neuer Mitarbeiter, die zum Teil schon Erfahrung aus dem parlamentarischen Betrieb mitbringen. Da können wir jetzt im Maschinenraum ein paar Schippen drauflegen.

Vor dem Jahreswechsel haben Sie sich in einer Bundestagsrede und in den sozialen Medien für ein Böllerverbot an Silvester engagiert. Verfolgen Sie das Thema weiter?
Wir bleiben da am Ball. Übrigens ist das Wort „Böllerverbot“ populistisch. Es gibt einen Spot mit unserer Fraktionsvorsitzenden Heidi Reichinnek und mir: Wir sagen dort, um welche Art Feuerwerkskörper es uns geht. Wir wollen ja Kindern nicht den Knallfrosch wegnehmen. Es geht um Böller mit starken Auswirkungen, bis hin zu Todesfällen. Wir fordern eine Modifikation des Sprengstoffgesetzes, kein generelles Böllerverbot. Öffentliche Feuerwerke werden nicht verboten. Bald habe ich ein Treffen mit dem Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk e.V.. Der hat mich kontaktiert, das fand ich super. Geplant ist auch ein Treffen mit Vertretern der Gewerkschaft der Polizei. Deren Petition hat mittlerweile 3,3 Millionen Unterschriften. Ich als Abgeordneter warte gerade auf die Zahlen vom jüngsten Silvester. Wie viele Todesfälle, Einsätze und Unfälle es da gab. Wir brauchen valide Zahlen, um in der Sache noch mal nachlegen zu können. Die Sache wird also nicht bis zum nächsten Jahreswechsel in der Schublade verschwinden.

Zumal Sie sie als Fußballfan ja auch mit dem Thema Pyrotechnik für Ultras im Stadion verbinden.
Als Fußballfan will ich mich für eine Versachlichung der Diskussion über Fans im Stadion einsetzen. Dazu gehört auch die Regulierung von Pyrotechnik, welche ja zu mehr Sicherheit führen kann und sinnvoller ist, als die Überwachung aller Bürger im Stadion. Stichwort personalisierte Tickets und Gesichtserkennung am Eingang.

Ein weiteres Herzensanliegen ist Ihnen die Aussöhnung Deutschlands mit Israel. Neulich haben Sie dieses Land wieder besucht. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?
Ich hab' da schon immer viele Verbindungen. Auch zur jüdischen Gemeinde in Saarbrücken, ich bin Mitglied beim Sportverein Makkabi. In den 80er und 90er Jahren war es überhaupt kein Thema, ob jemand Jude ist oder nicht. Heute ist das komplett anders. Kindergärten brauchen Polizeischutz. Eine Kneipe in Neukölln muss rund um die Uhr von der Polizei vor antisemitischen Angriffen geschützt werden. Es gibt Boykottaufrufe und auf der Straße regelrechten Terror von autoritären Gruppen, die den Staat Israel dämonisieren. Ich kenne Israel, war schon öfter dort. Ich stehe an der Seite dieser Demokratie und bin gegen jeden Antisemitismus – gleich, welcher Couleur.

Was heute angesichts einer teils rechtsextremen Regierung Netanjahu wohl nicht mehr so ganz einfach ist?
Ich bin jetzt nicht plötzlich rechtsgerichtet, weil ich zu meinen Freunden in Israel stehe, zu meinen persönlichen Kontakten. Am 7. Oktober 2023 hat die Hamas auch zwei Leute von Hapoel Tel Aviv ermordet, mit denen ich in Jerusalem zum Beispiel beim Auswärtsspiel war. Alles das hat mit Netanjahu überhaupt nichts zu tun.

Eine persönliche Frage an „Moses“ Arndt: Bleibt bei all dem politischen Engagement noch Zeit für den Punk?
Ich bin Ex-Punk. Neuerdings hat mich mein Büro zu einem Instagram-Account „gezwungen“: Dieser heißt sinnigerweise @nicht_dr_moses_arndt. Der Soundtrack dort ist Punk. Man kann auch den Soundtrack zu seiner Politik so machen. Früher war ich von Beruf Punk, dann von Beruf Arzt, und jetzt bin ich Berufspolitiker. Es war nicht mein Ziel, von Beruf Politiker zu werden, als Arzt war ich ja glücklich und zufrieden, sondern das hat sich so ergeben. Als ich im Saarland auf die Landesliste kam, waren wir nur bei 1,5 Prozent. Kein Mensch hätte erwartet, dass die Linke überhaupt noch mal ins Parlament einzieht. Jetzt bin ich aber drin, und diese Aufgabe nehme ich sehr ernst. Ich versuche mein Allerbestes zu geben und für die Menschen in meinem Wahlkreis das beste rauszuholen. Aber den Humor und das Subversive vom Punk, das Spiel mit der Grenzüberschreitungen: Das kriegt keiner aus mir raus. Ich kann vielleicht aus der Punkszene raus, aber Punk nicht aus mir.

Zur Person: Michael Arndt

Als Erstplatzierter der saarländischen Landesliste der Linken ist Michael Arndt (61) knapp in den Bundestag eingezogen. Dies war erst klar, als der Nichteinzug des BSW ins Berliner Parlament feststand. Dort ist der Homburger nun Schriftführer im Präsidium, sitzt im Petitionsausschuss und ist stellvertretendes Mitglied im Gesundheitsausschuss. In der Saarpfalz unter dem Spitznamen „Moses“ als Aktivist gegen Neonazis und Rechtsextremismus bekannt, war Arndt einst prägendes Mitglied der Homburger Punk-Szene. Er hat das alternative Magazin ZAP und diverse Fanzines herausgegeben. Arndt schrieb das Drehbuch für den Punk-Spielfilm „Chaostage“ mit Martin Semmelrogge und Claude-Oliver Rudolph, den der 2025 verstorbene Regisseur Tarek Ehlail in Homburg gedreht hat. Der Fußballfan Michael Arndt ist langjähriges Mitglied des FC St. Pauli und des FC Homburg. 2007 erwarb er den Doktortitel der Medizin; seither praktiziert er als Arzt. Arndt ist verheiratet und Vater zweier Kinder.

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