Rhein-Pfalz Kreis Jugend trainiert für den Bundestag
Wer sich die Liste der Bundestagskandidaten im Wahlkreis Neustadt-Speyer anschaut, zu dem auch die Gemeinden im Leiningerland gehören, könnte meinen, dass unser Parlament bald einer Studierendenvertretung ähnelt: Markus Dürr von der FDP ist 22, Misbah Khan von den Grünen ist 26, Johannes Steiniger (CDU) ist 29, Isabel Mackensen (SPD) ist 30 Jahre alt geworden. Nun handelt es sich nicht um einen Wahlkreis, der für seine Jugendlichkeit bekannt ist. Im Kreis Bad Dürkheim zumindest ist der Anteil der Senioren höher als der Durchschnitt in den rheinland-pfälzischen Landkreisen. Und ausgerechnet hier sprudelt jetzt der Jungbrunnen der Bundespolitik. Nach Einschätzung von Johannes Steiniger gibt es keinen anderen Wahlkreis, in dem vier derart junge Direktkandidaten zur Wahl stehen. Senioren seien im Bundestag zu wenig repräsentiert, bemängelte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) schon 2013. Der Anteil der Älteren an der Bevölkerung werde größer, gleichzeitig nehme der Anteil älterer Abgeordneter ab. „Um ein Schiff auf Kurs zu halten, braucht es eine ganze Mannschaft und darunter auch erfahrene Seeleute“, sagte der Minister damals. Dass die See stürmischer wird, ist angesichts der sich weltpolitischen Lage nicht zu verneinen. Braucht es nicht gerade jetzt Geduld und Erfahrung? Sind Abgeordnete in den Zwanzigern dafür die Richtigen? Oder ist es so, dass ältere Kandidaten den jungen gerne den Vortritt lassen, weil sie sich den Weg in die E-Government-Gesellschaft als Berufspolitiker nicht mehr zutrauen? Schließlich haben sich die politischen Prozesse zuletzt wahnsinnig beschleunigt. Vielleicht mag das manch älteren Politiker darüber nachdenken lassen, sich aus dem Parlament zurückzuziehen. Nicht jeder möchte zudem jeden Tag twittern oder facebooken müssen. Der scheidende Abgeordnete Norbert Schindler sagte dazu stets, dass seine Nummer im Telefonbuch stehe. Für junge Leute hingegen scheint ein Sitz im Parlament nicht mehr die hornbrillige Schwere eines Bundestagsmandats früherer Tage auszustrahlen. Das „dicke B oben an der Spree“, wie es in einem Songtext heißt, ist für viele der hippste Ort im Land. Und warum nicht als Bundespolitiker in Berlin-Kreuzberg abhängen? Und noch etwas: Auch Wolfgang Schäuble saß bereits mit 30 Jahren im Bundestag.