Rhein-Pfalz-Kreis
Ein Bach vor großer Veränderung: Wie der Rehbach bei Böhl-Iggelheim verlegt wird
Peter Christ (CDU) steht auf der Brücke der Böhl-Iggelheimer Luitpoldstraße, schaut auf den darunterfließenden Rehbach – und lauscht dem Rauschen. „Das ist nur eine von zwei Stellen, an denen man den Bach im Ort überhaupt richtig wahrnehmen kann“, sagt der Bürgermeister der Gemeinde. Eine Ente erschreckt sich ganz offensichtlich am Rathauschef, schnattert kurz und fliegt davon.
Wie eine kleine Lebensader zieht sich das Gewässer durch Iggelheim, überwiegend aber im Verborgenen an privaten Gärten vorbei. „Jeder kennt den Rehbach, aber fast nirgends ist er für die Bürger erlebbar“, sagt Christ. Das wird sich bald ändern. Schon lange plant die Kommune, den Rehbach zu verlegen. Das Projekt zieht sich schon über zwölf Jahre hin, könnte aber in absehbarer Zeit konkrete Form annehmen. Aus Sicht des Bürgermeisters mit einem deutlichen Mehrwert für Mensch und Natur.
Einst für Mühle angelegt
Der Rehbach hat seinen Ursprung in Neustadt, wo er aus der Teilung des Speyerbachs hervorgeht. Über Haßloch strömt das Wasser weiter in Richtung Iggelheim. Einst war der Rehbach in der vorderpfälzischen Kommune für die Walter-Mühle im Ort verengt und ausgehoben worden, um deren Rad zu betreiben. Doch die Produktion in der Mühle in Iggelheim ist längst nicht mehr auf das fließende Gewässer angewiesen. „Damals wurde ein künstlicher Absturz von fast drei Metern angelegt, damit der Bach mehr Geschwindigkeit aufnimmt, um die Mühle anzutreiben“, erklärt Christ. Das führte allerdings dazu, dass viele Fische und Amphibien an dieser Stelle oftmals nicht mehr unbeschadet durchkamen. „Im Sinne der Tiere und der Natur soll das nun geändert werden“, erklärt der Bürgermeister.
Der Plan dafür steht immerhin schon so gut wie fest. Den hat sich vor allem der Gewässerzweckverband (GZV) Rehbach-Speyerbach in Abstimmung mit der Gemeinde ausgedacht: „Bei der Rehbachverlegung wird ein zweiter Bacharm ausgehoben, der südlich und östlich um Iggelheim herum führt“, erklärt Christ. Fische und andere Tiere hätten keine Schwierigkeiten, durch diesen südlichen Bacharm zu gelangen. Hinter der Kläranlage im Osten von Iggelheim sollen die beiden Bacharme wieder zusammenfließen, ehe das Gewässer dann einige Kilometer später zwischen Neuhofen und Rheingönheim in den Rhein strömt.
Bach soll naturnah werden
Ein weiteres Ziel der Rehbachverlegung ist es, Druck aus dem Gewässer zu nehmen – und sich so präventiv vor Hochwasser zu schützen. „Wenn man sich die Wetterereignisse in den vergangenen Jahren anschaut, ist nicht ausgeschlossen, dass das Wasser im Extremfall auch schnell über die Ufer gehen und die Keller in Iggelheim überfluten kann“, meint Christ. Der zusätzliche Bacharm soll laut Planung mehr mäandern und damit die Geschwindigkeit des Wassers drosseln.
Mit der Aufteilung vor dem Ort sei die Gemeinde gut gegen Hochwasser gewappnet, betont der Bürgermeister. „Ganz gemäß der Europäischen Wasserrahmenrichtlinie (WRRL).“ Die WRRL ist ein Gesetz der Europäischen Union, das darauf abzielt, den Zustand aller europäischen Gewässer zu verbessern und zu schützen. „Die Rehbachverlegung entspricht diesen Anforderungen“, sagt Christ.
Die Nachbargemeinde Haßloch im Landkreis Bad Dürkheim ist bei ihrem Teil des Rehbachs schon einen Schritt weiter. Dort ist bereits vor über drei Jahren ein weiterer Gewässerlauf im Haßlocher Wald entstanden, um einen Beitrag zum Arten- und Hochwasserschutz zu leisten. Doch auch dort hat es viele Jahre gedauert, bis der Rehbach letztlich verlagert worden ist.
Die Planung des Projekts beschäftigt den Rathauschef in Böhl-Iggelheim schon seit mittlerweile über einem Jahrzehnt. Die Gründe sind für Christ klar: unzählige Dokumente, viele Absprachen mit anderen Behörden und etliche Naturschutzgutachten, damit allen Tieren und Pflanzen bei der Neugestaltung des Bachs Rechnung getragen wird. „Dieser bürokratische Aufwand dauert einfach in Deutschland sehr, sehr lange.“
Baustart 2027?
Nun stehe das Projekt aber kurz vor dem Planfeststellungsverfahren. „Die Konzepte liegen so weit vor, es ist im Prinzip alles abgeklärt“, betont Christ. Danach müsse noch eine Bodenneuordnung gemacht werden, weil sich der neue Teil des Gewässers durch viele kleine, überwiegend private Grundstücke zieht. Ist das geklärt, kann die Verlegung des Gewässers ausgeschrieben und an ein Bauunternehmen vergeben werden. „Der Start zur Umgestaltung des Rehbachs wird vermutlich Anfang 2027 sein“, sagt der Bürgermeister. Er rechnet mit Kosten um die sechs Millionen Euro. „Das Geld für die Planung wird allerdings zu 90 Prozent über die Europäische Rahmenrichtlinie gefördert. Der Bau der Maßnahme erhält immerhin eine Förderung von 78 Prozent“, erklärt er.
Und noch einen ganz wichtigen Vorteil sieht Christ im bald neu angelegten, naturnahen zweiten Arm des Rehbachs. „Das hat durchaus das Potenzial für ein schönes Naherholungsgebiet.“ Die aktuelle Planung sieht vor, dass die Bachufer zum großen Teil beschattet sein und neue Wege entlang des Gewässers gebaut werden. „Die Bürger haben dann die Möglichkeit, am Bach auch mal spazieren zu gehen“, erklärt der Rathauschef.
Neues Aushängeschild?
„Der Rehbach wird so deutlich erlebbarer. Und wenn die Menschen das Gewässer erstmal sehen, dann können sie sich auch besser damit identifizieren“, berichtet Christ. Der Rehbach solle ein Bach für alle Menschen in Böhl-Iggelheim werden.
Mittlerweile steht der Bürgermeister auf einem Feld, nur wenige Hundert Meter vor dem Iggelheimer Ortseingang im Süden. Er zeigt auf die Hundeschule, die am Ortsrand liegt. „Hier etwas weiter vorne wird sich der neue Rehbach dann teilen“, sagt Christ und zeigt die grobe Fließrichtung nach, die das Gewässer in naher Zukunft nehmen soll. Es braucht nicht viel Fantasie, um sich auszumalen, dass in geraumer Zeit zwischen den Feldern ein schönes Bächlein durchfließt.
Serie
Die Badeseen im Rhein-Pfalz-Kreis sind bekannt und im Sommer beliebte Ausflugsziele. Aber auch die Bäche im Kreisgebiet haben Freizeitpotenzial. Besonders für Menschen, die sich für Ökologie und Naturschutz interessieren und vielleicht sogar Interesse am Hochwasserschutz haben. In unserer Serie „Bachlauf“ stellen wir sechs solcher Fließgewässer zweiter und dritter Ordnung vor, und zwar bei Spaziergängen an ausgewählten Bachabschnitten.
