Zweibrücken RHEINPFALZ Plus Artikel Als die Trennwand weggeschoben wurden: Herzog-Wolfgang-Gymnasium schließt 1988

Das ehemalige Herzog-Wolfgang-Gymnasium war einmal in dem Gebäude untergebracht, in dem sich heute die Herzog-Wolfgang-Realschul
Das ehemalige Herzog-Wolfgang-Gymnasium war einmal in dem Gebäude untergebracht, in dem sich heute die Herzog-Wolfgang-Realschule plus befindet.

429 Jahre alt ist es geworden, seinen 430. Geburtstag durfte es nicht mehr feiern – das Zweibrücker Herzog-Wolfgang-Gymnasium. So endete die Tradition.

Seit es das Herzog-Wolfgang-Gymnasium (HWG) in Zweibrücken nicht mehr gibt, verlieren sich dessen Spuren in der Stadt; selbst eine junge Angestellte in der Zweibrücker Bibliotheca Bipontina kann im März 2026 auf Anhieb mit dem Namen nichts anfangen. Im Internet erfährt man zwar einiges über die Geschichte der Schule, aber wenig über die letzten Jahre und die Schließung des Gymnasiums.

Am 31. Juli 1988 endete mit der Schließung des HWG ein Stück lebendiger Geschichte. Dem Gymnasium Bipontinum, seit dem 19. Jahrhundert lange Zeit Humanistisches, später Altsprachliches und zuletzt zu Ehren seines Gründers Herzog-Wolfgang-Gymnasium genannt, waren die Schüler ausgegangen. Grund war die fehlende Zweizügigkeit, die im Landesschulgesetz von 1974 verlangt wird. Hatte die Schule im Schuljahr 1983/84 noch 510 Schüler, so sank ihre Zahl im Jahr 1987 auf 329. In den Jahrgangsstufen fünf, sechs und sieben gab es nur je eine Klasse. Mindestens 40 Schüler wären nötig gewesen, um eine zweite Klasse bilden zu können, 1987 waren allerdings nur 26 Schüler angemeldet worden.

Gerüchte sorgen auch für schwindende Schülerzahlen

So schwebte die letzten Jahre ein Damoklesschwert über dem 1559 in Hornbach gegründeten Zweibrücker Herzog-Wolfgang-Gymnasium, obwohl es das zweitälteste „Volksgymnasium“ der Pfalz war. 1981 waren das Herzog-Wolfgang-Gymnasium und das Helmholtz-Gymnasium in einem gemeinsamen Gebäude im Schulzentrum Mitte in der Bleicherstraße untergebracht worden. Etliche Zweibrücker sahen darin eine aufkommende Gefahr für das kleinere Gymnasium. Die damalige Kultusministerin Hanna-Renate Laurin (CDU) zerstreute diese Befürchtungen. Sie gab nämlich der Schule die Versicherung, „dass an eine Auflösung des Herzog-Wolfgang-Gymnasiums – schon im Hinblick auf seine langjährige Tradition – nicht gedacht ist“. Laurin sah damals keinen Anlass, die Existenz altsprachlicher Gymnasien zu gefährden.

Trotzdem verdichteten sich die Gerüchte Mitte der 80er-Jahre, dass das Gymnasium geschlossen werden könnte; vielleicht ein Grund dafür, dass die Schülerzahlen zurückgingen. Die Schule bemühte sich, ihre Attraktivität zu erhöhen: Eine Nachmittagsbetreuung „Arbeit und Spielen“ für die fünften und sechsten Klassen wurde eingerichtet, ein Sport-Leistungskurs angeboten, es gab zahlreiche Ausstellungen und Theater- und Musikaufführungen. Schließlich bat die Schule beim Kultusministerium darum, Englisch neben Latein als Eingangssprache anzubieten. Vergeblich, es war zu spät, und man ging nicht darauf ein. Hans-Joachim Redzimski fragte daraufhin in der RHEINPFALZ: Verurteilt eine sterbende Sprache auch ein Gymnasium gleichfalls zum Sterben?

Stadtrat stimmt für Erhalt des HWG

Viele Zweibrücker waren empört über die drohende Schließung des ehrwürdigen Gymnasiums. Die Elternvertretung des Herzog-Wolfgang-Gymnasiums, die Schülermitverantwortung, der Verein der Freunde, ehemalige Schüler und zahlreiche Zweibrücker setzten sich für den Erhalt der Schule ein. Die Zweibrücker kämpften wie selten. Unzählige Leserbriefe wurden geschrieben, Funk und Fernsehen berichteten über „Elternsorgen und Schülerklagen, Stellungnahmen von Schulleitung und aus dem Ministerium“, vorgetragen von den Elternvertretern Gerhard Herz (er ist im März im Alter von 87 Jahren gestorben) und Hans Ludwig sowie Schulleiter Kurt Werling. Kultusminister Georg Gölter (CDU) appellierte in einer Stellungnahme an die Vernunft der Bürger: Die Entwicklung der Schule sei nicht absehbar gewesen; das HWG sei inzwischen das kleinste staatliche Gymnasium in Rheinland-Pfalz. Er befürchte den Verlust der pädagogischen Freiheit der Schule, die keine eigenständige Oberstufe mehr bilden könne und deshalb „sehnsüchtig auf jeden Schüler warte“ und ungeeignete Schüler nicht mehr abweisen könne. Wenn Herzog-Wolfgang-Gymnasium und Helmholtz-Gymnasium (HHG) fusionierten, gebe es eine größere Chance, die Tradition der Schule fortzuführen. Ein altsprachlicher Bildungszweig an der fusionierten Schule bleibe selbstverständlich erhalten.

Doch auch dieses Versprechen konnte die Wogen nicht glätten. Das geplante Großgymnasium mit über 1200 Schülern, eines der größten in Rheinhessen-Pfalz, werde aus pädagogischen und organisatorischen Gründen von allen Beteiligten eindeutig abgelehnt, fasste der Schulelternbeirat des Herzog-Wolfgang-Gymnasiums die Kritik in einer Stellungnahme und in einem Leserbrief zusammen. Im Dezember 1987 sprach sich der Zweibrücker Stadtrat mit einem einstimmigen Votum für den Erhalt des Gymnasiums aus.

Traueranzeige für Schule in der Zeitung

Schon seit dem 5. November 1987 war die Auflösung bekannt, denn Elisabeth Rickal, Staatssekretärin im Kultusministerium, teilte im Musiksaal des Schulzentrums den Kollegien des HWG und des HHG den Beschluss der CDU-geführten Landesregierung mit, das Herzog-Wolfgang-Gymnasium zu schließen. Schon vor den Sommerferien hatten die Schüler des HWG im Pfälzischen Merkur eine Traueranzeige geschaltet: Die Beerdigung der 429 Jahre alt gewordenen Schule finde „im Massengrab Bleicherstraße“ statt, hieß es dort. Werner Euskirchen vom Verein der Freunde des Herzog-Wolfgang-Gymnasiums sprach in einer Informationsveranstaltung vom „schrumpfenden Bildungsangebot“ in Zweibrücken und kritisierte die „Nivellierung“ und „Wegrationalisierung“ des Bildungsangebots. Der spätere Zweibrücker Oberbürgermeister Helmut Reichling kritisierte zwar heftig die bevorstehende Schließung mit den Worten, möglicherweise passe ein altsprachliches Gymnasium nicht in „das derzeitige geistige Tiefland“, aber man solle Wehklagen vermeiden und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. „Humanitas und scientia“, also Menschlichkeit und Wissenschaft, könnten auch Wahlspruch der neuen Schule sein; die traditionellen humanistischen Bildungsinhalte könnten auch dort vermittelt werden.

Acht Monate nach der Ankündigung war es soweit: Am 13. Juli 1988 kam der Vertreter der Aufsichtsbehörde in Neustadt, Regierungsschuldirektor Götz Morasch, zur letzten Dienstbesprechung des Gymnasiums und verabschiedete den Schulleiter Kurt Werling und seinen Stellvertreter Hermann Krämer. Den Mitgliedern des Kollegiums händigte er die Versetzungsurkunden aus. Die Lehrkräfte gehörten nun zum Kollegium des Helmholtz-Gymnasiums. Im Bereich der Lehrerzimmer wurde von den Hausmeistern die mobile Trennwand weggeschoben: Aus zwei kleinen Lehrerzimmern wurde ein großes gemeinsames, und aus zwei Kollegien ein sehr großes. Das Herzog-Wolfgang-Gymnasium war Geschichte.

1000 Schüler kommen hinzu

Auch für die Schüler änderte sich einiges: Zwar waren die beiden Schulen schon seit 1981 in einem Schulgebäude untergebracht, aber jetzt waren sie eine gemeinsame Schule mit einer Schulleitung und vielen neuen Lehrern. Zu den 329 Schülern des altsprachlichen Gymnasiums kamen nun knapp 1000 Schüler dazu. Karl Ernst Drumm, Oberstudiendirektor am Helmholtz-Gymnasium, übernahm nun auch die Leitung der gesamten Schule. Sein Stellvertreter war Volker Schmidt; Jürgen Glahn, ehemaliger zweiter Stellvertreter am HWG, übernahm nun diese Aufgabe am Helmholtz-Gymnasium.

Nach der Eingliederung des altsprachlichen Gymnasiums gab es weitere erregte Diskussionen um den Namen der Schule. Die Bezeichnung Herzog-Wolfgang-Gymnasium für die fusionierte Schule konnte sich nicht durchsetzen, wohl aber der gute Klang des Schulnamens. Denn die Hauptschule Mitte, die sich nach dem Auszug des Gymnasiums aus dem Gebäude in der Wackenstraße nun in dessen Gebäude befand, nannte sich nach einer Empfehlung des städtischen Schulträgerausschusses nun „Herzog-Wolfgang-Realschule plus Zweibrücken“, trotz des Widerstands aus Teilen der Bevölkerung.

Die wissenschaftliche Regionalbibliothek Bibliotheca Bipontina war seit dem 19. Jahrhundert dem Herzog-Wolfgang-Gymnasium zugeordnet. Sie wurde nach der Auflösung der Schule selbstständige Landeseinrichtung. Am 1. September 2004 verlor sie ihre Selbstständigkeit und wurde Teil des Landesbibliothekszentrums Rheinland-Pfalz. Wie es mit diesem Kleinod und vor allem dem wertvollen Altbestand weitergeht, ist noch offen.

Das Cover des letzten Jahresberichts 1987/88.
Das Cover des letzten Jahresberichts 1987/88.
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