Mutterstadt / Frankenthal
Drogenprozess: Zeugen erinnern sich an vieles nicht mehr
Es geht vor dem Landgericht Frankenthal um den Handel mit und den Besitz von Drogen. Der wichtigste Zeuge ist ein Mann, der bereits verurteilt wurde. Die Staatsanwaltschaft möchte den jetzt Angeklagten, einen 42-jährigen Mutterstadter, als Komplizen in dem Fall überführen. Denn in seiner Wohnung wurde eine große Menge an Drogen gefunden.
Das Problem: Bei der Stürmung war er nicht vor Ort, sondern nur der verurteilte Zeuge; ein 37-Jähriger, der zuletzt in Neuhofen lebte. Er hatte die Wohnung als einen seiner „Bunker“ benutzt, also als ein Versteck für die Drogen. Seine Frau sollte nichts von alldem mitbekommen. Der angeklagte Mutterstadter habe aber die meiste Zeit bei seiner Freundin verbracht und deshalb nichts mit der Sache zu tun gehabt, so die Version des Zeugen.
Staatsanwalt Daniel Otto will das Gegenteil beweisen. Doch der große Zeitraum seit den Geschehnissen erweist sich immer wieder als Problem. Schon am ersten Verhandlungstag kann der Hauptzeuge sich laut eigener Aussage häufig nicht erinnern. Den für den zweiten Tag geladenen Polizisten geht das ähnlich. „Hatten Sie das noch in Erinnerung oder haben Sie sich wieder eingelesen?“, fragt Anwältin Katja Kosian den geladenen Ermittlungsführer. Er habe sich die Berichte noch einmal angesehen, sagt er. Denn er habe bereits seit Jahren – genauer gesagt seit Abschluss des Ermittlungsverfahrens – nichts mehr mit dem Fall zu tun.
Deshalb nimmt seine Befragung auch deutlich weniger Zeit in Anspruch, als der Vorsitzende Richter Uwe Gau eingeplant hat. Die Verhandlung wird für mehrere Stunden unterbrochen, bis die nächsten Zeugen kommen. Einer von ihnen kann schließlich nicht erscheinen – wegen Corona.
Nicht das einzige Hindernis im Prozess: Die Bilder aus der Wohnung sind sehr dunkel. Der Kriminal-Hauptkommissar, der die Wohnung dokumentierte, verteidigt sich: „Ich hätte auch lieber eine bessere Kamera.“ Ob er das Gefühl gehabt habe, dass zu der Zeit zwei Personen in der Wohnung gelebt haben, möchte der Richter wissen. Denn wenn der Angeklagte häufiger Gast in seiner eigenen Wohnung war, dann ist es wahrscheinlicher, dass er von den Drogen wusste. Doch der Polizist möchte nicht ins Blaue raten. „Ab einem bestimmten Verwahrlosungszustand kann man das nicht mehr sagen.“
Langer Anlauf
Aber warum hat es bis zum Prozess überhaupt so lange gedauert? Otto erklärt: Der jetzige Prozess sei ein Ergebnis eines größeren Ermittlungsverfahrens, der Encrochat-Prozesse. Dabei wurde ein Netzwerk von Personen aufgedeckt, die über den verschlüsselten Messenger-Dienst im großen Stil mit Drogen gehandelt haben. „Das waren vor allem Haftsachen, die dann bevorzugt und beschleunigt behandelt wurden“, so der Staatsanwalt. Denn diese Männer hätten schon in Untersuchungshaft gesessen.
Das sei bei dem jetzt Angeklagten nicht der Fall gewesen. Mindestens bis es zur Urteilsverkündung kommt, geht er als freier Mann. Und so wird dem Mutterstadter erst jetzt der Prozess gemacht, da die anderen abgeurteilt sind.