Lambsheim
Krankenpflegeverein fasst neuen Mut
Kurz vor 19 Uhr piept es im Treppenhaus des protestantischen Gemeindehauses in Lambsheim. „Das ist die Brandmeldeanlage“, sagt der Beigeordnete Klaus-Peter Spohn-Logé (Grüne) in ruhigem Ton, als er den Sitzungssaal der Mitgliederversammlung des Protestantischen Krankenpflegevereins Lambsheim sucht. Oben angekommen, stürmt Vereinsmitglied Rüdiger Weiß entgegen und prüft die Brandmeldeanlage. Fehlalarm.
Was die 33 anwesenden Mitglieder in dieser ersten Versammlung seit 2009 erwartet, ist ebenfalls alarmierend: Weil es in den vergangenen 15 Jahren keine einzige Mitgliederversammlung gegeben hatte und der letztmalig satzungskonform gewählte Vorstand, Herman Diery, seit mehreren Jahren tot ist, war es nach außen hin ruhig geworden um den Verein. Zu ruhig. Denn nach Vereinsrecht hätte einmal im Jahr eine Versammlung stattfinden und ein neuer Vorstand gewählt werden müssen. Erst im Zuge der Insolvenz der Ökumenischen Sozialstation Lambsheim, die eine Mitgliederversammlung nötig machte, kam all dies ans Tageslicht. Vor Wochen hatte eine Gruppe besorgter Vereinsmitglieder, nach außen vertreten von Mitglied Linda Wingerter, auf besagte Zustände in der Vereinsführung aufmerksam gemacht – auch öffentlich gegenüber der RHEINPFALZ.
Doch bis zu dieser neuen Mitgliederversammlung war noch gar nicht klar, wann es überhaupt das letzte Mal eine solche gegeben hatte. Ingeborg Eisenbarth, bisher Stellvertretende Vorsitzende und zuletzt Ansprechpartnerin für Vereinsbelange, macht dies erstmals am Abend der Sitzung in der vergangenen Woche öffentlich – und entschuldigt sich für die Versäumnisse der vergangenen Jahre.
Situation ist brenzlig
Angesichts der Umstände wäre es nur allzu verständlich gewesen, wenn der Protestantische Krankenpflegeverein in dieser Versammlung beschlossen hätte, sich auflösen zu wollen. Dass die Situation brenzlig ist, merkt auch schnell Pfarrer Götz Geburek, der zwar kein Mitglied im Verein, gemäß Satzung aber automatisch Teil des Verwaltungsrats ist. Diesem Ausschuss gehören neben dem Pfarrer eigentlich fünf weitere Mitglieder für eine Amtszeit von je drei Jahren an. Doch im Jahr 2024 ließ sich offenbar nicht mehr nachvollziehen, wer diese Ausschussmitglieder zuletzt waren.
So liegt es nun an Geburek, gemeinsam mit Ingeborg Eisenbarth und ihrem Ehemann Erich, eine Versammlung zu führen, die ja eigentlich die Zukunft des Vereins klären soll – nicht dessen Vergangenheit. Das Ehepaar Eisenbarth will nach all der Kritik Transparenz schaffen und legt unter anderem einen Kassenbericht der vergangenen 15 Jahre vor, ein Revisorenbericht bestätigt die Richtigkeit der Zahlen.
Der Kassenbericht offenbart, dass der Verein noch Eigenkapital hat und im Plus ist. Alarmierend hingegen ist der Rückgang der Einnahmen: Waren es 2009 noch fast 15.000 Euro, die jährlich an Mitgliedsbeiträgen eingingen, schrumpfte diese Zahl auf 6220 Euro im Jahr 2023. Parallel dazu sank die Anzahl der Mitglieder von 389 auf 196. Zusammengefasst könnte man sagen: Es brennt an allen Ecken und Enden, die Brandmeldeanlage piept im Dauerzustand.
Geburek dreht Stimmung
Dass diese fast dreistündige Mitgliederversammlung, in der durchaus hitzig diskutiert wird, nicht zu einer Katastrophe wird, ist auch Pfarrer Geburek zu verdanken. In der Rolle des Feuerwehrmanns gelingt es ihm, im Laufe des Abends die Stimmung zu drehen. Anteil haben daran auch Mitglieder, die eine positive Aufbruchstimmung verbreiten. Das Interesse ist da: Geburek selbst sagt, dass er nicht mit einer so großen Teilnehmerzahl gerechnet habe. Der Pfarrer hat jedoch seine Hausaufgaben gemacht, denn er präsentiert an diesem Abend fünf Freiwillige, die sich neben Geburek als Beisitzer in den Verwaltungsrat wählen lassen. Zudem gelingt es, am Ende einer riesigen Diskussion, den Vorstand neu zu wählen. Der Pfarrer selbst lässt sich aufstellen und wird mit 29 Ja-Stimmen (drei Enthaltungen, einmal Nein) zum Vorsitzenden gewählt.
Ingeborg Eisenbarth tritt nicht mehr bei der Wahl zum Vorstand an, stattdessen wird Rüdiger Weiß – nach eigenen Aussagen seit 45 Jahren im Verein – zum stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Der 67-Jährige hatte vor seinem Ruhestand zuletzt das Referat Ambulante Hospiz- und Palliativberatungsdienste des Diakonischen Werks Pfalz geleitet. Erich Eisenbarth, bisher nicht Teil der Führungsriege im Verein, wird künftig Rechner sein. Zudem wurden auch neue Revisoren gewählt.
Wieder handlungsfähig
Damit ist der Verein erstmals seit Jahren offiziell wieder handlungsfähig und kann in die Zukunft blicken. Geburek strebt eine Verschlankung der Vereinsführung und eine Änderung der Satzung an, damit eine Neuausrichtung gelingen kann. Der Pfarrer deutet mehrfach am Abend an, dass ihm ein Schritt hin zu einem allgemeinen Diakonischen Verein vorschwebt, der wesentlich breiter aufgestellt ist und sich nicht nur dem Satzungszweck verschreibt, Mitgliedsbeiträge an eine Sozialstation zu überweisen. Spohn-Logé macht deutlich, dass er auch im Namen des Bürgermeisters Herbert Knoll (CDU) das Bemühen des Vereins begrüßt, sich zu reformieren und sagt Unterstützung zu.
Mit einer Sozialstation möchte man dennoch in Zukunft weiter arbeiten: der in Frankenthal. Die bereits im Vorfeld geführten Gespräche miteinander sind zumindest soweit gediehen, dass Geschäftsführerin Manuela Orlik persönlich in Lambsheim erscheint: „Wir wollen erhalten bleiben“, sagt sie mit Blick auf die schwierige Situation der Sozialstationen. Das Ziel sei eine eigene Tour für Lambsheim von Frankenthal aus zu organisieren. Doch dafür benötige man Personal, Autos, Mobiltelefone und entsprechende Ausstattung. All diese Fragen sind noch offen und müssen nun in den kommenden Monaten geklärt werden, doch Orlik gibt sich kämpferisch: „Wir versuchen alles.“
Am Ende der Sitzung zeigt sich Linda Wingerter, die die Kritik öffentlich gemacht hatte, zum Teil versöhnlich: „Es ist gut, dass Leute bereit sind, das auf neue Beine zu stellen.“ Pfarrer Geburek zeigt sich froh über den positiven Ausgang der Versammlung. Seine Arbeit fängt jetzt erst an.