Germersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Deichpflege: Rasenmäher auf vier Beinen

Die Halter, Planer und die Tiere (von links): Normen Karg, Fritz und Loretta Gruber mit Hanspeter Rausch.
Die Halter, Planer und die Tiere (von links): Normen Karg, Fritz und Loretta Gruber mit Hanspeter Rausch.

Eine Schafherde ersetzt Mähmaschinen am Rheinhauptdeich. Wer und was hinter dem Weide-Projekt stecken.

Da sind sie wieder. Am Rheinhauptdeich zwischen Germersheim und Sondernheim grasen seit Mitte Mai um die 50 Schafe. Schwarze, weiße und gescheckte. Sie haben einen Job zu erledigen: Sie sind die Hauptakteure eines Landschaftspflege-Projekts – tierische Rasenmäher sozusagen.

„Die brauchen einen guten Appetit“, sagt Fritz Gruber. Seiner Familie gehört der Storchenhof in Dettenheim, die „Basisstation“ der Schafe. Rund neun Hektar werden in diesem Sommer, abschnittsweise in Parzellen, am Sondernheimer Deich entlang beweidet. Im Lauf der nächsten Wochen kommen noch mal so viele Tiere, auch Ziegen, zur Herde dazu. Die Grubers haben viele Jahre Erfahrung in der Landschaftspflege. Für das Projekt in Sondernheim wechselten sie zum ersten Mal auf die andere Rheinseite. Es läuft im dritten Jahr, ist vom Land Rheinland-Pfalz initiiert und wird immer größer.

Die Herde soll auf rund 120 Schafe und Ziegen wachsen.
Die Herde soll auf rund 120 Schafe und Ziegen wachsen.

Keine Abnehmer fürs Heu

„Vorher wurde maschinell gemäht“, sagt Normen Karg von der Deichmeisterei, der zur Struktur-und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd gehört. Zwei Mal jährlich. Allerdings gebe es immer weniger Abnehmer für das Heu, dass schließlich entsorgt werden muss. Die Beweidung mit Schafen und Ziegen sei schonender und nachhaltiger. „Man erhofft sich Vorteile für die Tier- und Pflanzenwelt“, sagt Karg. „Wenn ich mähe, ist alles auf einmal weg.“ Tiere hingegen fressen selektiv, es bleiben Rückzugsräume für Insekten und andere Lebewesen. „Und wir brauchen keine verbrennergetriebenen Maschinen.“

Bekannt aus dem Fernsehen

Loretta Gruber kennt die positiven Effekte auf die Artenvielfalt. „Es sind immer Vögel und Insekten bei den Schafen unterwegs“, erzählt die 35-Jährige. Die Vögel picken Parasiten aus der Wolle und Insekten aus den Hinterlassenschaften. Loretta Gruber ist Pferdewirtschaftsmeisterin, saß schon als Mädchen im Sattel und auf dem Traktor. Die Arbeit ihrer Eltern Fritz und Ilona auf dem Hof hat sie von Klein auf begleitet. Gerade mal elf Jahre alt, hat sie im Kika-Fernsehen vorgemacht, wie Holzrücken, also Baumstämme aus dem Wald ziehen, mit einem Pferd funktioniert. Später kam eine weitere TV-Erfahrung dazu: 2022 hat Loretta Gruber bei der RTL-Sendung „Bauer sucht Frau“ mitgemacht – ihren Traummann hat sie dabei nicht gefunden.

Erstmals grasen die Tiere auch auf der Deichkrone. Fachleute prüfen die Wirkung auf die Grasnarbe.
Erstmals grasen die Tiere auch auf der Deichkrone. Fachleute prüfen die Wirkung auf die Grasnarbe.

Ackergeräte der Amish

Die Grubers setzen auch Rinder, Pferde und Esel in der Landschaftspflege ein. Bei Mäharbeiten mit Pferden kommen Geräte zum Einsatz, die die Familie von den Amish-People aus den USA importiert, erzählt die Landwirtin. Der Storchenhof betreut unter anderem Grünflächen und Biodiversitätsprojekte im Auftrag des Regierungspräsidium Karlsruhe, der Bundeswehr und von Siemens.

Moos ist ein Problem

In Sondernheim grasen die Tiere in diesem Jahr zum ersten Mal nicht nur hinter der Böschung des Deiches, sondern auch auf dem Damm. Es ist ein Experiment. In Norddeutschland funktioniere Deichpflege mit Schafen sehr gut, berichtet der Biologe Hanspeter Rausch, der das Projekt plant und begleitet. Hierzulande stecke diese Form der Beweidung noch in den Kinderschuhen. „Wir wollen neue Erkenntnisse an der Krone gewinnen“, sagt Normen Karg von der SGD. Wie wirkt sich die Beweidung auf die Grasnarbe des Deiches aus? Das sei eine der Fragen hinter dem Vorhaben. Für die Stabilität sei eine dichte Verwurzelung wichtig. Sie wirke wie ein Vlies und schütze vor Erosion. Moos, das in großer Menge auf dem Deich wächst, habe im Gegensatz zu verwurzelten Gräsern kaum festigende Wirkung und sei unerwünscht. Die Huftiere treten es auf natürliche Weise zurück, erläutert Karg. Gleichwohl müssen Trittschäden auf dem Damm vermieden werden. Zum Einsatz kommen hier nur kleine, leichte Tiere – Schafe und Ziegen. Bevor sie auf den Rheinhauptdeich durften, gab es eine Testphase auf dem Altdeich hinter der Ziegelei. Dabei seien in den letzten beiden Jahren gute Erfahrungen gesammelt worden.

Sieben Parzellen werden nacheinander beweidet. Hier die Weideflächen hinter der Alten Ziegelei.
Sieben Parzellen werden nacheinander beweidet. Hier die Weideflächen hinter der Alten Ziegelei.

„Solche Tiere sind Publikumsmagnete“, weiß Loretta Gruber. Anschauen sei kein Problem, Füttern hingehen schon. Das könne tödlich für die Tiere enden. Die Grubers sind täglich vor Ort. Wenn Passanten ein Problem bemerken, sei die Familie rund um die Uhr erreichbar. „Es sind keine Kuscheltiere. Es sind Nutztiere“, betont die Juniorchefin. Auf dem Storchenhof gehört die Beweidung zu einem landwirtschaftlichen Kreislauf: Tiere wachsen artgerecht und gesund auf, verwerten das Gras – und liefern am Ende auch Fleisch.

Familie Gruber schaut täglich nach den Tieren.
Familie Gruber schaut täglich nach den Tieren.
x