Rhein-Pfalz-Kreis
Durst löschen beim Pfälzer Gemüse: Wie Felder bewässert werden
Noch regnet es, und bis vor wenigen Tagen war es verhältnismäßig kühl – der Wonnemonat Mai zeigte sich schon mal freundlicher – und trotzdem: Da und dort hat sicher auch dieses Jahr jeder schon Wasserfontänen über Felder spritzen sehen, damit wächst, was dort angepflanzt ist. Der Rhein-Pfalz-Kreis gilt als Gemüsegarten Deutschlands. Salate, Bundzwiebeln, Radieschen, Kohlrabi, Blumenkohl, Erbsen, Kartoffeln – die Liste der Produkte, die angebaut werden, ließe sich locker erweitern. Das warme Klima der Vorderpfalz ist prima für den Gemüseanbau. Obwohl es oft supertrocken ist. Klingt paradox. „Ist es aber nicht“, sagt Johannes Zehfuß. Landwirt aus Böhl und Vorsitzender des Kreisbauernverbands. „Wir haben hier im Oberrheingraben zwar die höchste Verdunstungsrate in der Republik, Gemüsebau sucht sich jedoch immer die trockenen Gebiete. Es geht nämlich vornehmlich um die verfügbare Feldarbeitszeit, sprich: an wie vielen Tagen wir Landwirte auf dem Acker arbeiten können. Und hier können wir früh anfangen. Im Februar geht es los, und mit dem Wintergemüse gibt es fast ein ganzes Jahr lang frisches Gemüse aus der Heimat.“
Früh mitgedacht
Trockenheit und Wasserbedarf – für dieses Problem hat man in weiten Teilen der Vorderpfalz eine gute Lösung gefunden. „Man kann eigentlich schon sagen eine geniale“, meint Johannes Zehfuß. Bereits 1962 legte der damalige Staatsminister Oskar Stübinger den „Generalplan für die Beregnung der Vorderpfalz“ vor. 1965 wurde der Beregnungsverband Vorderpfalz gegründet. 1970 wurde mit dem Bau der Anlage begonnen. Der Plan: Grundwasser- und Trinkwasservorräte zu schonen. So steht es auch auf der Internetseite des Beregnungsverbands Vorderpfalz. „Da hat einer früh mitgedacht“, sagt Zehfuß. Er weiß aber auch, dass sich viele Landwirte damals gegen den Plan gesträubt haben. „Zum Glück nicht mit Erfolg.“ Und so versorgt heute ein ausgeklügeltes System, das immer weiter digitalisiert wird, jedes Jahr von etwa 15. Februar bis Mitte November 13.500 Hektar Ackerfläche mit Oberflächenwasser aus dem Otterstadter Altrhein. Eingeteilt ist das Gebiet in 14 Beregnungseinheiten in der Vorderpfalz.
Gesteuert wird das System inzwischen weitestgehend mit Computern. Und es soll stets der neuesten Technik angepasst werden. Derzeit sind Ultraschallwasserzähler in der Versuchsphase, wie der technische Leiter des Beregnungsverbands, Ralf Lippmann, erklärt. GPS-Tracker am Standrohr zeigen, wo gerade Wasser läuft und wie groß die Menge ist, die entnommen wird. Standrohre sind die Verbindungsstücke zu den Leitungen im Boden. 26 Cent zahlen die Landwirte pro Kubikmeter Wasser, dazu eine Jahresgrundgebühr.
Eines bleibt jedoch trotz aller Modernisierung: Wenn Johannes Zehfuß oder einer seiner Kollegen ihr Gemüse wässern wollen, müssen sie immer noch aufs Feld und den Hahn aufdrehen. Das hat einen guten Grund. „Wir haben unter Kontrolle, ob alles läuft“, sagt Zehfuß. „Wir sehen, ob das Wasser dahin spritzt oder tropft, wo es auch hin soll. Es kann ja immer etwas passieren. Dass ein Rohr platzt etwa oder der Beregner nicht richtig eingestellt ist.“
Eine Ente zieht vorbei
Präsenz auf den Feldern ist auch deshalb wichtig, weil immer mal wieder Diebe unterwegs sind, gerade 2022 hat eine Serie dem Beregnungsverband Sorgen bereitet: 30 Standrohre wurden innerhalb weniger Tage gestohlen. „Da ist es doch besser, regelmäßig nachzuschauen“, meint der Böhl-Iggelheimer.
Wenn Zehfuß den Hahn aufdreht, läuft Wasser, gleichzeitig gibt er einen Impuls, wie viel Wasser im System nachlaufen muss. Und da selten nur ein Landwirt die Beregnung anstellt, kommt schließlich Bewegung in die Sache. Am Otterstadter Altrhein mit seinen 220 Hektar Wasseroberfläche werden sich, wenn die Pumpen anspringen, an der Entnahmestelle leichte Wellen zeigen und Fischschwärme einstellen, denen im Sog des Wassers das Futter direkt in den Mund schwimmt. „Sechseinhalb Kubikmeter Wasser pro Sekunde können wir entnehmen“, sagt Lippmann. Gerade tut sich nichts. Nur Boote schaukeln im leichten Wind. Eine Ente zieht vorbei. Aber das Wetter ist trüb und kühl – und es gibt noch den Zwischenspeicher in Assenheim.
Das Wasser bei Otterstadt wird aus dem Altrhein gesaugt, gesiebt und zum Druckausgleich in einen 2000 Kubikmeter Wasser fassenden Turm gepumpt. Weiter geht es durch Hauptleitungen von bis zu zwei Metern Durchmesser. Die Zubringerleitungen ziehen sich weiter durch die Vorderpfalz, zweigen ab und werden bis zu den Feldern immer enger. Dazwischen gibt es 14 Druckerhöhungspumpwerke und wie bereits erwähnt einen großen Speicher am Zwischenpumpwerk Assenheim. Das Becken fasst 40.000 Kubikmeter. Im Idealfall bleibt es immer auf dem gleichen Niveau gefüllt. Insgesamt ziehen sich 50 Haupt- und Nebenzubringerleitungen und 550 Kilometer Rohrleitungen durch das Verbandsgebiet, das von Otterstadt im Süden bis Gerolsheim im Norden reicht.
Ein Plan für heiße Phasen
Im Hauptpumpwerk in Otterstadt springt eine Pumpe an. Es brummt. „Ich war es nicht“, sagt Zehfuß, der bei der Besichtigung dabei ist. Er hat den Hahn nicht aufgedreht. Aber wohl einige seiner Kollegen. „Ja, könnte sein, dass sich hier gleich etwas tut“, sagt Ralf Lippmann. Aber richtig in Fahrt kommen die Pumpen hier erst, wenn es noch wärmer und trockner wird. Für richtig heiße Phasen gibt es sogar einen Einteilungsplan, wann welcher Landwirt seine Äcker bewässern darf. Der Plan entstand, nachdem 2011 das System beinahe zusammengebrochen wäre, weil zu viele Landwirte gleichzeitig den Wasserhahn aufgedreht hatten. „Das Jahr war sehr früh schon trocken“, erinnert sich Zehfuß.
Anders als dieses Jahr. Jetzt regnet es wieder. Tropfen ploppen in den Altrhein. Nachschub von oben. „Ist doch prima“, lacht der Landwirt. „Kühl und regnerisch – und das, wo alle Welt vom Klimawandel redet.“ Den Hahn wird er in diesem Sommer aber auf jeden Fall noch aufdrehen, die Tage werden trockener. Zehfuß und seine Kollegen werden Wasser laufen lassen und einen Impuls im großen Beregnungssystem setzen, bis es am Altrhein gluckert.

