Reportage
Ekstase in Grün und Weiß beim Fußball-Saarderby
Mittwochabend, 17 Uhr. Eine Stunde bis zum Anpfiff. „Mir gehn gleich hinnenauser“, beschließt der graubärtige Uwe: „Dort is de Bierstand ned so weit.“ Soeben haben Uwe und seine drei Kumpels die Stehplatz-Heimkurve im Waldstadion betreten. „Die Saarbrigger Luicher kann ich jo ned leide“, raunt Uwe. „Awwer die sinn awwei so gut, do werr mer kenn Chance hann.“ Bier trinken und einen schönen Mittwochabend haben, lautet erstmal die Devise.
Ein paar Schritte weiter im Block, rechts oberhalb vom Marathontor, bindet Michael Arndt routiniert sein schwarzes Banner „St. Pauli - Homburg“ an einem stählernen Wellenbrecher fest. Das macht der Ex-Punk mit Mediziner-Doktortitel hier schon seit vielen Jahren bei jedem Heimspiel. Michael Arndt, den sie alle Moses nennen, ist langjähriges Mitglied und Edelfan der beiden erwähnten Traditionsvereine.
Tor bleibt lange verschlossen
„Eine halbe Stunde lang haben wir vorm verschlossenen Tor gestanden“, erzählt Moses: „Erst jetzt haben sie hier aufgemacht.“ Doch gegenüber, in der „Kirrberger Kurve“ auf der anderen Stadionseite, drängt sich im Gäste-Fanblock längst eine dichte blau-schwarze Menschenmasse. Zu Abertausenden sind die Saarbrücker Fans zu ihrem Lieblingsgegner in die Saarpfalz gepilgert. Im Moment schweigen dort die Trommeln noch. Und noch sind sie nicht zu hören, die vieltausendkehligen Schmähgesänge, von denen sowohl die Landeshauptstädter als auch die zahlenmäßig unterlegenen Homburger Fans über ein reichhaltiges Repertoire verfügen.
Wer jetzt im weiten Oval des Homburger Waldstadions steht, blickt an diesem Mittwochabend bereits auf geduldiges Schlangestehen sowie auf körperliches Filzen und Test-/Impfstatus-Checks durch die Security-Teams am Eingang zurück. Und auch auf stramme Fußmärsche durch die Homburger Vorstadt: Denn schon ab der Tal- und der Ringstraße haben Hundertschaften der Polizei mit blau-weißen Einsatzfahrzeugen alle Zufahrten abgeriegelt.
Voriges Jahr standen die Fans im Wald
Gegen 17.30 Uhr ist ein brandaktuelles Video auf Moses’ Handy eingetroffen. Zu sehen ist eine endlose Karawane blau-schwarz gekleideter Saarbrücker Anhänger, die von der Polizei vom Hauptbahnhof zum Waldstadion gelotst werden. Für die Gästefans war es ratsam, per Zug anzureisen: Der Losheimer FCH-Enthusiast Roland Röder – er hat vor einiger Zeit ein Buch über seinen saarpfälzischen Herzensklub geschrieben – erzählt jetzt, dass die A6 bei St. Ingbert in Richtung Homburg für zwei Stunden gesperrt ist. Wieso das? „Keine Ahnung“, rätselt er. „Vielleicht sperren sie sie nach dem Spiel ja für zwei Stunden in die andere Richtung.“
Während sich unten auf dem Platz die Fußballer unter Applaus und schrillen Pfiffen – je nach Windrichtung – aufwärmen, singen sich die grün-weißen Fans im Homburger Block nahe der Mittellinie in Stimmung. Obwohl es keiner zugibt, hält sich die Zuversicht in Grenzen. Manch zweifelnde Bemerkung ist auch in der gut 30 Meter langen Schlange oben am Bierstand zu vernehmen. „Wenigstens können wir heute wieder im Stadion gucken“, meint einer: Voriges Jahr, beim dramatischen Elfmeterschießen, war das Stadion wegen Corona für Zuschauer gesperrt. Fans mussten von droben aus dem Wald kiebitzen.
Das wird schon, denken die Saarbrücker
Zeitsprung, 18.41 Uhr. Es steht immer noch 0:0. Die pausenlos singende, kollektiv stampfende und trommelnde Saarbrücker Fan-Masse hat gegen Ende der ersten Halbzeit das Akustikduell gegen ihre Homburger Pendants längst für sich entschieden. Was die grün-weißen Kicker nicht daran hindert, die Partie auf Augenhöhe zu halten – und kurz vor dem Pausenpfiff mit 1:0 in Führung zu gehen. Was im Homburger Block begeisterten Jubel auslöst, lässt drüben die Blau-Schwarzen eher überheblich-irritiert wirken: Das wird schon. Denken sie.
Tatsächlich steht es kurz nach Beginn der zweiten Halbzeit 1:1. Doch wer geglaubt hätte, dass der Regionalligist jetzt klein beigeben werde, sah sich getäuscht: Mart Ristls Siegtreffer in Minute 82 krönt die Plackerei der Homburger auf dem Rasen und versetzt ihre Anhänger in Ekstase. Dieser Abend wird noch lange dauern – in den Kneipen der Altstadt.
Keine größeren Ausschreitungen
Und auch die Polizei zeigt sich zufrieden. „Die Zuschauer haben das Spiel friedlich verfolgt“, fasst Sarah Klein vom Landespolizeipräsidium zusammen. Dass zwischendurch zwei-, dreimal ein Böllerchen geknallt hat, ist auch den Ordnungshütern nicht entgangen. „Aber größere Ausschreitungen zwischen den Fans sind ausgeblieben“, sagt Klein. Daran hätten auch einige gegenseitige Pöbeleien in der Lagerstraße und der Oberen Allee nicht mehr viel geändert.