Lambsheim / Maxdorf
Pflegenotfall: 160 Patienten suchen neue Dienstleister
Eigentlich hätte heute die Putzhilfe der Sozialstation Lambsheim kommen sollen. „Uns wurde kurzfristig abgesagt, wegen der Insolvenz“, sagt Anita Christ. Die 72-jährige Maxdorferin hat sich bei der RHEINPFALZ gemeldet, um auf die für rund 160 Patienten der insolventen Ökumenischen Sozialstation prekäre Situation aufmerksam zu machen. Wegen der Absage der Putzhilfe müsse von heute auf morgen ihre Nichte jene Putzarbeit, die Teil des Angebots der Sozialstation war, übernehmen. Pflegebedürftig sei der 88-jährige, bettlägerige Bruder von Anita Christ. Dessen 85-jährige Frau könne das nicht stemmen.
Aus eigener Erfahrung weiß Christ, wie viel Aufwand es bedeutet, einen Angehörigen selbst zu pflegen. Ihre selbstständig arbeitende Nichte wohne mit den Pflegebedürftigen zwar im selben Haus, müsse aber Geld verdienen und sei auf einen Pflegedienst angewiesen. „Wir waren sehr zufrieden mit der Betreuung durch die Sozialstation“, sagt Christ, die selbst 72 Jahre alt ist. Mit der „Art und Weise“, wie nun die alten Leute seitens der Insolvenzverwaltung „im Regen stehen“ gelassen werden, ist sie hingegen überhaupt nicht zufrieden.
Kraftanstrengung für neuen Pflegevertrag
Am 29. Dezember, zehn Tage nach der Gläubigerversammlung, erhielt die Familie den ersten Brief der Insolvenzverwaltung, der Patienten über das gescheiterte Insolvenzverfahren informierte. Unklar war da noch, wie lange die Betreuung durch die Lambsheimer Sozialstation, deren Einzugsbereich sich innerhalb des Rhein-Pfalz-Kreises von Fußgönheim bis nach Bobenheim-Roxheim erstreckt, noch aufrechterhalten wird. Kurz nach dem Jahreswechsel habe die Nichte von Christ deshalb sofort damit begonnen, einen neuen Pflegedienst zu suchen.
Mehr als 20 verschiedene Pflegebetriebe seien von ihrer Nichte kontaktiert worden. Einige der Anbieter sollen von der Insolvenz noch gar nichts gewusst haben. Andere hätten abgewunken mit Verweis auf mangelnde Kapazitäten oder sahen sich nicht zuständig für die Maxdorfer. „Meine Nichte hat sich die Finger wund telefoniert auf der Suche nach einem neuen Pflegebetrieb“, so Christ. Innerhalb von drei Tagen habe die Nichte rund 60 Anrufe oder Anrufversuche getätigt.
Am Ende habe sie acht Mails verschickt und darauf ganze drei Antworten bekommen – mit Erfolg. Die Familie erwartet noch in dieser Woche den Vertrag eines privaten Anbieters aus der Region im Briefkasten, der ab dem 1. Februar die Pflege übernehmen will.
Kommt es so, dann geht die Geschichte für Anita Christs Familie dank einer Kraftanstrengung ihrer Nichte wohl gut aus. Gerade rechtzeitig wäre das, denn am 13. Januar erhielten sie wieder Post vom Insolvenzverwalter. Darin stehe, dass ihr Pflegebetrieb durch die Lambsheimer Sozialstation definitiv Ende Januar ausläuft. Ab dem 1. Februar solle bis Ende März in einer Art Überbrückungsphase nur noch den Patienten geholfen werden, die dann noch Bedarf haben. Christ fragt sich, wie es in einem mehrere Monate andauernden Insolvenzverfahren so weit kommen konnte und warum nach einer so langen Zeit der Verhandlungen und Gespräche nicht eine Lösung herausgekommen ist, bei der mithilfe von Bürgern und Gemeinden die Sozialstation womöglich hätte gerettet werden können.
Die vom Insolvenzverwalter in einem Brief genannten anderen Ökumenischen Sozialstationen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zum Lambsheimer Einzugsbereich liegen, haben der Familie von Anita Christ bei der Suche jedenfalls nicht sofort helfen können. Bei zwei Ökumenischen Sozialstationen sei man immerhin auf eine Liste aufgenommen worden.
Der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Ökumenische Sozialstationen, Albrecht Bähr, hat sich auf RHEINPFALZ-Anfrage hin in einer Pressemitteilung in dieser Woche zu Wort gemeldet. Bähr ist auch Vorstandsvorsitzender des Diakonischen Werks der Pfalz – die Diakonie hatte Ende 2023 gegenüber der RHEINPFALZ Interesse an einer Übernahme der Sozialstation bekundet. Unklar war bisher, warum es trotz des Interesses nicht zu einer Einigung mit dem Insolvenzverwalter kam. „Wir hätten gerne schon viel früher über eine verlässliche und pragmatische Lösung Gespräche geführt, doch dies wurde uns leider nicht ermöglicht“, sagt Bähr nun in der Mitteilung und übt Kritik am Ablauf des Insolvenzverfahrens.
Bähr: Wirtschaftlich nicht realisierbares Szenario
In der Stellungnahme wird deutlich, dass es nie den Plan gab, die Sozialstation Lambsheim komplett zu übernehmen. „Seitens der Insolvenzverwaltung wurde lange Zeit ausschließlich die Übernahme der gesamten Sozialstation zur Diskussion gestellt – ein Szenario, das wirtschaftlich für keine der benachbarten Sozialstationen realisierbar gewesen wäre“, heißt es in der Mitteilung. Aus Sicht Bährs habe man nun „wertvolle Monate verloren“, in denen Gespräche mit den benachbarten Sozialstationen über Teillösungen möglich gewesen wären.
Bähr stellt klar, dass die Patienten des Lambsheimer Einzugsbereichs nicht einfach so von den Nachbarstationen aufgenommen werden können. So seien Ludwigshafen, Frankenthal und Böhl-Iggelheim „nahezu ausgelastet mit Patienten“ und könnten „nur eingeschränkt weitere Personen versorgen“. Alle drei Stationen seien jedoch auf der Suche nach Personal – das könnte, so die Andeutung, von der Sozialstation Lambsheim wechseln. In diesem Fall könne man auch neue Patienten annehmen. Diese Idee war schon Ende Dezember gegenüber der RHEINPFALZ kommuniziert worden. Aktueller Stand laut Bähr: „Die Prüfung und Bearbeitung der Anfragen wurde bereits gestartet.“ Bähr rate betroffenen Familien dazu, „sich möglichst zeitnah um einen Vertrag bei einer anderen Sozialstation zu bemühen“. Ein offizielles Kündigungsdatum der Versorgungsverträge mit den Patienten seitens der Insolvenzverwaltung kannte Bähr zum Zeitpunkt der Stellungnahme noch nicht.
Absage kurz vor der Gläubigerversammlung
Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann teilt auf RHEINPFALZ-Anfrage mit, dass er ab dem 31. Januar „mit der Einstellung des Geschäftsbetriebes beginne“. Spätestens zum 31. März soll endgültig Schluss sein. Spiekermann kündigt außerdem an, in den kommenden Tagen sämtliche Pflegeverträge mit Wirkung zum 29. Februar zu kündigen. Außerdem reagiert der Mannheimer Insolvenzverwalter auf die Kritik von Albrecht Bähr.
Dessen Ausführungen seien unzutreffend. „Meine im Herbst mit den Vertretern der benachbarten Sozialstationen geführten Gespräche führten zunächst zu dem Ergebnis, dass von den benachbarten Stationen allenfalls ein Teil der Mitarbeiter und ein Teil der Patienten übernommen werden kann“, erklärt Spiekermann. Auch alle Stationen zusammen hätten ihm zufolge nicht alle Mitarbeiter übernommen. Zudem haben diese Übernahmevorschläge „noch unter dem Vorbehalt zahlreicher und zeitaufwendiger Gremienentscheidungen“ gestanden. Weil es zu diesem Zeitpunkt noch andere Interessenten gegeben habe, denen es um eine vollständige Übernahme der Sozialstation gegangen sei, habe Spiekermann die Gespräche mit den Ökumenischen Sozialstationen zunächst nicht weitergeführt. Die letzte Absage für eine Übernahme habe er erst „unmittelbar vor der Gläubigerversammlung“ erhalten. Die daraufhin neu aufgenommenen Gespräche mit den Ökumenischen Sozialstationen seien darauf hinausgelaufen, dass der Insolvenzverwalter betroffene Mitarbeiter und Patienten auf die benachbarten Sozialstationen hinweist, sodass diese sich dort um den Abschluss neuer Verträge bemühen könnten.
Termin
Offen ist, wie es mit den kirchlichen Trägervereinen der Ökumenischen Sozialstation Lambsheim weitergeht. Einer davon, der Ökumenische Krankenpflegeverein Heßheim-Beindersheim, hat am Donnerstag, 18. Januar, 15 Uhr, zur Mitgliederversammlung in das Protestantische Gemeindehaus Heßheim geladen. Die Insolvenz der Sozialstation wird dort Thema sein.
