Mutterstadt / Frankenthal
Wusste der Angeklagte von der Drogenküche in seiner Wohnung?
Schüsseln mit weißen Rückständen, Tütchen mit Amphetamin und Behälter mit Kokain, Marihuana, Koffein; eine Kilo- und eine Feinwaage, Tierabwehrspray, Klappmesser – und eine dunkle Granitplatte mit Plastikkärtchen, um Drogen zu portionieren: Als ein Sonderkommando der Polizei am frühen Morgen des 30. November 2021 eine Mutterstadter Wohnung stürmt, ist jener Mann, den die Beamten auf dem Sofa vorfinden, in ziemlicher Erklärungsnot. Denn die Wohnung wurde augenscheinlich zur Drogenküche umfunktioniert. Doch um den inzwischen 37-Jährigen geht es an diesem Tag in Saal Eins des Landgerichts gar nicht. Er ist schon verurteilt, sitzt diesmal nur im Zeugenstand.
Angeklagt ist der Mieter der Wohnung. An jenem Novembermorgen vor drei Jahren war der heute 42-Jährige nicht zuhause. Doch dass er nicht mitbekam, was sich über Monate in seinen vier Wänden abspielte, glaubt die Staatsanwaltschaft ihm nicht. Sie legt auch ihm die in seiner Wohnung gefundenen Drogen zur Last – 87 Gramm Kokain, 22 Gramm Amphetamin, 40 Gramm Methamphetamin und zwölf Gramm Marihuana. Dazu 100 Gramm Koffein zum Strecken. Und auch die Messer und das Spray, Objekte, die „zum Verletzen geeignet und bestimmt sind“, wie Staatsanwalt Daniel Otto ausführt, stehen in seiner Anklageschrift. Der Mieter macht von seinem Schweigerecht Gebrauch, wie seine Anwältin Katja Kosian klarmacht, und so sagt er während der Verhandlung kein Wort.
Erinnerungslücken machen Gericht ungeduldig
Umso mehr braucht es den Zeugen. Kennengelernt haben sich die beiden im Urlaub auf Ibiza, erzählt er und beschreibt seine Beziehung zum Angeklagten als Freundschaft. Doch viel geredet haben die beiden Freunde wohl nicht. Denn auf viele Fragen des Vorsitzenden Richters Uwe Gau weiß er keine Antwort. Was hat der Angeklagte gearbeitet? Wie hieß seine Freundin? Besaß er ein Auto? All das kann er nicht beantworten – was Richter und Staatsanwalt sichtlich nervt. Mit Seufzen oder schließlich in den Stuhl zurückwerfen machen sie ihrer Ungeduld Luft.
Die Freundin ist ein wichtiges Puzzleteil, denn bei ihr will der Angeklagte die meiste Zeit verbracht haben, sagt der Zeuge, der eigentlich in Neuhofen wohnte. Er habe seinen Lebenswandel und seine Sucht vor seiner Frau verstecken wollen, führt er aus. Da sei ihm die Mutterstadter Wohnung gerade recht gekommen. Von seinem Freund gab es den Schlüssel. Wann und wie, daran kann er sich allerdings nicht mehr erinnern.
War der Angeklagte involviert?
Und auch nicht daran, welche Absprachen es gab oder was der Angeklagte von den Drogen wusste. „Er hat vermutlich nichts gewusst, sondern mir vertraut“, glaubt der Zeuge. Er habe ja auch stets aufgeräumt. „Sie haben immer aufgeräumt?“, fragt Otto ungläubig. Denn zuvor hatte der Zeuge gesagt, wegen seines Drogenkonsums sei ihm alles egal gewesen. Ordnung sei ihm aber schon immer wichtig gewesen, erwidert der Zeuge. Er habe ja auch trotzdem noch auf sich selbst geachtet. Allerdings gibt er selbst zu: „Koks stinkt wie Sau.“ Und: „Es war bekannt, was ich mache.“
Auch Drogen haben sie gemeinsam genommen, gibt der Zeuge schließlich preis, nachdem er sich mit seinem Rechtsbeistand besprochen hat. Doch die Staatsanwaltschaft glaubt, dass der Angeklagte nicht nur davon wusste, sondern auch daran beteiligt war. Mitgeschnittene Telefonate sollen das beweisen: Da sagt der Angeklagte einmal, der Zeuge solle „Eis von der Tanke mitbringen“ – für die Drogenherstellung? „Es könnte auch für eine Party gewesen sein“, erklärt der 37-Jährige. In einem anderen Gespräch hatte der Angeklagte gesagt, er wisse nicht, was er kassieren soll. Darauf der Zeuge: „Er“, also der Käufer, wisse es.
Noch bleibt vieles offen und der Angeklagte ein Rätsel. Um sein „erhebliches“ Vorstrafenregister wird es wohl erst später gehen. Und auch seine mögliche Devotionalien-Vitrine, mit Messer, Feuerzeug in Pistolenoptik und dem Buch „Mein Kampf“ darin, wird an diesem Tag erst einmal kommentarlos hingenommen. Der Prozess wird am 8. Oktober fortgesetzt.