Rhein-Pfalz-Kreis RHEINPFALZ Plus Artikel Vor dem Betrüger gerettet: Wie Bankmitarbeiter und Taxifahrer helfen können

Oft geht es um viele Tausend Euro, die Senioren verlieren können, wenn sie auf Betrugsmaschen hereinfallen und keiner sie rettet
Oft geht es um viele Tausend Euro, die Senioren verlieren können, wenn sie auf Betrugsmaschen hereinfallen und keiner sie rettet.

Schockanruf. Enkeltrick. Der falsche Microsoft-Mitarbeiter, der an Passwörter will. Im Rhein-Pfalz-Kreis – besonders in Schifferstadt und Mutterstadt – verzeichnet die Polizei derzeit viele Betrugsanrufe und schlägt Alarm. Sie warnt vor allem Senioren. Nicht umsonst. Eine Taxifahrerin, ein Bankmitarbeiter und ein Computerexperte berichten, was sie erlebt haben.

Die Polizei warnt aktuell nicht nur die Bürger davor, dass gerade viele Betrüger zum Hörer greifen, sich als Mircrosoft-Mitarbeiter ausgeben oder als Enkel in Not. Die Beamten wollen auch all diejenigen sensibilisieren, die auf Menschen treffen könnten, die solch einem Betrüger auf den Leim gegangen sind. Das könnten Bankmitarbeiter sein. Oder Taxifahrer. In einer Mitteilung des Polizeipräsidiums Rheinpfalz heißt es: „Sind Sie Taxifahrerin oder Taxifahrer und fahren gerade eine ältere Person zu einer Bank, weil diese Geld abheben möchte? Oder sind Sie Mitarbeiterin oder Mitarbeiter einer Bank und sollen einer älteren Person einen ungewöhnlich hohen Geldbetrag von ihrem Konto auszahlen?“ Dann sollte sich keiner scheuen, die Polizei zu rufen. Oder mal vorsichtig nachzufragen.

Aufmerksam sein lohnt sich jedenfalls, wie ein Fall zeigt, von dem Christa Scheffel erzählt, die mit ihrer Familie Taxi-Altrip betreibt. Die 78-Jährige fährt immer noch Gäste, und das sehr gerne. Sie erinnert sich noch genau an den Tag, an dem sie eine Seniorin von Altrip nach Mannheim fahren sollte. Angerufen hatte sie aber nicht die Dame selbst, sondern ein Mann. Der wollte das Taxi bestellen. „Wir hatten aber gerade kein Auto frei und ich frage, ob ich zurückrufen kann, sobald sich ein Fahrer auf den Weg machen kann. Aber das wollte der Mann partout nicht. Und das kam mir etwas komisch vor.“ Vereinbart wurde also, dass sie die Seniorin in etwa einer halben Stunde abholen sollte. „Die Frau stand schon vor der Tür, als ich kam.“

Christa Scheffel liebt das Taxifahren. Sie hat dabei schon viel erlebt. Und eine Seniorin davor bewahrt, viel Geld zu verlieren.
Christa Scheffel liebt das Taxifahren. Sie hat dabei schon viel erlebt. Und eine Seniorin davor bewahrt, viel Geld zu verlieren.

Auf der Rheinbrücke vertraute sie sich ihr an

Das Fahrtziel der Dame: eine Bank in Mannheim. „Ich meinte noch so zu der Dame, dass doch direkt gegenüber ihrer Wohnung in Altrip eine Bank sei. Aber sie antwortete, da würde sie nicht genug Geld bekommen. Sie wolle etwas Großes kaufen. An der Stelle habe ich noch nicht weiter nachgedacht, muss ich zugeben.“ Auf der Rheinbrücke wollte Christa Scheffel dann wissen, wo genau denn die Bank sei. Die ältere Dame konnte es nicht genau sagen. Vielleicht in der Augustaanlage? Die Seniorin wirkte nun etwas verunsichert und vertraute sich ihrer Fahrerin an. „Sie fragte mich, ob sie mir etwas erzählen dürfe. Und ob ich es vertraulich behandeln würde. Ich habe ihr gesagt, dass das, was im Taxi erzählt wird, das Taxi nicht verlässt.“ Die Dame berichtete darauf, dass ihr Enkel sie angerufen und um ihre Hilfe gebeten habe, weil er sein Auto geschrottet hätte. Seine schwangere Frau sollte nichts davon erfahren, damit sie sich nicht aufrege. „,Ich will nun helfen und ihm ein Auto kaufen’, erzählte mir die Frau. Der Enkel habe sie zu der Bank in Mannheim bestellt. Und da bin ich hellhörig geworden“, sagt Christa Scheffel.

Mit dem Vorwand, bei der Polizei nach dem Weg zur Bank fragen zu wollen, hielt sie beim Polizeipräsidium in Mannheim. Dort stellte sie auch das Taxameter aus. „Ich wollte nicht, dass die Dame so viel für diese seltsame Fahrt bezahlen muss. Drinnen fragten sich die beiden Frauen nach der Information durch. „Unserem Ansprechpartner erzählte ich, dass wir die Adresse einer Bank suchten, weil die Frau dort Geld abheben wolle, um ihrem Enkel ein Auto zu kaufen. Das gefiel der Seniorin nicht. Sie meinte, jetzt hätte ich ihr Geheimnis doch verraten.“ Doch Christa Scheffels kleiner Trick löste die gewünschte Reaktion bei dem Polizeibeamten aus. Der hakte nach.

Der Kunde kam aufgeregt an den Schalter

Die Seniorin ließ sich nicht davon überzeugen, dass der Mann am Telefon wohl ein Betrüger war und nicht ihr Enkel. Vom Enkel hatte sie keine Telefonnummer dabei, um ihn nochmals zu kontaktieren. Aber immerhin ließ sie sich darauf ein, dass die Polizei den Gang zur Bank begleitete. Verdeckt versteht sich. „Die Idee war wohl, den Täter zu erwischen, das gelingt ja leider in diesen Fällen nicht oft“, meint Christa Scheffel. Auch in diesem Fall ging der Polizei kein Betrüger ins Netz. Die Bankmitarbeiterin hatte zwar einen Mann beobachtet, der in der Schalterhalle herumgelaufen war. Aber der war bereits wieder verschwunden als Christa Scheffel, ihr Fahrgast und die Kripo auftauchten. „Die Beamten vermuteten, dass es dem Täter zu lange gedauert hat. Die Fahrt von Altrip zur Bank hätte schneller gehen müssen. Wir hatten durch den Stopp bei der Polizei viel länger gebraucht.“

Auf dem Rückweg war die ältere Dame unglücklich. Sie hätte doch ihrem Enkel, wenn er wirklich in Not sein sollte, so gerne geholfen. So lange habe sie nichts von ihm gehört und jetzt, wo er sich mal gemeldet habe ... „Ich drängte die Frau, bei ihrer Tochter anzurufen und erst mal nachzuhaken, was der Enkel derzeit so mache.“ Das muss die Seniorin gemacht haben. Ein paar Tage später erhielt Christa Scheffel Pralinen und ein Dankschreiben von der Familie der Seniorin. Alle waren glücklich, dass der „Oma“ nichts passiert und sie ihr Geld nicht verloren habe. „Das hat mich sehr gefreut.“

Die Scheffels wollen weiter aufpassen und aufmerksam sein, das haben sie auch den Beamten versichert, die gerade bei ihnen waren. Die Polizei hatte bei ihnen angehalten, um sie darüber zu informieren, dass derzeit auffällig viele Betrugsanrufe im Rhein-Pfalz-Kreis stattfinden, und sie um ihre Aufmerksamkeit gebeten.

Ein Taxi spielt auch eine Rolle bei dem Fall, den Frank Engel miterlebt hat. Der 59-Jährige ist Regionalmarktleiter bei der VR Bank Rhein-Neckar und als solcher zuständig für die Filialen in Mutterstadt, Altrip, Neuhofen, Limburgerhof, Dannstadt und Ruchheim. Ein älterer Kunde sei einmal ganz aufgeregt zu ihm in die Filiale in Mutterstadt gekommen. „Ich weiß noch, dass ihm die Betrüger damals sogar ein Taxi nach Hause geschickt hatten, das ihn zur Bank brachte“, erinnert sich Engel.

Frank Engel und seine Kollegen passen auf.
Frank Engel und seine Kollegen passen auf.

Die vermeintliche Enkeltochter hatte bei dem Senior angerufen. „Wir haben dem Mann dann erstmal eine junge Kollegin zur Seite gestellt. Das hat Ruhe reingebracht. Er wollte nicht, dass wir die Polizei informieren, aber wir haben das trotzdem gemacht. Die Beamten haben auch zügig reagiert.“ Aber erst, als man über die Tochter des Mannes dessen echte Enkelin ausfindig gemacht und verständigt hatte und diese dann auch schnell in der Filiale war, habe sich das Ganze aufgelöst. „Aber auch der Mann war aufgelöst“, berichtet Engel.

Um 20.000 Euro sei es damals gegangen. Die Betrüger hätten zwischendurch bei dem Taxiunternehmen angerufen, wann sein Fahrer denn wieder zurückkomme. In der Hoffnung, dass sich in dessen Wagen der Senior und das Geld befänden. In den vergangenen Jahren habe es etwa zehn bis 15 solcher oder ähnlicher Fälle in seinem Bereich gegeben, sagt Frank Engel. Etwa einer sei es pro Monat im gesamten Bereich der VR Bank Rhein-Neckar.

Und immer wieder ist es der Enkel

„Größtenteils sind es zwei Varianten, die zum Einsatz kommen. Zum einen der Enkeltrick. Also der vermeintliche Enkel ruft an, braucht dringend Geld, zum Beispiel für die Kaution der neuen Wohnung. Zum anderen sind da die Schockanrufe, bei denen vermeintlich Polizei oder Staatsanwaltschaft anrufen und den potenziellen Opfern vorgaukeln, das Kind oder der Enkel hätte jemanden umgefahren und jetzt müsste die Kaution bezahlt werden“, erläutert Frank Engel. Die Täter gingen dabei sehr stark über die emotionale Schiene. „Die Leute finden dann teilweise keinen klaren Gedanken mehr.“

Aber das hilft den Mitarbeitern bei Banken und Sparkassen auch. „Man erkennt die potenziellen Opfer auch daran, dass sie fahrig auftreten. Alles ist dringend. Sie dürfen nichts sagen“, erklärt Engel. Es habe sogar schon den Fall gegeben, dass jemand das Handy nicht ausschalten durfte, der Anruf also noch lief, während er in der Bank war und versuchte, das Geld zu holen.

Die Mitarbeiter bei der VR Bank seien mittlerweile für solche Fälle sehr sensibilisiert, berichtet Engel. „Wir informieren regelmäßig, sprechen darüber.“ Zudem gebe es immer wieder Informationen von der Polizei über aktuelle Maschen der Gauner. Dafür gebe es auch eigene Präventionstage. „Oft ist es so, dass die Betrüger gezielt einen Ort oder eine Region angehen“, erklärt Frank Engel. Die Präventionsarbeit trägt Früchte, ist Engel überzeugt.

Die Fälle gehen an Engel und seinen Kollegen nicht spurlos vorüber. Eine Kollegin in Dannstadt habe schon zwei-, dreimal verhindert, dass die Betrüger größere Summen einstreichen. „Klar, das nimmt einen auch mit.“ Die Skrupellosigkeit der Täter sei erschreckend. Und die Vorstellung, es mal nicht verhindern zu können, dass jemand viel Geld verliert.

„Man muss immer wieder drüber reden“

Die Höhe der Summen, die abgehoben werden sollen, sei unterschiedlich. „Wir hatten schon bis zu 80.000 Euro“, erinnert sich Engel. Oft werde vonseiten der Betrüger auch einfach mal abgeklopft, wie viel sich die potenziellen Opfer leisten könnten. „Dabei haben wir so viel Bargeld in der Regel gar nicht mehr da“, sagt Engel. Es gebe schlicht nicht mehr so viele Kassenstandorte. Weshalb es auch immer häufiger darum gehe, wie viel man vom Geldautomaten abheben oder online überweisen könne.

Frank Wiening berät Senioren in Sachen Computer.
Frank Wiening berät Senioren in Sachen Computer.

Frank Wiening kennt alle diese Betrugsmaschen nur allzu gut, viele windige Personen haben es mit allen bekannten Tricks bei seinen Senioren versucht. Im Ludwigshafener Café Klick und im Mutterstadter Café Digital macht er alle zwei Wochen etwa 60 Senioren fit für Computer, Tablet und Smartphone. Er macht das ehrenamtlich. Zu Schaden sei bisher zum Glück keiner seiner Teilnehmer gekommen. Aber: „Eine Dame wäre beinahe reingefallen, ihre Tochter hatte sie angeblich angerufen und um Geld gebeten“, erzählt der 62-Jährige. Wiening ist Digitalbotschafter des Landes Rheinland-Pfalz, zu diesem hat sich der EDV-Experte nach seiner Pensionierung ausbilden lassen.

Fast gebetsmühlenartig weist er seine Senioren auf diese Gefahren im Internet hin und bittet sie, niemandem Geld zu geben, der telefonisch oder per E-Mail Kontakt aufgenommen hat. „Dann sagen ausnahmslos alle: Das kann mir nicht passieren. Doch die Betrüger sind geschult darin, die Senioren zu verunsichern“, weiß Frank Wiening. Die Gefühle, gepaart mit dem Adrenalin, schalten dann den gesunden Menschenverstand aus. Er rät seinen Teilnehmern, immer zu versuchen, Rücksprache mit den Verwandten zu halten, die angeblich angerufen haben. „Es kann nie sein, dass man die Situation verschlimmert, nur weil man erst nach einer Stunde reagiert“, sagt er. Die einzige Chance, solchen Betrügereien vorzubeugen, sei, „immer wieder über das Thema zu reden“, ist Frank Wiening überzeugt. Wer doch auf einen bösen Anrufer hereinfällt, trifft hoffentlich auf Menschen wie Christa Scheffel oder Frank Engel, die Schlimmeres verhindern.

x