Deidesheim RHEINPFALZ Plus Artikel Von Tokio an die Weinstraße: Warum eine japanische Künstlerin bewusst die Pfalz wählte

Die Künstlerin Keiko Yamagiwa stammt aus Tokio, hat in London studiert und lebt jetzt in Deidesheim, unser Foto zeigt sie mit de
Die Künstlerin Keiko Yamagiwa stammt aus Tokio, hat in London studiert und lebt jetzt in Deidesheim, unser Foto zeigt sie mit dem Gitarrenbauer Jens Ritter.

Sie stammt aus Tokio, hat in London studiert und stellt in Miami ihre Kunst aus: Keiko Yamagiwa. Was sie in die Pfalz verschlagen hat und wieso Deidesheim ideal ist.

Frau Yamagiwa, Sie bezeichnen Deidesheim als den richtigen Ort für Ihre Kunst. Was inspiriert Sie hier?
Deidesheim gibt mir den Raum und die Ruhe, die ich für meine kreative Arbeit brauche. Seit Jahrhunderten suchen zahlreiche Künstler nach Landschaften, die mit ihrer innersten Vision in Resonanz stehen, und für mich bietet Deidesheim genau diese Inspiration. Ich bin zutiefst dankbar, dass ich meine Kunst an diesem Ort schaffen darf.

Man hat bei Ihnen schnell den Eindruck, Sie hätten diesen Ort an der deutschen Weinstraße bewusst gesucht. War das so?
Ich habe nicht alles im Detail geplant, aber nach der Geburt meiner Kinder suchte ich natürlich einen Ort, an dem meine Familie sicher leben und meine Kinder eine Art Verwurzelung erfahren können. Gleichzeitig wollte ich einen Ort, an dem ich mich meiner Kunst widmen kann. In diesem Sinne war die Wahl von Deidesheim, wo auch die Familie meines Mannes in der Nähe lebt, eine bewusste Entscheidung.

Viele Ihrer Landsleute leben in Düsseldorf. Doch auch hier hat eine japanische Winzerin ein Weingut und zum Küchenteam des Ketschauer Hofs gehörten zeitweise zwei Japaner, der Patissier Tatsuya Shimizu und Masaki Yabe. Was macht diesen Ort für Ihre Landsleute so besonders?
Ich empfinde Deidesheim als einen besonderen Ort, gerade weil hier Traditionen gepflegt und gleichzeitig eine offene Haltung gelebt wird. Es herrscht eine Atmosphäre, in der Menschen aller Generationen einander respektieren und neue Herausforderungen genießen können, und diese Herzlichkeit und Aufgeschlossenheit vermitteln auch Besuchern aus dem Ausland ein Gefühl von Wohlbefinden. Besonders für Japaner, deren Kultur seit jeher von Respekt vor der Natur und einem Leben im Einklang mit den Jahreszeiten geprägt ist, ist Deidesheim – mit seiner Umgebung, den hervorragenden Weinen, der Küche, die die wechselnden Jahreszeiten widerspiegelt, und traditionellen Veranstaltungen wie der Geißbockauktion und der Deidesheimer Weinkerwe – besonders reizvoll und zugleich ein Ort, der Wohlgefühl und Inspiration bietet.

Wie schwer war es für Sie, Millionen-Metropolen wie Tokio und London hinter sich zu lassen und mit Ihrer Familie ein neues Zuhause im Herzen der Pfalz zu finden?
Ich liebe das energiegeladene und stimulierende Leben in Tokio und London, aber in Deidesheim erlaubt mir das langsamere Tempo, mich intensiver mit meiner Familie, der Natur und meiner kreativen Arbeit zu verbinden. Deshalb fühle ich mich nicht einsam oder eingeschränkt, weil ich die Großstadt verlassen habe. Ganz im Gegenteil: Diese Umgebung ist beruhigend und inspirierend, sodass ich mich voll und ganz auf meine Kunst konzentrieren kann.

Was war die schwierigste Umstellung für Sie?
Die größte Umstellung war für mich, mich an das langsamere Tempo der alltäglichen Dienstleistungen zu gewöhnen. In Tokio gehören früh öffnende Cafés, 24-Stunden Supermärkte, sogenannte Convenience Stores und schnelle Arzttermine einfach zum Alltag. In Deidesheim beginnen die Tage langsamer, die Geschäfte schließen früher, und manchmal fühlt es sich bei der Suche nach einem Arzttermin an, als müsste man warten, bis die Trauben reif sind – Geduld ist gefragt! (lacht)

Ich habe gehört, Sie trinken auch gerne mal ein Glas Wein. Stimmt das und wie sieht es aus mit Reiswein beziehungsweise Sake?
Ich liebe Wein - besonders die lokalen Weine aus Deidesheim und Umgebung. Aber ich liebe auch Sake. In Japan habe ich sogar mit einer Brauerei in der Präfektur Ehime zusammengearbeitet und Etiketten für einen Sake entworfen, den man wie Wein genießen kann. Sowohl Wein als auch Sake spiegeln die Kultur und den Charakter ihrer Heimat wider, was ich sehr faszinierend finde. Daher kann ich mich wirklich nicht für eines von beiden entscheiden.

Wie sehr vermissen Sie die japanische Küche? Und was sagen Sie zur Pfälzer Küche?
Ich liebe die japanische Küche absolut. Ich könnte sie jeden Tag essen. Im Moment besucht mich meine Mutter und kocht japanisches Essen für uns, daher fühlt sich jede Mahlzeit wie im Himmel an. Die pfälzische Küche finde ich ebenfalls sehr lecker! Besonders gern mag ich Dampfnudeln - frisch zubereitet und in Weinsauce getaucht, zaubern sie mir immer ein Lächeln ins Gesicht.

Kürzlich war Ihre Mutter aus Tokio bei Ihnen zu Besuch. Wie schwer ist es für sie, die fremde pfälzische Kultur zu erleben?
Meine Mutter ist 73 Jahre alt, aber immer noch unglaublich neugierig, humorvoll und sehr unabhängig. Obwohl sie kein Deutsch spricht, geht sie selbstbewusst in Cafés und fährt alleine mit dem Zug. Sie genießt die schöne Natur, die Freundlichkeit der Menschen und das leckere Essen. Sie genießt eine wunderbare Zeit damit, die Kultur von Deidesheim zu erleben.

Sie planen ein Projekt mit Menschen von hier, das Sie weltweit präsentieren wollen. Um was geht es konkret?
Dieses Projekt heißt „Relation-Shape“ und begann 2005 während meines Kunststudiums in London. Es visualisiert menschliche Beziehungen, die normalerweise unsichtbar sind, mithilfe von dehnbarem und halbtransparentem Stoff. Das Projekt untersucht, was Beziehungen sind, und wie Menschen im Zeitalter der KI miteinander verbunden sind. Ich habe dieses Projekt an verschiedenen Orten weltweit aufgeführt, und in Deidesheim möchte ich, dass lokale Bewohner teilnehmen und die einzigartigen „Beziehungsformen“ dieser Gemeinde sichtbar machen. Jetzt im Januar plane ich eine groß angelegte Performance mit etwa 100 Teilnehmern im Brenners Hotel & Spa in Baden-Baden. In Deidesheim plane ich die Veranstaltung für das Frühjahr. Ich hoffe, dass so viele lokale Menschen wie möglich teilnehmen werden.

Sie lernen fleißig die deutsche Sprache. Können Sie sich auch vorstellen, den pfälzischen Dialekt eines Tages verstehen zu können?
Ich hoffe sehr. Vorläufig reicht mir jedoch ein einfaches „Ah jo!“. (lacht)

Haben Sie inzwischen hier Ihren Lieblingsplatz gefunden?
Ja, ich liebe es, durch die Weinberge zu spazieren oder zu joggen. Die Farben der Reben ändern sich mit den Jahreszeiten von tiefem Grün über Rot und Orange bis zu Gold, was sehr beruhigend wirkt und gleichzeitig meine Gedanken und Kreativität anregt.

Gibt es etwas, was Sie sich für ihre pfälzische Wahlheimat wünschen?
Diese Region, die oft als „Toskana Deutschlands“ bezeichnet wird, bietet wunderschöne Natur, exzellenten Wein, eine reiche Esskultur, bezaubernde Landschaften und herzliche Menschen. Ich hoffe, dass hier zeitgenössische Kunstmuseen, Festivals und Artist-in-Residence-Programme entstehen können. Diese Gegend besitzt bereits viele Elemente, die Künstler wie mich anziehen, und jedes Jahr kommen Besucher aus Deutschland und dem Ausland. Kunst spielt eine gesellschaftliche Rolle, indem sie Menschen über Alter, Nationalität und Geschlecht hinweg verbindet und die Kultur und Geschichte eines Ortes über die Zeit hinweg erlebbar macht. Mehr Möglichkeiten für zeitgenössische Kunst würden sowohl der lokalen Bevölkerung als auch den Besuchern und der Pfalz insgesamt zugutekommen. In Japan finden in vielen ländlichen Städten zeitgenössische Kunstfestivals statt, und selbst kleine Orte, weit entfernt von Großstädten wie Tokio oder Osaka, ziehen jedes Jahr zahlreiche Besucher an. Solche Beispiele zeigen mir, dass auch die Pfalz Potenzial hat, durch zeitgenössische Kunst noch stärker ihre Attraktivität zu entfalten.

Zur Person

Keiko Yamagiwa ist 42 Jahre alt, verheiratet und hat zwei Kinder im Alter von fünf und sieben Jahren. Sie wurde in Tokio geboren und wuchs dort auf. Zum Studium ging sie nach London, unternahm Reisen nach Afrika und kehrte dann nach Tokio zurück. Mit ihrem Ehemann, der aus Speyer stammt, zog sie nach Deutschland. Nach einigen Jahren in Stuttgart und Prag lebt die Familie, deren Kinder dreisprachig erzogen werden, nun in Deidesheim.wij

Die Serie

Sie stammen nicht von hier und haben doch in der Pfalz ein Stück Heimat gefunden. In unserer Serie „Wahlpfälzer“ erzählen Zugezogene, was sie in die Region geführt hat und was sie hier hält.

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