Mutterstadt RHEINPFALZ Plus Artikel 27 Stolpersteine für NS-Opfer verlegt

Seit den 90er-Jahren verlegt der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine, doch Routine sei es nie, sagt er.
Seit den 90er-Jahren verlegt der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine, doch Routine sei es nie, sagt er.

Opfer des Nationalsozialismus gibt es auch in Mutterstadt und „sie haben ein Recht auf Erinnerung“, sagte Bürgermeister Hans-Dieter Schneider (SPD) bei der Stolperstein-Verlegung. 27 davon sollen erinnern. Auch Nachkommen der Opfer waren da.

Sie sind 96 mal 96 mal 100 Millimeter große Würfel. Die Gedenksteine, die Gunter Demnig entworfen und erstmals Anfang der 1990er-Jahre verlegt hat, sollen die Namen der Opfer dorthin zurückbringen, wo, wie er sagt, „das Grauen angefangen hat“. Von einem Rabbi habe er einst das Zitat aus dem Talmud gehört: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Diesem Vergessen möchte er vorbeugen – mit den messingglänzenden Tafeln, auf denen die Namen, Daten und wichtige Informationen der zwischen 1933 und 1945 verfolgten, inhaftierten oder ermordeten Menschen stehen.

Vor vier Jahren wurde in Mutterstadt die Idee angestoßen. Im Januar 2020 wurde zunächst vom Kulturausschuss, dann vom Gemeinderat beschlossen, am Projekt des Kölner Künstlers teilzunehmen. Eine Verlegung war ursprünglich für Mai 2021 geplant, Corona-bedingt konnte sie erst jetzt stattfinden. Ein Jahr lang hat Gemeinde-Archivarin Christina Wolf in Absprache mit Gunther Holzwarth, Büroleiter der Gemeindeverwaltung, und Volker Schläfer vom Historischen Verein Personen aus verschiedenen Opfergruppen recherchiert und 27 Nominierungen für eine erste Aktion dieser Art erarbeitet. Gleichzeitig wurden zur Deckung der Kosten von 120 Euro pro Stein 23 Spender gefunden. 30 Sponsoren möchten nun 40 weitere Steine finanzieren, erläutert Schneider. „Wir haben versucht, ein ausgewogenes Verhältnis zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Opfern, zwischen für Mutterstadt prominenten und nicht prominenten Opfern herzustellen“, erklärt die Archivarin. Auch in der Mutterstadter Ortschronik erwähnt ist zum Beispiel das Schicksal von Alfred Dellheim (geboren 1924), der 2002 Ehrengast der Gemeinde bei der Einweihung der Tafel war, die an die 52 im Jahr 1940 nach Gurs deportierten Mutterstadter Juden erinnern soll. Für ihn, seine Schwester Tilli und die Eltern Amalie und Julius Dellheim setzte Demnig in der Friedensstraße 8 vor der Pension Ruth vier Stolpersteine. Der Bauhof hatte zuvor passgenaue Pflaster-Aussparungen vorbereitet.

Auch ein Bürgermeister war Opfer

Extra aus Berlin angereist waren die Kinder von Alfred Dellheim, Tochter Judith (68) und Sohn Axel (70). Obwohl ihnen dabei die verschiedensten Gefühle durch Kopf und Magen gingen, wollten sie an diesem Tag nicht fehlen. „Uns war es wichtig, für unseren Vater hier zu sein“, betonen sie. Einen persönlichen Grund, genau für dessen Stein zu spenden, hatte der Ex-Bürgermeister der Gemeinde, Ewald Ledig (parteilos). Sein 1925 geborener Vater lebte damals in Hausnummer 10. „Die beiden sind als Nachbarskinder miteinander aufgewachsen“, erklärt er. Vielen Mutterstadtern ist der 2012 in New York verstorbene Heinz Eppler noch in Erinnerung, der 2005 bei der Gedenkfeier für die 100 Jahre zuvor eingeweihte Synagoge eine berührende „Versöhnungsrede“ hielt. Mit Frau und Enkelkindern besuchte er Mutterstadt mehrmals. Für ihn, seinen Großvater Isidor und dessen zweite Frau Bertha liegen nun Gedenksteine in der Neustadter Straße 15.

Weil er der erste Kontakt der Gemeinde zu einem Überlebenden des Holocaust aus Mutterstadt war, erhielten Ernest Löb (1908 bis 1993) sowie seine Mutter Sara und Vater Max jeweils einen Stein in der Speyerer Straße 1. Ebenfalls dem NS-Regime zum Opfer gefallen ist Mutterstadts erster hauptamtlicher Bürgermeister Jakob Weber. Er wurde wegen seiner SPD-Zugehörigkeit in verschiedenen Gefängnissen festgehalten und mit Ortsverbot belegt. Geschwächt von seiner Behandlung als Hassobjekt starb er im November 1933 mit 59 Jahren. Seiner gedacht wird künftig durch einen Stolperstein in der Turnhallenstraße 6.

Über 90.000 Steine verlegt

Diese Stolpersteine, die nur gedankliches Stolpern bewirken wollen, sind das Lebenswerk des 74-jährigen Bildhauers Gunter Demnig. 90.000 Steine hat er in 26 Ländern und 1300 Kommunen bereits verlegt. In einem Nicht-Corona-Jahr, zuletzt 2019, ist er 270 Tage auf Achse. Noch immer mit Herzblut. „Kein Künstler in seinem Atelier erlebt sowas wie ich“, ist er überzeugt. Auch wenn er inzwischen die Steine im Schlaf setzen könnte, machen die Einzelschicksale noch immer etwas mit ihm. „Es wird keine Routine“, sagt er, noch bevor er in seinem roten, mit Schnellbeton beladenem Transporter zur nächsten Stolperstein-Verlegung unterwegs ist.

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