Interview RHEINPFALZ Plus Artikel 10 Jahre VG Rheinauen: „Ich bin ein Kind der Verbandsgemeinde“

Zeigen die Wappen von Otterstadt, Altrip, Neuhofen und Waldsee: Kabarettist Uwe Heene, der aus Otterstadt stammt und die Geschic
Zeigen die Wappen von Otterstadt, Altrip, Neuhofen und Waldsee: Kabarettist Uwe Heene, der aus Otterstadt stammt und die Geschichte der Verbandsgemeinde in einem Stück aufgegriffen hat, und Patrick Fassott (rechts).

Die Verbandsgemeinde Rheinauen gibt es seit zehn Jahren. Was steckt hinter diesem Verwaltungskonstrukt? Was bedeutet es für das Lebensgefühl in den vier Gemeinden sowie für die Bürgerinnen und Bürger? Darüber hat RHEINPFALZ-Redakteurin Nadine Klose mit Bürgermeister und Verwaltungschef Patrick Fassott (SPD) gesprochen.

Herr Fassott, Verbandsgemeinde Rheinauen, was steckt hinter diesem Namen, hinter diesem Konstrukt, was bedeutet das für Sie?
Mittlerweile stecken der Großteil und die Hauptaufgabe meines Berufslebens in der Verbandsgemeinde Rheinauen. Ich sehe mich als Kind der Verbandsgemeinde, weil ich vor zehn Jahren schon dabei war, schon vorher in einer der Gemeindeverwaltungen gearbeitet habe, Werkleiter war und aus Altrip stamme. Ich habe die Verwaltung davor, die Fusion und den Prozess danach als normaler Verwaltungsmitarbeiter erlebt. Das Konstrukt hat mich dann so fasziniert, dass ich Chef der Verwaltung werden wollte, was ich seit fünf Jahren bin.

Was fasziniert Sie an der Verbandsgemeinde?
Da ich aus der verbandsfreien Gemeinde Altrip komme und ich bis zu meinem Studium in Mayen nicht wusste, dass es noch andere Verwaltungskonstrukte gibt, war natürlich der Reiz, dass ich wissen wollte, ob die Verbandsgemeinde wirklich effizienter und zukunftsfähiger als kleinere Einheitsgemeinden ist. In Rheinland-Pfalz wurde die Verwaltungsform Verbandsgemeinde ja als ganz großes Erfolgsmodell gefeiert.

Und wie lautet Ihr Fazit? Ist die Verbandsgemeinde effizienter?
Ich war vor zehn und noch mehr Jahren, als die Gespräche zur Fusion begannen, extrem kritisch. Ich habe mir damals als Kämmerer von Altrip nicht vorstellen können, dass eine Verbandsgemeinde vorteilhaft sein kann. Mittlerweile komme ich zum Ergebnis, dass es richtig war, zu fusionieren, und die Verbandsgemeinde für die Zukunft das Verwaltungsmodell ist, das funktioniert.

Wieso kommen Sie zu diesem Schluss?
Ich beleuchte mal die vergangenen fünf Jahre, die ich als Bürgermeister mitbekommen habe und die wir als Verwaltung bewältigen mussten: Ich war ein halbes Jahr im Amt, dann kam die Corona-Pandemie. Danach folgte der Krieg in der Ukraine, dadurch kamen zu den Flüchtlingen zusätzliche Schutzsuchende hinzu. Das hatte noch mal eine andere Quantität und Qualität. Wir hatten die Gasmangel-Lage. Bis dahin konnte ich mir nicht vorstellen, dass wir mal an einen Punkt kommen, an dem die Heiz-Energie knapp werden könnte. Dann ist da die Migration, die wir sowieso haben. Die Situation in den Kitas und Schulen. Die Cybersicherheit, auch ein Aspekt, der auf einmal neu aufkam und etwas, das wir als Verwaltung leisten müssen. Der Katastrophenschutz in der Art, wie wir ihn mittlerweile behandeln, ist vor dem Hintergrund des Klimawandels eine große Aufgabe. Wenn ich mir jetzt vorstelle, dass wir diese Herausforderungen in unseren früheren kleinen Gemeindeeinheiten mit 20, 30 Mitarbeitern hätten bewältigen müssen. Das scheint unmöglich. Heute können wir mit einer Verwaltung mit gut 100 Mitarbeitern anders vorgehen. Da sind schon mehr Kapazität und mehr Fachwissen vorhanden. Die Zukunft wird weitere Herausforderungen bringen und daher sind wir mit der Verbandsgemeinde besser aufgestellt.

Aufgabe der Verbandsgemeinde: der Katastrophenschutz, hier Verantwortliche der Wehrleitung und Neuhofener Wehrführung mit Bürger
Aufgabe der Verbandsgemeinde: der Katastrophenschutz, hier Verantwortliche der Wehrleitung und Neuhofener Wehrführung mit Bürgermeister Patrick Fassott (Zweiter von rechts) bei der Übergabe der neuen Drehleiter.

Sie haben in der Verbandsgemeinde mit Altrip, Neuhofen, Otterstadt und Waldsee vier selbstbewusste Ortsgemeinden, die jeweils mehrere Tausend Einwohner haben. Wie kann die Verbandsgemeinde denen gerecht werden?
Es ist mit Sicherheit mit unseren vier starken Ortsgemeinden eine besondere Herausforderung, die in Rheinland-Pfalz auch nicht so häufig vorkommt. Es wäre wahrscheinlich manchmal einfacher, wenn wir 28 Ortsgemeinden hätten, die alle so klein sind, dass sie Führung benötigen. Wir haben dagegen vier Gemeinden, die mit ihren Ortsbürgermeistern und ihren Gemeinderäten einen eigenen Willen haben. Darauf lege ich ganz großen Wert, weil ich selbst aus einer selbstbewussten Gemeinde stamme und dort gearbeitet habe. Es ist nicht immer einfach, schnell und klar mit den Amtskollegen zu kommunizieren. Die Zuständigkeiten sind klar, aber wer macht wann was? Das war am Anfang auch mal ruppig, weil man sich noch nicht so kannte. Aber nach mittlerweile fünf Jahren hat sich die Zusammenarbeit sehr gut eingespielt. Das war ein Prozess. Daher würde ich auch hier zu dem Ergebnis kommen: Ich finde es toll, dass wir diese großen Gemeinden mit selbstbewussten Ortsbürgermeistern haben. Man kann sich auf sie verlassen.

Ist dieser Prozess des Zusammenwachsens schon abgeschlossen?
Ich glaube schon, dass wir, soweit es möglich ist, auch zusammengewachsen sind. Man muss es ja nicht mit der Brechstange machen. Ich lege großen Wert darauf, dass wir es natürlich angehen, dann hält es auch länger, wenn es sich von sich aus fügt. Ein Beispiel: Zu Beginn meiner Amtszeit wollte ich einen Bürgerbus für die gesamte Verbandsgemeinde einrichten. Da konnte ich mich nicht durchsetzen, auch mangels entsprechender Mehrheitsverhältnisse im Verbandsgemeinderat. Aber das Ergebnis ist, dass es bald in allen vier Ortsgemeinden einen Bürgerbus gibt, auch in Altrip zeichnet sich etwas ab. Es ist wichtig, dass man auch mal loslassen kann. Es ist egal, ob der Bürgerbus von der Ortsgemeinde oder der Verbandsgemeinde organisiert wird. Man freut sich in der Politik immer, wenn man sich einen Erfolg selbst ans Revers heften kann. Das ist aber nicht wichtig. Wichtig ist, dass es dieses von Ehrenamtlichen getragene Angebot gibt, es gut ist und wir als Verwaltung den Bürgern dienen.

Sie sprechen es an: Wie können die Bürger von der Verbandsgemeinde profitieren?
Wir müssen natürlich ein guter Dienstleister für die Ortsgemeinden sein. Der Bürger profitiert dann am meisten, wenn wir ordentliche Arbeit machen. Wenn wir die Kita, das Bürgerhaus, die Sporthalle entsprechend schnell sanieren. Unsere Hauptarbeit, ich bin ja Leiter dieser Behörde, das unterscheidet mich von den Ortsbürgermeistern, ist auch, staatliche Aufgaben zu erledigen. Deshalb lege ich großen Wert darauf, dass wir das ordentlich und bürgernah machen, also Öffnungszeiten anbieten, die auch für Berufstätige passen. Und wir haben ja auch in Otterstadt mit dem Bürgerbüro eine Anlaufstelle vor Ort geschaffen. Das ist wichtig. Man muss als Bürger eigentlich nicht oft ins Rathaus, aber wenn, dann muss es funktionieren. Da sind wir gut aufgestellt mit den Mitarbeitern, die das Gesicht der Verwaltung sind und auch Fingerspitzengefühl zeigen.

Sie haben von den Vorteilen der Verbandsgemeinde gesprochen, aber es gibt auch Nachteile. Wo sehen Sie sie?
Der Nachteil des Verwaltungsmodells ist, dass die Entscheidungswege nicht kürzer sind. Sie sind länger als in einer eigenständigen Gemeinde. Das ist so. Wenn ein Bürger zu mir kommt, kann ich nicht unbedingt sofort handeln. Ich muss je nach Thema Rücksprache mit dem Ortsbürgermeister halten.

Die Fusion zielte auch auf Vereinheitlichung ab. Einheitliche Abwassergebühren wären für Bürger der Gemeinden Otterstadt und Waldsee aber von Nachteil. Sie müssten mehr bezahlen.
Dieses Thema können Sie nicht zur Zufriedenheit aller lösen. Im Verbandsgemeinderat wurde ja völlig durcheinander, frei von der politischen Zugehörigkeit zu einer Partei, fast ausschließlich nach Wohnort abgestimmt. Viele sehen es auch als Vorteil, dass sich nichts geändert hat. Auf der anderen Seite haben wir drei Wirtschaftspläne, drei Rechnungslegungen, natürlich könnte das alles einfacher sein. Aber ich habe ein demokratisches Votum anzunehmen, es war zwar mit 19:18 denkbar knapp, aber es ist so. Des einen Freud’ ist des anderen Leid.

Sie haben bereits dargelegt, dass das Zusammenwachsen der Gemeinden, soweit es sinnvoll ist, gut gelungen ist. Wie geht es jetzt weiter?
Wenn wir uns mal die Feste in der Verbandsgemeinde und deren Besucher anschauen, haben wir schon eine große Durchmischung. Wo ich mir noch mehr Zusammenwachsen vorstellen könnte, wäre im Bereich Sport und Kultur. Hier könnte man noch ortsübergreifender zusammenarbeiten, zum Beispiel eine gemeinsame Sportschau organisieren. Mit dem Tag der offenen Gärten haben wir aber auch schon ein sehr schönes Verbandsgemeindeevent.

Sollen ihre Traditionen bewahren und pflegen: die Ortsgemeinden, hier ist der Umzug beim Fischerfest in Altrip zu sehen.
Sollen ihre Traditionen bewahren und pflegen: die Ortsgemeinden, hier ist der Umzug beim Fischerfest in Altrip zu sehen.

Und wie kann die Verwaltung noch näher zusammenrücken?
Wir sind mittlerweile schon bei der Verbandsgemeindeverwaltung Rheinauen 2.0 angekommen. Wir ziehen gerade um. Wir haben in Waldsee ein tolles modernes Rathaus, das als Mutterschiff hier an diesem Standort ideal liegt. Jetzt kommen wir mit unserer Verwaltung wieder mehr zurück in die Ortsgemeinden. Das ist auch eine Art von Zusammenwachsen. Wir stärken Neuhofen als Verwaltungseinheit. Dorthin ziehen aktuell die Kasse und Teile der Kämmerei hin. In Altrip haben wir dann Platz, sodass das komplette Ordnungsamt von Waldsee dorthin zieht und wieder mit dem Vollzugsdienst unter einem Dach sitzt – neben den VG-Werken, die seit 2014 in Altrip sind. In Waldsee haben wir dann wiederum mehr Platz, um die Bauverwaltung mit den entsprechend erforderlichen Neueinstellungen unterzubringen. Es gibt ja den permanenten Wunsch, dass Bauprojekte schneller umgesetzt werden. Das erhoffe ich mir dadurch. Das ist die derzeit angezeigte Verwaltungsoptimierung, bei der Einheiten zusammengezogen werden und von einem Standort aus mit den sich ergebenden Synergien arbeiten. Das eine war der Geist und das Lebensgefühl der Verbandsgemeinde, die sich entwickelt haben, ohne dass die Ortsgemeinden ihre Eigenständigkeit verloren haben, und das ist jetzt die interne Verwaltungsumstrukturierung.

Zur Person

Der SPD-Politiker Patrick Fassott ist 53 Jahre alt und seit September 2019 Bürgermeister der Verbandsgemeinde Rheinauen. Er steht in diesem Amt der Verbandsgemeindeverwaltung mit rund 100 Mitarbeitenden vor. Diese ist für etwa 25.000 Einwohner zuständig. Die VG Rheinauen ist die größte im Rhein-Pfalz-Kreis.

Im Netz

Anlässlich des zehnjährigen Bestehens der Verbandsgemeinde Rheinauen hat Schauspieler und Kabarettist Uwe Heene ein Stück geschrieben. Sein Blick auf das, was die Verbandsgemeinde ausmacht, finden Sie hier.

Sitz der Verbandsgemeindeverwaltung: das Rathaus in Waldsee. Dort gibt es Veränderungen, weil Mitarbeiter umziehen.
Sitz der Verbandsgemeindeverwaltung: das Rathaus in Waldsee. Dort gibt es Veränderungen, weil Mitarbeiter umziehen.
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