Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Graben auf den Spuren jüdischen Lebens in Mutterstadt

Hier war die Mutterstadter Synagoge: Gemeindevertreter und Experten begutachten die Grabungsarbeiten.
Hier war die Mutterstadter Synagoge: Gemeindevertreter und Experten begutachten die Grabungsarbeiten.

Sieben Tage lang ist auf dem Gelände an der Oggersheimer Straße in Mutterstadt sorgsam gegraben worden. Hier sollen neue Wohnungen und Geschäfte entstehen. Dies bedarf jedoch einer denkmalrechtlichen Genehmigung, denn schließlich handelt es sich um ein sogenanntes Grabungsschutzgebiet: Die Funde zeigen Spuren jüdischen Lebens.

„Die Synagoge brennt“! Dieser Ruf seines Onkels Ferdinand am frühen Morgen des 10. November 1938 war laut Augenzeugenbericht von Ernest Loeb, veröffentlicht 1988 anlässlich des 50. Jahrestags des Novemberpogroms, unauslöschlich in seinem Gedächtnis verankert. SA-Leute hatten das jüdische Gotteshaus mit 100 Litern Benzin angezündet und niedergebrannt. Im Laufe des Tages wurden jüdische Wohnungen geplündert, wenig später mussten die jüdischen Familien in sogenannten Judenhäusern zusammenziehen. Die Synagogenruine wurde abgerissen, schon Anfang 1939 erinnerte nichts mehr an sie.

Im Oktober 1940 wurden die letzten 52 jüdischen Einwohner Mutterstadts zusammen mit Tausenden anderen pfälzischen und badischen Juden in das Internierungslager Gurs nach Südfrankreich deportiert. Nur wenige überlebten. Dank glücklicher Umstände wurde Ernest Loeb von der Gestapo freigelassen und konnte in die USA fliehen. 1992 starb er im Alter von 84 Jahren in New York.

An Landwirtsfamilie verkauft

Ein Teil des rund 500 Quadratmeter großen Areals, auf dem 1838 die erste, und später die 1904/05 noch einmal erweiterte zweite Synagoge mit der Jugendstilfassade stand, wurde im Krieg als Löschteich genutzt. Nach dem Krieg wurde es, der Rechtsnachfolge entsprechend, in jüdische Hände zurückgegeben.

„Ende 1955 konnte unsere Familie sowohl den Synagogenplatz, als auch das nebenliegende Anwesen Berlet erwerben“, erzählt der bisherige Eigentümer Hartmut Kegel (FWG), dritter Beigeordneter der Gemeinde. Die damalige jüdische Kultusgemeinde in Neustadt habe das Gelände an seine Familie verkauft. Kurz darauf wurde ein Teil des Grundstücks an die Gemeinde Mutterstadt abgetreten, um die Oggersheimer Straße zu erweitern, erläutert Kegel. Die Grundstücke gehörten zum landwirtschaftlichen Betrieb und waren teilweise bebaut.

Zwei Wochen lang Gelände sondiert

Im Oktober 2019 wandten sich Kegel und der zukünftige Bauträger wegen des historischen Geländes an die Untere Denkmalschutzbehörde bei der Kreisverwaltung. Diese hat in Abstimmung mit der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE), Landesarchäologie, das Gelände im Februar zum Grabungsschutzgebiet erklärt. Seit Ende Januar liefen die Abrissarbeiten. Die Speyerer Landesarchäologie hat nun rund zwei Wochen lang das Gelände sondiert. Vier Suchschnitte wurden getätigt.

Den 20-Tonnen-Bagger, der dabei zum Einsatz kam, stellte der Bauträger. „Natürlich mit einem Baggerlöffel ohne Zähne“, erklärt Grabungstechniker Uli Mayer. Mit diesem sei man äußerst langsam und behutsam „runter“ gegangen in eine Tiefe bis zu einem Meter. „Sobald es irgendwo geknirscht hat, wurde gestoppt und es ging per Hand weiter“, beschreibt er die Vorgehensweise. Werkzeug der Wahl war dabei ein sogenannter Wiedehopf, eine Art Hacke. Zum Glück hatte Mayer als Vorlage ein Katasterblatt aus dem Jahre 1904, auf dem der Grundriss des Synagogenneubaus verzeichnet war. Diesen hat er vermessen und auf die Baustelle übertragen. So hatte er wichtige Anhaltspunkte, wo Mauerreste wahrscheinlich waren. Und tatsächlich wurde er mit seinem Team fündig. Trotz des zutage getretenen „Mauer-Sammelsuriums“ kann er mit Bestimmtheit die Außenmauern des Gotteshauses im gegen Osten gerichteten hinteren Bereich mit angrenzender Apsis definieren. Eine trapezförmige Fundamentkonstellation lässt Rückschlüsse auf einen ehemaligen Thoraschrein zu.

Mauerreste bleiben, wo sie sind

Was passiert nun mit den freigelegten Relikten? „Das Beste, das einem Denkmal passieren kann, ist, wenn es im Boden bleiben kann. Dort, wo es schon die letzten 100 Jahre sicher konserviert war“, erklärt Mayer. Das Ganze wurde kartografiert und dokumentiert. David Hissnauer, Gebietsreferent bei der Landesarchäologie Speyer, betont: „Das, was hier gefunden wurde, genießt denkmalrechtlichen Schutz.“ Boden zu erhalten sei ein gesetzlicher Auftrag.

Unter welchen Auflagen das Bauen ohne Beeinträchtigung der historischen Mauerzüge möglich sei, werde in einer denkmalrechtlichen Genehmigung geregelt, erläutert Hissnauer weiter. Durch die Auffindung der Fundamente der Synagoge habe sich eine neue Situation ergeben, auf die der Bauträger bei seiner Planung reagieren werde. Es werde ein Vorschlag erarbeitet, der dann von der Unteren Denkmalschutzbehörde des Rhein-Pfalz-Kreises und der Landesarchäologie geprüft werde. Diese liefere dazu eine Stellungnahme und fachliche Bewertung.

Gedenktafel ist geplant

Generell sei die Zusammenarbeit mit dem Bauträger gut, das bestätigt Michael Pack von der Kreisverwaltung. Trotz oberflächlicher Bebauung soll die Erinnerung an die im Boden liegenden Spuren jüdischen Lebens in Mutterstadt nicht verloren gehen. Dafür wird laut Bürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD) eine Kachel mit passendem Hinweis sorgen, die an künftigen Gebäuden vor Ort angebracht wird.

Unauslöschliche Erinnerungen bleiben auch der letzten lebenden Zeitzeugin, Ruth Külbs, geborene Dellheim (97). „Als kleines Mädchen war ich das ein oder andere Mal mit meinem Großvater Isaak in der Synagoge“, erzählt die Ur-Mutterstadterin am Telefon. Ihr Vater Fritz konnte sich während der Verfolgung versteckt halten. Selbst Halbjüdin, floh sie 1944 mit ihrer Familie auf dem Fahrrad nach Edenkoben, um nach Kriegsende nach Mutterstadt zurück zu kehren. Und trotz allem, was sie damals erlebt hat, sagt sie heute: „Ich bin glücklich.“

Noch Fragen?

Informationen zum jüdischen Leben in Mutterstadt inklusive Augenzeugenberichten und Bildmaterial im In Internet: www. judeninmutterstadt.org

Die Mauerreste zeigen den Fachleuten, wo genau das Gotteshaus einst stand. Sie sollen in der Erde erhalten bleiben.
Die Mauerreste zeigen den Fachleuten, wo genau das Gotteshaus einst stand. Sie sollen in der Erde erhalten bleiben.
Die historische Postkarte zeigt die Synagoge in Mutterstadt.
Die historische Postkarte zeigt die Synagoge in Mutterstadt.
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