Speyer
Stoffhaus-Mieter: „Wir überleben keine fünf Monate mehr“
Shaoyun Liang dreht ihren Laptop und ruft ein Bild eines Kartons auf. Darauf zu sehen ist eine Adresse: Shaoyun, Wormser Straße 8, 67346 Speyer. 15.000 Kartons für Kosmetikprodukte und 10.000 Tragetaschen für den Verkauf hat das Speyerer Familienunternehmen mit der neuen Adresse bereits bedrucken lassen. Inhaberin Liang und ihr Ehemann Daniel Laschkari, der sich um Marketing und Vertrieb kümmert, waren mitten im Umzugsstress, als sie von der Explosion in ausgerechnet dem Gebäude erfahren haben, in das sie bald einziehen wollten.
Große Pläne hatte Liang, die ihr Geschäft seit elf Jahren in Speyer betreibt und ungern in eine andere Stadt gehen möchte.
Die Zeit der Corona-Lockdowns habe die Kosmetikerin und ausgebildete Therapeutin in traditioneller chinesischer Medizin dazu genutzt, einen neuartigen Lippenstift zu produzieren, der ohne chemische Zusatzstoffe wie Titandioxid auskommen soll und dessen Hauptbestandteil Obst und Gemüse sei. Die ersten Kisten mit Proben stehen bereits in den bisherigen Geschäftsräumen. „Am 1. Oktober sind wir in München und wollen den Lippenstift dort präsentieren, aber wir können jetzt nicht produzieren“, erklärt Laschkari die Lage. 29 Kosmetik-Produkte stellt das Ehepaar selbst her. Allein von dem Lippenstift sind 13 Sorten geplant.
Einzug mehrfach verschoben
Hätte Shaoyun umziehen können, hätte sich die Manufaktur von 300 Quadratmeter Fläche auf mehr als das Doppelte vergrößert. Geplant war unter anderem auch, dort gesundes Essen zu kochen und Kunden anzubieten. All das hat sich nach der Explosion Ende August auf unbestimmte Zeit verschoben. Es ist nicht die erste Verzögerung ihres geplanten Einzugs in das ehemalige Stoffhaus. Die Stadt habe ihnen zunächst März 2022 als Einzugstermin in Aussicht gestellt. Wenigstens ins Erdgeschoss wollten sie einziehen, auch wenn der Rest noch nicht fertig gewesen wäre. Dann hätte das Ehepaar mit den eigens für die größeren Räumlichkeiten gekauften Maschinen wieder produzieren können. Der Termin war nicht zu halten, die Maschinen mussten ins Lager – die Stadt stellte die nötigen Räume.
Zuletzt sei ihnen September 2022 als Datum genannt worden, auch wenn schnell klar gewesen sei, dass es eher Oktober wird. Das Ehepaar bereitete sich so oder so darauf vor, bald umziehen zu können und begann Mitte August damit, in der bisherigen Geschäftsadresse am Kornmarkt einzupacken. Behandeln und produzieren können sie dort seitdem nicht mehr oder nur noch in Kleinstmengen.
Laschkari: „Wir wussten von nichts“
„Die bestellten Maschinen passen nicht in die bisherigen Räume“, stellt Laschkari klar. Der Mietvertrag am Kornmarkt für die Büro-Räume sei bereits gekündigt. Der Eigentümer habe mit Shaoyun für einen kurzen Zeitraum verlängert, damit die Manufaktur den Platz als Lager nutzen kann. „Findet er schnell einen Nachmieter, müssten wir sofort raus“, erklärt Laschkari. Die 50-jährige Liang, die vor 30 Jahren aus China nach Speyer gekommen ist, hat mittlerweile einige Kartons wieder ausgepackt, um wenigstens ein bisschen arbeiten zu können. „Das Problem ist, dass wir für unsere Extrakte eine Produktionszeit von neun Wochen haben“, erklärt Laschkari den Zeitdruck, der auf den beiden lastet. Mit den im Voraus hergestellten Produkten könnten sie sich noch eine Weile über Wasser halten. Eigentlich war geplant, ab Ende Oktober am neuen Standort zu produzieren. Sie wissen nicht, wie sie aus dieser Zwickmühle herauskommen.
Über die Stadt als Eigentümer des Hauses möchten sie sich nicht beschweren, fühlen sich nach eigener Aussage gut aufgehoben. Doch man habe sie nach der Explosion drei Wochen lang im Dunkeln darüber gelassen, wie es weitergeht. „Wir wussten von nichts. Dass das Projekt noch gerettet werden kann, haben wir zuerst aus der Zeitung erfahren“, sagt Laschkari sichtlich gerührt. Zu dem Zeitpunkt liegen bereits schlaflose Nächte hinter dem Ehepaar. „Wir haben Corona überlebt, aber in dieser Situation schaffen wir keine fünf Monate“, so Liang.
Stadt macht ein Angebot
Am Mittwoch haben sich Vertreter der Stadt und die Shaoyun-Inhaber das erste Mal seit der Explosion getroffen. Dabei sei Liang und Laschkari erklärt worden, dass die Stadt plane, unter anderem eine neue Kellerdecke einzuziehen. „Der Wille der Stadt ist da, dass Haus wieder herzurichten“, sagt Laschkari. Viel mehr sei aber noch nicht bekannt, weil die Ermittlungen von Staatsanwaltschaft und Polizei noch keine weiteren Erkenntnisse zu Tage gefördert haben. Es gilt weiterhin: abwarten. „Die Stadt vermutet, dass bis Mitte 2023 eine neue Kellerdecke eingezogen sein könnte“, erklärt der 59-Jährige. Bis dahin wäre die Kosmetikmanufaktur nach Aussage des Inhaber-Ehepaars pleite.
Die Verwaltung habe daher angeboten, nach Räumen Ausschau zu halten, in denen die Kosmetikmanufaktur bis dahin – eingeschränkt – produzieren kann. Zwei Standorte sind in der engeren Auswahl. „Die großen Maschinen können wir da nicht installieren, die sind zur einmaligen Installation gedacht“, erklärt Laschkari. Kleinere Maschinen könne man dort für die Zeit der Überbrückung aufstellen.
Offene Fragen
Für Liang und Laschkari gibt es dabei aber einen Haken: „Diese Überbrückung muss für uns wirtschaftlich rentabel sein“, sagt der Geschäftsführer. Er geht von einer fünf- bis sechsstelligen Summe aus, die für diese Zwischenlösung anfallen würde. Könnte Shaoyun wie ursprünglich geplant vom Standort Wormser Straße 8 produzieren, hätten die Unternehmer nach Aussage von Laschkari schon viel mehr Aufträge bearbeiten können: „Wir hatten bereits im Mai Aufträge, die wir nicht erfüllen konnten.“ Für die Messe im Oktober, bei der Liangs neuartiger Lippenstift präsentiert werden soll, erwarten die Speyerer auch neue Aufträge. Ob sie diese erfüllen können, ist ungewiss.