Speyer
Missbrauchsstudie: Wie die Pressekonferenz des Bistums verläuft
„An ihren Taten sollt ihr sie erkennen!“ Tanja Müller steht vor dem Zugang zum Priesterseminar St. German und reckt ein selbstgebasteltes Schild in die Höhe. Der Bibelvers ist ein Teil ihres Protests gegen Missbrauch im Bistum Speyer. Sie sei selbst Betroffene, sagt die mit Gatte Markus eigens aus einem anderen Bundesland angereiste Frau. Der Priester, der ihr Leid zugefügt habe, dürfe immer noch mit Schutzbefohlenen arbeiten, kritisiert sie.
Müller kommt mit Journalisten ins Gespräch, die zur Pressekonferenz eilen, die an diesem Vormittag im Priesterseminar angesetzt ist. Neben Bischof Karl-Heinz Wiesemann sitzen Generalvikar Markus Magin, Personalchefin Christine Lambrich und Bernd Held, Vorsitzender des Betroffenenbeirats im Bistum, auf dem Podium. Die Auslöser der Fotografen klicken. Fünf TV-Kameras sind aufgestellt. Die Redner bekommen Headsets mit Mikrofonen angelegt. „Dieser Tag gehört den Betroffenen“, sagt Pressesprecherin Luisa Vollmuth und bittet darum, Fragen zum neuen Papst zurückzustellen.
Erschütterter Oberhirte
Wiesemann zeigt sich erschüttert über die Ergebnisse des am Tag zuvor in Mannheim vorgestellten ersten Teils der Aufarbeitungsstudie zu sexuellem Missbrauch im Bistum Speyer. Unabhängige Wissenschaftler haben die Ergebnisse auf mehr als 470 Seiten niedergeschrieben. Die Stimme des Oberhirten stockt kurz, bevor er „aus ganzem Herzen um Vergebung bittet“. Die Übergriffe von laut Studie 109 Tätern haben sich ganz überwiegend vor Wiesemanns Amtszeit (ab 2007) ereignet, Defizite in der Aufarbeitung soll es aber auch in dieser noch gegeben haben.
Ein Großteil der Pressekonferenz ist der langen Liste an Maßnahmen gewidmet, mit denen das Bistum heute Missbrauch vermeiden will. Lambrich und Magin erklären ausführlich die Details, Wiesemann nickt. Bei einer Journalistenfrage, die nahelegt, die Kirche lasse es nach der Studie beim „rhetorischen Kniefall“ bewenden, geht der Bischof dazwischen. Er wirkt angegriffen. „Das bewegt mich persönlich wirklich“, betont er.
Die Ergebnisse der Studien werden alle Bistumsvertreter noch lange beschäftigen. Das wird beim Medientermin im sonnendurchfluteten Seminar deutlich. Noch am Freitagnachmittag ist eine Videokonferenz mit allen Pastoralmitarbeitern angesetzt. Diese könnten ja womöglich schon bei den Gottesdiensten am Wochenende mit Folgen konfrontiert werden, erklärt Magin. Die Geistlichen vor Ort könnten dann ein Bischofswort verlesen. Mit allen anderen Mitarbeitern werde am Montag konferiert, eine weitere Runde sei schon für übernächste Woche vereinbart.
Druck vor dem Tor
Das Klima bleibt sachlich – im Priesterseminar, wo die Redner nun noch Einzelstatements vor den Mikrofonen abgeben, und vor dem Tor, wo sich Demonstrantin Tanja Müller interviewen lässt. „Ich will Druck auf die Kirche ausüben, damit der Priester, um den es bei mir geht, nicht mehr mit Schutzbefohlenen arbeiten darf“, erklärt sie ihre Absicht.
Sie wolle den Mann noch nicht outen, könne aber sagen, dass sich der Missbrauch Anfang vor allem Anfang der 2000er-Jahre in einer südpfälzischen Pfarreiengemeinschaft abgespielt habe, so Müller. Ein Vertrauensverhältnis, das sie als Pfarrhaushälterin eingegangen sei, sei in Körperverletzungen, psychischer und sexualisierter Gewalt geendet. „Ich war ihm fast zehn Jahre ausgeliefert, die körperlichen und seelischen Folgen bleiben.“ Sie sei heute zu 40 Prozent schwerbehindert, so die 50-Jährige.
Ihr Fall sei beim Bistum bekannt, sagt die Frau noch. In der Pressekonferenz geht es an diesem Tag jedoch nicht um Einzelfälle. Diese kommen womöglich in Zukunft zur Sprache: Ein zweiter Teil der Missbrauchsstudie steht noch aus.
