Mutterstadt
Große Taten, kleine Party: Agenda-21-Gruppe wird 25
Zwei, drei Schritte auf dem feuchten Grün der Obstwiese genügen, schon steigt einem der Duft von wilden Blumen und Kräutern entgegen. Noch intensiver riecht es nach frisch gemähtem Gras. Auf der etwa zwei Hektar großen Wiese am Ortsrand von Mutterstadt, links neben der Straße Richtung Oggersheim, mähen die Aktiven der Lokalen Agenda-21-Gruppe – fast ausschließlich per Hand mit der Sense. Mehrere Stunden brauchen die Ehrenamtlichen, dann kann das Gras Richtung Pferdehof abtransportiert werden. Zweimal im Jahr wird die Wiese gemäht, seit sich der „Arbeitskreis 2“ um das Areal kümmert. Routine also. Nicht ganz. Nach dem Mähen gibt es einen kleinen Umtrunk mit Sekt und Brezeln. Harald Rödel hat ein Plakat mit Bildern mitgebracht. Ein kleiner Rückblick auf all die vielen Aktionen. Bürgermeister Thorsten Leva (SPD) und einige Kommunalpolitiker sind auch gekommen. Sie bedanken sich für das Engagement für den Ort und die konstruktive Zusammenarbeit. Nach einer guten halben Stunde ist alles vorbei – was für eine bescheidene Geburtstagsfeier zum 25.!
Dabei haben die Ehrenamtlichen in dem Vierteljahrhundert ihren Ort mitgeprägt. Sie haben gekämpft für sichere Schul- und Radwege, haben Bäume gezählt, das Verkehrsaufkommen im Ort dokumentiert, Kunstaktionen zum Thema Nachhaltigkeit ins Leben gerufen, Bürgern ermöglicht, ihre Häuser mithilfe einer Wärmebildkamera auf Wärme- und somit Energieverluste zu scannen oder mit dem Bauhof den Dachgarten auf dem Palatinum angelegt. Es wurden Nistkästen gebaut und rund um die Mandelgrabenschule aufgehängt. Sie werden bis heute gepflegt – wie die Obstwiesen. Und das war mit Sicherheit noch nicht alles, was auf der Agenda schon erledigt ist.
Neue Ortsmitte mit inspiriert
Begonnen hat alles im Januar 1998 mit einem Gemeinderatsbeschluss zur Gründung einer Lokalen Agenda-Gruppe. Die war keine Erfindung der Mutterstadter, sondern zu diesem Zeitpunkt Trend in vielen Kommunen. Der Auftrag dazu kam von den Vereinten Nationen, die die Bürgerbeteiligung im Aktionsprogramm Agenda 21 schon 1992 auf der Konferenz für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro angeregt haben (siehe „Zur Sache“). Nachdem die Gründung in Mutterstadt beschlossene Sache war, warb die Gemeinde im Amtsblatt um interessierte Bürger. Mit Erfolg: 72 Mutterstadter hatten Interesse, ist in der Chronik der Agenda-Gruppe nachzulesen. Ein Jahr später wurde zur Bürgerversammlung in die Neue Pforte gerufen. Wenige Wochen später bildeten sich erste Arbeitskreise. 38 Bürger verpflichteten sich.
Harald Rödel hat zum Geburtstagsumtrunk das Protokoll der ersten Sitzung des „Arbeitskreises 2“ mitgebracht: Auf drei Seiten in fast kalligraphisch-schöner Handschrift wurden die Themen für die Bereiche Wohnen, Bauen, Verkehr und Erholung aufgelistet, die man bearbeiten wollte. Zu Beginn gab es vier Arbeitskreise. Aktuell sind es zwei, in denen sich jeweils etwa 15 Aktive engagieren.
Schon damals wollten die Bürger untere anderem Radwege im Ort, gepflegte Spielplätze, eine Geschwindigkeitsreduzierung des Verkehrs und eine bessere ÖPNV-Anbindung – alles Themen, die auch heute noch die Ortspolitik beschäftigen. Bei vielen schon umgesetzten Projekten war die Agenda-Gruppe mitbestimmend, etwa bei der Radwege-Anbindung ins Gewerbegebiet Fohlenweide oder der Umgestaltung der Ortsmitte. „Die Idee, die Ampel an der Hauptkreuzung abzuschaffen und allen Verkehrsteilnehmern gleichberechtigt Raum zu geben, hatten wir schon Jahre zuvor der Gemeinde vorgetragen“, erzählt Werner Stubenrauch, Mitglied der ersten Stunde. Beweisen könne er es nicht, aber er ist sich sicher, die Agenda habe zum jetzigen Aussehen der Ortsmitte zumindest inspiriert.
Andere Perspektive zeigen
Der Verkehr war und ist eine wichtige Angelegenheit für die viel befahrene Kommune, „aber es ist manchmal auch ein müßiges Thema“, gibt Stubenrauch zu. Wer ihn kennt, der weiß: Die grünen Themen liegen ihm besonders am Herzen. Etwa die beachtliche Fläche an Streuobstwiesen, die die Lokale-Agenda-Gruppe angelegt hat und um die sie sich kümmert. Insgesamt sind es mehr als vier Hektar, auf der unzählige Bäume gepflanzt und auch ein Wildbienenhaus errichtet wurden. Regelmäßig sind Grundschüler zu Besuch.
In diesem Jahr haben die Agendianer, wie sie sich selbst nennen, die Aktion „Grüne Daumen gesucht“ ins Leben gerufen. Bürger können Flächen rund um Gemeindebäume oder andere brach liegende Flächen in der Nähe ihres Wohnorts bepflanzen und pflegen. Bauhof und Agenda-Mitglieder stehen beratend zur Seite, Preise sind ebenfalls ausgelobt.
Bürgermeister Thorsten Leva schätzt die Arbeit der Agenda-Gruppe sehr, bereichere sie doch das Leben im Ort enorm. „Die Agenda-Mitglieder zeigen immer auch eine andere Perspektive. Das ist wichtig bei Entscheidungen“, sagt er. Und nicht nur das, findet Sabine Franke: „Wenn man möchte, dass sich was tut, dann muss auch was tun.“ Sie ist eines der wenigen jüngeren Agenda-Mitglieder. „Leider haben auch wir Nachwuchssorgen“, sagt Werner Stubenrauch. Seit sechs Jahren ist Sabine Franke mit ihrem Mann dabei. Der hat sich über die fast vertrockneten Bäume auf einer Streuobstwiese bei der Gemeinde beschwert. „Wir haben gar nicht gewusst, dass sich die Agenda-21-Gruppe darum kümmert“, erzählt Sabine Franke. Werner Stubenrauch antwortete ihnen freundlich, dass es leider zu wenige Ehrenamtliche gibt, die sich darum kümmern. Fortan waren die Frankes im Agenda-Team. „Ich finde es wunderbar, dass sich Bürger hier einbringen können. Das ist mir auch wichtig“, betont Sabine Franke. Öffentlichkeitsarbeit ist dabei ein wichtiger Teil für den Erfolg – und dabei bloß nicht so bescheiden sein wie bei der Geburtstagsparty!
Noch Fragen:
Infos zur Lokalen Agenda Gruppe Mutterstadt gibt es im Netz unter www.agenda21-mutterstadt.de.

