Rhein-Pfalz-Kreis
Redakteure erinnern sich an den ersten Lockdown vor einem Jahr: Als es ernst wurde
Um uns herum nur Franzosen
Fünf Leute sind auf dem Foto zu sehen. Sie lachen in die Kamera, haben sich schon längere Zeit nicht mehr getroffen. Nun sitzen wir zusammen, haben einen tollen Abend. Datum: 14. März 2020. Es ist eine Kneipe in Kandel, ganz einfach, weil Kandel in etwa in der Mitte liegt zwischen Karlsruhe und der Vorderpfalz. Unsere Wege haben sich an der Universität in Landau gekreuzt, aus den Augen verloren haben wir uns auch nach dem Abschluss nicht. Wir flachsen an diesem Abend viel, das Thema Corona streifen wir nur. „Wie das wohl noch wird?“, fragen wir, ohne die Antwort auch nur ahnen zu können. Dabei hätte es einer dieser ersten Das-wird-ernst-Momente werden können. Um uns herum sitzen fast ausschließlich Franzosen. Sie haben sich aus dem nahen Elsass weggestohlen. Tags darauf ein Anruf der Eltern. Sie sind in Bad Dürkheim und essen ein Eis. Die Stadt ist rappelvoll mit Menschen. Rückblickend bündelt sich an diesem und dem Wochenende zuvor die zu Ende gehende Normalität. Donnerstag, 5. März: Gin-Tasting in Karlsruhe. Ein wunderbares Geschenk zu meinem Geburtstag im Februar. Zum Glück konnten wir es noch einlösen. Die Straßenbahn aber, fast menschenleer, noch so ein Das-könnte-ernst-werden-Indiz. Sonntag, 8. März, Weinmesse in Oggersheim. Feucht-fröhlich, mit Angabe der Kontaktdaten. Heute wünschte ich, sagen zu können, dass ich dabei ehrlich gewesen bin. Im Rausch der Sinne ist Corona ziemlich weit weg – und im Restaurant ist am Abend ohne Reservierung nichts drin, so groß ist der Ansturm. Die Fotos auf dem Smartphone als Zeitkapsel. Zwei Tage später beginnt in der Mutterstadter Rundsporthalle der Aufbau der Corona-Fieberambulanz. Am Freitag, 13. März, kommt die erste E-Mail des RHEINPFALZ-Krisenstabs. Das Datum wird einem erst jetzt wirklich bewusst. Bezeichnend. Zurück zu jenem Abend mit den Uni-Freunden in Kandel. Auf dem Heimweg ein Anruf bei der Freundin. Sie ist in Gimmeldingen bei einem Seminar. Es ist zu ahnen: Die Mandelblüte, welch’ trügerische Schönheit. Sven Wenzel (32)
Der Spitzenkandidat muss es wissen
„Es ist ernst. Nehmen Sie es auch ernst“, waren Angela Merkels Worte, als sich die Bundeskanzlerin vor einem Jahr in einer Fernsehansprache an die Bevölkerung wandte. Zwei Tage später flatterten die erste Corona-Bekämpfungsverordnung des Landes und die ersten Allgemeinverfügungen der Kreise und Städte in die Redaktion. „Entscheidende Phase in der Pandemie“, „Bundesländer schränken das öffentliche Leben weiter ein“, „Kreise erlassen Ausgangsbeschränkungen“. Das waren die Schlagzeilen, die tags darauf in der Zeitung standen. Ausgangsbeschränkungen beziehungsweise Ausgangssperren kannte ich damals nur aus Krisengebieten, in denen ich selbst noch nicht war. Die Lage ist ernst, das wurde mir durch die noch nie dagewesenen Regeln mehr als bewusst. Die Wohnung durfte nur noch für dringende Angelegenheiten verlassen werden. Als ich samstagvormittags über Feldwege und durch Straßen, die eigentlich immer belebt waren, joggte und keiner Menschenseele begegnete, kam ich ins Grübeln. War es doch nicht erlaubt, sich an der frischen Luft zu bewegen? Als mir Christian Baldauf joggend entgegenkam, waren die kurzen Zweifel verflogen. Wer Ministerpräsident werden wollte, muss die Regeln ja kennen und sich richtig verhalten. Verordnungen und zahlreiche Vorgaben begleiten uns seit einem Jahr. Teilweise ist es schwer, den Überblick zu behalten, was wann wo gerade erlaubt ist. Ich habe mich daran gewöhnt – und auch daran, dass die Situation aufgrund der Virusmutationen und der stockenden Impfungen weiterhin ernst ist. Nadine Klose (29)
Und sonst war da niemand
Der erste Lockdown. Mal überlegen. Irgendwie verschwimmt alles so. Seit wann tragen wir Maske? Und wann war was erlaubt? Eines weiß ich aber noch ganz genau: dass ich um diese Zeit Angst hatte, Ostern ganz alleine vor einem bunten Ei zu sitzen. Vor einem Jahr habe ich zum ersten Mal begriffen, was allein sein bedeutet, wenn auf einmal in Haushalten gerechnet wird: „Sie dürfen Kontakt mit den Menschen haben, mit denen Sie zusammenwohnen“ – so lautete eine Corona-Regel der Bundesregierung im März 2020. Eine zweite: „Sie dürfen alleine nach draußen gehen. Sie wohnen mit anderen Menschen zusammen. Dann können Sie mit diesen Menschen auch zusammen draußen sein.“ Ich zählte daraufhin mal durch: Ich. Und sonst war da niemand. Ich heulte dann erst einmal eine Runde. Mein Mann war vor nicht allzu langer Zeit gestorben, und es war schon bitter, so deutlich vorgerechnet zu bekommen, wie einsam man eigentlich ist. Oder gemacht wird. So gerechtfertigt Regeln in einer Pandemie auch sein mögen – dass die Regeln nach Hausständen aufgestellt werden, empfinde ich bis heute als ungerecht. Gerettet hat mich dann vor einem Jahr ein Maler, der meinen Flur und mein Wohnzimmer renovierte. Ein Mensch mit mir unter einem Dach. Zumindest zeitweise. Und natürlich auf Abstand. Gerettet hat mich das Aufweichen der Regeln zu Ostern. Ich durfte Verwandte ersten Grades treffen. Gerettet haben mich die vielen Anrufe meiner Freunde. Und ein Jahr später? Geht es wieder auf Ostern zu. Ich habe inzwischen gelernt, mich durch die Krise zu lavieren. Lockerer im Lockdown zu bleiben. Ich war letztes Ostern nicht allein. Ich war Weihnachten nicht einsam. Auch dieses Ostern wird nicht einzig ein buntes Ei mit mir am Tisch sitzen. Und Weihnachten 2021? Ha! Da sitzen hoffentlich alle, die mir wichtig sind, unter einem Tannenbaum. Haushalte hin oder her. Zusammen ist man weniger allein. Das ist einfach so. Und darauf freue ich mich. Britta Enzenauer (43)
Party-Absage übertrieben?
Meine Kinder haben am 18. und am 25. Februar Geburtstag. Im vergangenen Jahr sind sie sechs und acht Jahre alt geworden. Da fielen die Kindergeburtstage fast genau mit dem Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland zusammen. Als wir diese mit vielen Schul- und Kindergartenfreunden im Mannheimer Luisenpark und in einer Ludwigshafener Bastelwerkstatt gefeiert haben, war das Virus zwar bereits Gesprächsthema, aber die Partys abzusagen, wäre uns damals noch nicht in den Sinn gekommen. Nur ein, zwei Wochen später sah es ganz anders aus. Als ein Schulfreund meines Sohnes seine Feier, zu der er bereits eingeladen hatte, kurz darauf ausfallen ließ, fragten wir uns noch, ob das nicht ein bisschen übertrieben ist. Doch schon bald war klar: So schnell wird es keine Einladungen zu Kindergeburtstagen mehr geben. Meine Frau und ich haben seitdem immer mal wieder im Scherz gesagt, was wir doch für ein Pech hatten, dass Corona nicht ein bisschen früher kam und wir nicht auch um die für Eltern durchaus stressigen Kinderpartys herumgekommen sind. Aber eigentlich sind wir ja froh, dass wir unseren Kindern zumindest diesen Spaß noch ermöglichen konnten, bevor das Land in den Lockdown ging. Timo Leszinski (42)
Das Gerüst des Alltags war weg
Ein Grippevirus aus dem Ausland – mal wieder, so was wie die Schweinegrippe. „Alles klar!“ So hakte ich die ersten Berichte aus Wuhan innerlich ab. Doch die Medienberichte häuften sich. „Na ja, heutzutage ist die Medienpräsenz übers Netz einfach intensiver als noch vor ein paar Jahren, alles wird aufgebauscht“, versuchte ich mir den ganzen Bohei schön zu reden. Aber als mein Chef über den Schreibtisch verkündete: „Ab Montag sind alle Schulen und Kitas zu“, da war ich erst einmal platt. Das Virus betraf das Leben meiner Kinder und meines in voller Breitseite – zwar nicht direkt, aber indirekt, mit ungewissen Folgen. Unser tägliches Leben, das Gerüst aus Schule, Arbeit, Vereinssport, Musikunterricht und Freizeit war hinfällig. Alles musste neu geordnet werden. Aber wie? Wie sollen die Kinder lernen? Wie soll ich arbeiten? Wie sollen wir leben? Nicht zu wissen, was morgen ist, das war beängstigend. Es dauerte nicht lange, da holte mich ein Anruf meines Vaters aus der ersten Schockstarre. Auch er hatte die Nachrichten schon gehört. „Wir schaffen das!“, waren seine Worte, bevor er auflegte. Da ging es mir schon besser. Zu wissen, dass man mit den Problemen, die man bis dahin nur erahnen konnte und zum Teil heute noch nicht vorhersehen kann, nicht allein ist, das gibt mir nun schon seit einem Jahr Kraft für all die vielen Herausforderungen. Ich bin daran gewachsen, das ist der einzige Trost. Ansonsten hätte ich gut und gern auf dieses Jahr verzichtet. Und das Schlimme ist, es ist noch lange nicht vorbei: Heute bangen meine Kinder und ich schon wieder, wie vor einem Jahr, ob wir in den Osterferien ihre Urgroßmutter besuchen können. Es ist seit Langem ein Lichtblick im eintönig gewordenen Corona-Alltag, auf den sich alle freuen. Aber die Zahlen steigen. Wir werden uns kurz vor dem Besuch testen. Das ist das Einzige, was wir tun können, außer … ein weiteres Mal nicht hinfahren. Und daran möchte ich eigentlich gar nicht denken. Doreen Reber (45)
Im Konzertsaal dicht an dicht
Zwar war diese Virusinfektion beruflich und privat schon eine Weile Thema im Januar und erst recht im Februar des vergangenen Jahres. Doch die erste Ahnung davon, was die anrollende Pandemie wirklich auslösen kann, haben wir bei eigentlich geselligen und erfreulichen Anlässen erlebt. Es war eine Heinz-Erhardt-Revue im Ludwigshafener Pfalzbau Anfang März. Eigentlich hatten wir meinen Eltern Karten geschenkt, doch die waren gestresst vom Packen zur Vorbereitung ihres Umzugs ins Senioren-Wohnstift und damit unpässlich. Also gingen wir mit Freunden hin. Am Eingang zum Foyer lange Schlangen. Warum? Jeder musste sich mit seinen Kontaktdaten in lange Listen eintragen. Was später „normal“ wurde, war da ungewohnt. Manche schauten verwundert und fragten nach, viele wussten schon Bescheid. Von Masketragen und Abstandhalten noch keine Spur, im Konzertsaal saß alles dicht an dicht. Am folgenden Tag wollten wir zur Kurpfalz-Weinmesse in Oggersheim, ein jährlicher „Pflichttermin“ für uns. Allerdings herrscht dort gemütlich-dichtes Gedränge. Nacheinander sagten zwei Freunde, beide im Gesundheitsbereich tätig, ab. Und auch bei uns wuchsen die Bedenken. Wir blieben daheim, nicht ahnend, wie viel wir in den kommenden Monaten daheim sein und auf liebgewonnene Veranstaltungen und Treffen verzichten würden. Wenige Tage später gingen die Rollläden runter, sozusagen. Den Umzug der Eltern ins Senioren-Stift haben wir dann mitten im größten ersten Lockdown gestemmt – nicht vergnügungssteuerpflichtig. Und die kleinen Enkelchen schweren Herzens vertröstet, die gar nicht verstehen konnten, warum sie uns erst mal nur per Videoanruf sehen durften. Das haben wir allerdings relativ schnell geändert. Inzwischen hat sich vieles eingespielt. Aber richtig dran gewöhnen kann man sich eigentlich nicht. Ulrike Minor (57)