RömerbergSchausteller-Ehepaar verliert halbes Leben bei Brand
Unter anderem vor Elektrogeräten, die in den Flammen standen: Gabriele und Werner Nelle.
Gabriele und Werner Nelle aus Römerberg sind immer noch geschockt: Am Dienstag vor einer Woche stand ihr Anhänger mit Weihnachtsbuden-Ausstattung in Flammen. Das Schausteller-Ehepaar sieht sich in seiner Existenz bedroht und stellt sich immer wieder eine Frage.
Gabriele und Werner Nelle sind ein Schausteller-Ehepaar durch und durch. Beide sind in Schausteller-Familien aufgewachsen, Gabriele Nelle stand bereits mit zehn Jahren hinter der Theke, bereitete Zuckerwatte zu und verkaufte Süßigkeiten. „Mein Opa hat das Geschäft gegründet“, sagt die 70-Jährige, und ihr Mann ergänzt: „Er war unter dem Namen Gutsel Jule bekannt.“ Das Unternehmen wird bereits in vierter Generation geführt, denn Sohn Stefan Nelle ist mit seiner Frau auch im Schausteller-Geschäft.
Das, was ihnen am 12. April widerfahren ist, haben sie noch nicht erlebt. Am späten Nachmittag bekommt Werner Nelle einen Anruf. Die Feuerwehr ist am Telefon und berichtet, dass einer seiner Anhänger brennt. Die Nelles haben sieben Wagen, die sie auf einem Grundstück der Gemeinde Römerberg nahe des Bahnhofs in Berghausen abstellen dürfen. Der Anhänger, der brannte, stand ganz hinten und war schlecht einsehbar. Ein Nachbar habe weißen Rauch bemerkt, sei dorthin gelaufen und habe die Flammen aus dem Dach schlagen sehen, erzählt Werner Nelle.
Der Feuerwehr dankbar
Der 75-Jährige fuhr nach dem Anruf der Feuerwehrleute sofort zur Unglücksstelle. „Ich hatte noch die Schlappen an, bin mit meinem Sohn ins Auto gestiegen, und wir sind so, wie wir angezogen waren, dorthin gefahren“, sagt Nelle. Als sie eintrafen, war das Feuer zum größten Teil schon gelöscht. „Es war alles nass“, fasst Werner Nelle zusammen. Er und seine Frau sind den Feuerwehrleuten sehr dankbar. „Die waren auf Zack und haben das hervorragend gemacht“, sagt Gabriele Nelle. „Wir haben aber gehofft, dass wir sie niemals brauchen“, fügt ihr Mann hinzu.
In dem Packwagen, der dem Feuer zum Opfer fiel, lagerte ein Weihnachtsmarktstand, den die Familie vor 30 Jahren bauen ließ und mit dem sie in den vergangenen Jahrzehnten jährlich auf dem Weihnachtsmarkt am Wasserturm in Mannheim vertreten war. Hinzu kommen Elektrogeräte wie eine Spülmaschine und eine Zapfanlage sowie sämtliches Zubehör, das die Nelles über Jahre zusammengetragen haben – von Tassen bis hin zu Dekoartikeln. Werner Nelle spricht von einem Totalschaden. Die Schadenssumme, die die Polizei mit 5000 Euro beziffert hatte, halten er und seine Frau für unrealistisch. Allein das Zapfgerät koste zwischen 1000 und 2000 Euro, sagt Gabriele Nelle. „Wenn man alles zusammenrechnet, die ganzen Kleinteile, kann man an die 5000 Euro noch eine Null dranhängen“, sagt Werner Nelle und klingt verzweifelt.
Wie geht es weiter? Auf diese Frage kann der 75-Jährige nur antworten: „Wenn ich das wüsste.“ Er und seine Frau sind sichtlich geschockt. „Wir müssen erst einmal einen klaren Gedanken fassen“, sagt Werner Nelle. Sie sehen sich in ihrer Existenz gefährdet, versichert sei der Wagen nicht gewesen, sagen sie.
Brandstiftung vermutet
Zerstört: der auf einem Gelände nahe des Bahnhofs in Berghausen geparkte Anhänger, den Feuerwehrleute gelöscht haben.
Die Schausteller vermuten Brandstiftung. Dafür spreche, dass der Anhänger an einer Stelle zwischen einem Blech und der Innenverkleidung zu brennen begann. Von Brandbeschleuniger ist auch die Rede. Von selbst könne sich dort nichts entzündet haben, weil der Wagen über keinen Stromanschluss verfüge, sagt Werner Nelle. Ihn und seine Frau beschäftigt vor allem eine Frage: Wer macht so etwas und warum? „Ich kann es nicht begreifen, dass es Menschen gibt, die anderen die Existenz kaputt machen“, sagt Gabriele Nelle. Sie und ihr Mann hoffen inständig, dass der Täter ermittelt wird. „Es wäre gut, wenn sie ihn finden, damit er so etwas nicht noch einmal anstellen kann“, sagt die 70-Jährige.
Sie ist diejenige, die während des RHEINPFALZ-Gesprächs immer mal wieder zuversichtlich in die Zukunft blickt: „Wir finden eine Lösung“, sagt sie. Und ihr Mann erzählt, wie viel Freude ihm der Beruf bereitet. „Wir reisen seit 50 Jahren umher, sind bei Messen, Festen und Kerwen in der ganzen Umgebung und haben viele Stammkunden, die sich freuen, uns zu sehen“, sagt Werner Nelle, der bei diesem Gedanken auch wieder ein bisschen lachen kann. In Rente zu gehen, war für die beiden Römerberger deshalb noch kein Thema. Sie brauchen den Kontakt zu den Menschen. „Wir sind Schausteller. Unser Beruf stellt uns jeden Tag vor Herausforderungen“, sagt Werner Nelle. Die größte steht ihnen nun bevor.