Speyer
Stoffhaus-Explosion: Kosmetik-Manufaktur Shaoyun läuft die Zeit davon
Nürnberg, Düsseldorf, München, Berlin: Shaoyun Liang und Daniel Laschkari gehen in diesem Jahr auf große Deutschland-Tour und klappern alle möglichen Schönheits- und Bio-Messen ab. Gerade erst sind sie aus Düsseldorf zurückgekommen. Für das Touren haben sie sich extra einen Lkw gekauft, mit dem sie ihren Messe-Stand hin- und hertransportieren können. „Das ist günstiger als jedes Mal einen Lkw zu mieten“, meint Laschkari, Geschäftsführer der Kosmetik-Manufaktur Shaoyun. Allein 15 Messen waren es seit Januar. Das Paar wird dabei von zwei parallel verlaufenden Entwicklungen angetrieben: Ihr neues Produkt zu bewerben und irgendwie Geld zu generieren, um am Markt bleiben zu können.
Denn die Renovierungsarbeiten im früheren „Stoffhaus“, in das sie mit ihrem Betrieb im vergangenen Jahr einziehen wollten, um sich zu vergrößern, sind bis Ende März kaum vorangekommen. Einzugstermin: ungewiss. Für das wirtschaftliche Überleben des Unternehmens ist dieses Detail aber entscheidend.
Dazu kommt, dass Liang zwei Jahre lang an jenem Produkt getüftelt hat, das sie nun auf Messen präsentiert: Lippenstifte ohne Titaniumdioxid, die nur aus Obst, Gemüse, Kräutern und Blüten hergestellt und daher – rein theoretisch – essbar sind. Während der Corona-Lockdowns hat Liang die Formel verbessert und marktreif gemacht. Die Rezeptur ist so geheim, dass nur engste Familienmitglieder beim Herstellungsprozess dabei sein dürfen.
Liang: „Nächstes Jahr vielleicht schon Kopien“
Das Produkt weckt offenbar Interesse. Gerade erst hat sich Liang in Düsseldorf mit Fernsehmoderatorin Frauke Ludowig Social-Media-wirksam ablichten lassen. Auf den Messen seien sie bereits von „großen Herstellern“ der Branche angesprochen worden, die wissen wollten, wie Liang geschafft hat, was den anderen bisher verwehrt geblieben war: die Formel für Bio-Lippenstifte ohne Titandioxid. „Die versuchen es auch, aber haben bisher noch nicht rausgekriegt, wie es funktioniert“, erzählt Laschkari über Gespräche mit Vertretern anderer Firmen. Ein Kooperationsangebot habe man ebenso bereits erhalten. Aus genau dem Grund werde Liang auch kein Patent anmelden: Denn dann wäre das Verfahren offen gelegt und könne leichter kopiert werden.
Dass die Konkurrenz das Prinzip irgendwann nachahmt und mit ähnlichen Produkten auf den Markt kommt, ist nur eine Frage der Zeit, wie Liang glaubt: „Ich muss jetzt die Chance nutzen, weil es nächstes Jahr vielleicht schon Kopien gibt.“ Händler aus ganz Deutschland würden inzwischen bei den Speyerern Bestellungen für den speziellen Lippenstift aufgeben. Gerade erst habe Laschkari Anfragen von Apotheken aus Berlin und München angenommen, deren Filialen an zentralen Plätzen der Großstädte stehen. „Die Bestellungen steigen seit Ende 2022 alle ein bis zwei Wochen um 50 bis 80 Prozent“, erzählt Laschkari.
Lieferzeiten von bis zu sechs Wochen
Liang träumt schon von einer künftigen Produktpräsentation in Dubai. Auch Messen in der Schweiz und in Österreich habe man im Auge. Derzeit sei das aber noch nicht machbar. Dafür wollen sie ihr Produkt in den sozialen Netzwerken bewerben und mit Influencern zusammenzuarbeiten, die auf Plattformen wie Tiktok eine große Reichweite erzielen.
Das Selfmade-Ehepaar könnte also allen Grund zur Freude haben, oder? „Ich bin traurig“, antwortet Liang auf die Frage, wie es sich anfühlt, dass ihr Produkt immer gefragter wird. „Weil ich nicht produzieren kann“, ergänzt die aus China stammende Inhaberin der Manufaktur in der Korngasse. Man nehme zwar Bestellungen an, allerdings verbunden mit dem Hinweis von sehr langen Lieferzeiten. Bis zu sechs Wochen könne es dauern, ehe Händler eine Palette der neuen Lippenstifte erhalten.
200 statt 6000 Lippenstifte pro Tag
Seit mehr als einem halben Jahr steht bei Shaoyun die Produktion nahezu still. Eigentlich wollte das familiengeführte Unternehmen in das Stoffhaus ziehen, welches kurz vor dem geplanten Einzug durch eine Gasexplosion unbewohnbar geworden ist. Im November habe es ein Treffen mit der Stadt gegeben, bei dem versprochen worden sei, die Prozesse schnell anzustoßen. Seitdem sei nicht viel passiert, meint Laschkari. Informationen würden kaum fließen. „Wir erfahren vieles nur aus Zeitungsberichten“, heißt es bei den Kosmetikherstellern.
Bei Anrufen bei der Abteilung, die in der Stadtverwaltung für den Fall zuständig ist, heiße es oft, die Ansprechperson sei erkrankt oder im Urlaub. Laschkari, der regelmäßig am zerstörten Stoffhaus vorbeiläuft, fühlt sich zunehmend alleingelassen: „Da wird nichts gemacht.“ Eine Anfrage bei der Stadt dazu, wann und wie oft sich die Stadt mit den Shaoyun-Machern zu dem Thema getroffen hat, lässt die Pressestelle unbeantwortet.
Neue Maschinen stehen still
Die wahrscheinlich künftigen Mieter des Gebäudes sehen den Zeitplan in Gefahr, den die Stadt in Aussicht gestellt hatte. Es sei versprochen worden, die Immobilie in der Wormser Straße bis Ende dieses Jahres fit für den Einzug von Liangs und Laschkaris neuen Maschinen zu machen. Die sind zwar bis zum Einzug kostenlos bei der Stadt eingelagert, aber wären auch schon jetzt bitter nötig. Denn bis zu 6000 Lippenstifte am Tag könnten mit ihnen produziert werden, meint Liang. Ab März können die Manufaktur-Betreiber in ihren bisher angemieteten Räumen mit – extra bestellten – Maschinen lediglich 200 der neu entwickelten Lippenstifte pro Tag herstellen. Die Kosmetik-Hersteller sehen sich unter Zeitdruck, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht als mit der Aussicht, sich in einem Jahr womöglich gegen Konkurrenzprodukte am Markt erwehren zu müssen.
Erschwerend kommt hinzu: „Mit den bisherigen Vermietern in der Korngasse haben wir vereinbart, dass wir so lange bleiben können, bis es jemanden gibt, der hier einziehen möchte“, erklärt Laschkari. So könnten sie aus den bisherigen Räumen gekündigt werden, sobald sich ein möglicher Nachmieter langfristig binden wolle.
