Mutterstadt
Weitere Stolpersteine für Verfolgte verlegt
Dass eine Kleinigkeit reicht, um in einer Diktatur entrechtet zu werden, zeigt das Beispiel Friedrich Börstler. Er war als Sozialdemokrat und Vorstandsmitglied eines Arbeitersportvereins ohnehin im Visier der Nazis. Dass der Schuldiener – heute würde man Hausmeister sagen – ein Schulfest vor dem Absingen des Horst-Wessel-Liedes verließ, diente dann 1933 als Anlass für seine Entlassung und Drangsalierung. Für Börstler, nach dem Zweiten Weltkrieg Mitwiedergründer des SPD-Ortsvereins und kurzzeitig ehrenamtlicher Bürgermeister von Mutterstadt, wurde an der Pestalozzischule in der Fußgönheimer Straße ein Stolperstein verlegt.
Es war das dritte Mal seit Februar 2022, dass sich in Mutterstadt Menschen zum Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus an deren einstigen Wohn- und Wirkungsstätten versammelten. Und Gunter Demnig, Künstler und vor 17 Jahren Initiator dieser Kunst- und Gedenkaktion, war diesmal wieder mit dabei und griff gewohnt stoisch und still zu Kelle und Gummihammer. Im Mai habe er in Nürnberg den 100.000. Stolperstein verlegt, erzählte er im Gespräch. Die Stolperstein-Aktion ist laut Bürgermeister Thorsten Leva (SPD) „das größte dezentrale Mahnmal der Welt“. Erläuterungen an den sechs neuen Verlegeorten gaben Volker Schläfer vom Historischen Verein, Archivarin Christina Wolf und Büroleiter Gunther Holzwarth. Leva dankte neben den Initiatoren und „allen, die die Erinnerung aufrecht erhalten“, auch den Stiftern der Stolpersteine.
Geflohen oder deportiert
Darunter ist diesmal auch ein junges Paar. Patrick und Elena Schowalter haben einen Stolperstein für Emma Oehlbert gestiftet, die Mutter der jüdischstämmigen Familie, für die in der Oggersheimer Straße vor der Hausnummer 33 sieben Gedenksteine verlegt wurden. Ihre Motivation: „Wir finden das Gedenken und diese Aktion sehr wichtig.“ Und als sie dann noch festgestellt haben, dass die Familie Oehlbert einst quasi gegenüber ihrer Wohnung gelebt hat, war für die beiden „klar, dass wir da einen Stein übernehmen“. Denn hier werde deutlich, „wie nah das ist“, sagt Patrick Schowalter. Verbunden mit der Hoffnung, dass man vielleicht doch aus der Geschichte lernt, findet seine Frau Elena.
Am Freitag war auch eine Nachfahrin der Familie Oehlbert gekommen, Laura Kipp aus Alzey. Und eine Mutterstadterin, die bei der Verlegung teilnahm, erzählte spontan, dass sie als Schulmädchen die Familie noch gekannt habe: „Das waren alles so schöne Mädchen.“ Dass die Mutter und ihre fünf Töchter Liselotte, Irma, Ruth, Marianne und Thea zum Katholizismus konvertiert waren, nutzte ihnen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft nichts im Dritten Reich. Sie mussten fliehen oder wurden interniert, zwei der Töchter in Auschwitz ermordet. Über die Herkunft und die Verwandtschaft der Familie konnte auch Renate Rosenau berichten. Die frühere Ludwigshafener Schulleiterin ist in Alzey, Herkunftsort der Oehlberts, in der Gedenkarbeit aktiv.
Erstmals ist im Rhein-Pfalz-Kreis auch eine Stolperschwelle verlegt worden: am früheren Standort der Synagoge in der Oggersheimer Straße. 1838 erbaut und 100 Jahre später in der Reichspogromnacht niedergebrannt, „ein schwerer Schlag für die damals noch 63 in Mutterstadt lebenden Juden“, berichtete Ortshistoriker Volker Schläfer. Diese Schwelle hat die Ortsgemeinde gestiftet, alle anderen Steine haben Privatleute finanziert.
Gunter Demnig hat am Vorabend der Stolpersteinverlegung im Palatinum über seine Arbeit berichtet, seit 1996 mit seinem Gedenkprojekt. Mit den am Freitag verlegten Steinen mit Messingplatten mit Lebensdaten und Namen der Opfer wird nun in Mutterstadt an mehr als 60 verfolgte und entrechtete Einwohner gedacht – dazu die Stolperschwelle zum Gedenken an die Synagoge. Neben den bereits Genannten erinnern die Messingplatten nun an die Geschwister Blandina und Richard Loeb (Untere Kirchstraße 2), das Ehepaar Isidor und Klara Maas (Fußgönheimer Straße 9) sowie an die Familie Jakob, Paula und Kurt Eppler (Neustadter Straße 15). Laut Thorsten Leva gibt es weitere Stifter, sodass es sicher weitere Verlegeaktionen geben könne.