Neustadt
Wie ein Niedersachse die Pfalz erlebt
Herr Kurre, wie ist das eigentlich als Norddeutscher? Gehen Sie mit Regen und Wind gelassener um als die Pfälzer?
Einer der Gründe, warum ich hier bin, ist tatsächlich das gute Wetter. Zwar habe ich heute Morgen beim Blick aus dem Fenster gedacht, so ein Nebeltag ist auch mal schön. Aber zum Glück ist es hier nicht so wie in Aachen oder in Elstorf bei Hamburg, dass es eine Woche lang Nebel hat. Mir fällt auch auf, dass die Leute in der Pfalz weniger übers Wetter reden – weil wir eben oft gutes Wetter haben. Wenn ich in Neustadt durchs Reutergäßchen laufe, habe ich den Duft von Feigen in der Nase. Das sind Dinge, die kenne ich nur aus meiner Reiseleiterzeit in Südfrankreich, aber nicht aus Deutschland. Da merke ich, dass es eine gute Entscheidung war, in die Pfalz zu kommen.
Was hat Sie denn in die Pfalz geführt?
Von 2016 an habe ich von Berufs wegen in Nürnberg gelebt. Als ich dort dann gekündigt habe, wollte ich wieder in eine Weingegend. Ich habe 15 Jahre auch in Schweinfurt gelebt, das zu dem Teil Frankens gehört, in dem der Wein und nicht das Bier dominiert. In Nürnberg haben mir die Weinberge gefehlt. Ich habe dann kurz erwogen, nach Unterfranken zurückzugehen, aber es gibt eine Sprachbarriere zwischen Mittel- und Unterfranken. Das heißt, ich hätte in Unterfranken den Rest meines Lebens meinen Nachnamen buchstabieren müssen. Als ich dann meinen Bruder in Waldsee im Rhein-Pfalz-Kreis besucht habe, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen, dass ich ja in die Pfalz ziehen könnte. Zumal es von hier nicht weit ist bis nach Frankreich, wo ich auch schon gelebt habe.
Mussten Sie sich in der Pfalz bei etwas umstellen?
Ja, aber nicht wegen regionaler Eigenheiten. Ich bin vor 45 Jahren erstmals in die Feuerwehr eingetreten und war in einem Ort bei Schweinfurt auch mal Kommandant einer kleinen Dorffeuerwehr. Eine Feuerwehr, die keinen Atemschutz hat, die keine schweren Fahrzeuge hat. Ich hatte als Kommandant zwar Verantwortung, aber es gab nicht viel zu verantworten, weil wir vielleicht fünf Einsätze im Jahr hatten. Als ich mich dann hier bei der Feuerwehr gemeldet habe, habe ich schnell gemerkt, dass das in Sachen Organisation eine ganz andere Hausnummer ist. Aber ich bin jetzt im Löschzug 2 und im Medienteam und fühle mich dort sehr wohl. Wir arbeiten übrigens gerade am neuen Jahresbericht für 2025 und suchen noch Sponsoren. Zur Feuerwehr bin ich nicht nur wegen meiner Erfahrungen als Feuerwehrmann gegangen, sondern auch weil ich weiß, dass man in Vereine muss, um Leute kennenzulernen, wenn man irgendwo neu hinkommt. So bin ich dann auch beim Freundeskreis Mâcon gelandet, ich war ja oft in Frankreich. Letztes Jahr bin ich zudem in die Weinbruderschaft der Pfalz aufgenommen worden.
Haben Sie den Eindruck, dass Sie als Zugezogener gut in der Pfalz aufgenommen wurden?
Ja. Das liegt aber wahrscheinlich auch daran, dass ich auf die Leute zugehe. Ich bin auch woanders positiv aufgenommen worden. Im Rheinland sind die Leute auch sehr offen, dort ist es aber etwas oberflächlicher, unverbindlicher.
Haben Sie in der Zeit, seit Sie hier sind, einen Lieblingsplatz in Neustadt gefunden?
Ich mag den Deidesheimer Tempel und den Sonnenweg bis zur Wolfsburg. Im Sommer lasse ich gerne den Sonntag abends auf der Wolfsburg ausklingen. Dann sitze ich da, gucke ins Tal und denke nur, wie schön das ist.
Wo Sie sich auch gut auskennen, ist der Neustadter Hauptfriedhof. Wie kam es denn dazu?
Das ist durch Zufall entstanden. Ich war 2023 mit der Feuerwehr beim Volkstrauertag und war dann danach bei der Führung des Oberbürgermeisters über den Friedhof dabei. Besonders interessant fand ich die Helfferich-Grabsteine, weil ich ja in der Helfferich-Straße wohne, zumindest hieß sie damals noch so. Ich habe dann festgestellt, dass es nur einen alten Flyer zum Friedhof gab. So ist die Idee entstanden, einen neuen Flyer zu machen. Und so wurde dann auch ein kleiner Friedhofsführer daraus, im kleinen Format, damit er auch in eine Jackentasche passt. Den Friedhofsplan gibt es auf meiner Website kurre.de zum Download, einen 44-seitigen Friedhofsführer gibt es bei der Buchhandlung Quodlibet und in der Neustadter Bücherstube. Man kann ihn auch bei mir per E-Mail bestellen. Erschienen ist übrigens auch gerade ein Band zur Symbolik auf jüdischen Gräbern. Einen Band zu Neustadts jüdischem Friedhof bereite ich gemeinsam mit Eberhard Dittus vor.
Sie haben in verschiedenen Teilen Deutschlands gelebt. Vermissen Sie von dort etwas kulinarisch?
Ich habe 22 Jahre in Franken gelebt und mag die Würzung der fränkischen Bratwürste sehr. Ich habe mich bei der Neustadter Feuerwehr auch direkt in die Nesseln gesetzt, als ich beim Grillen sagte, dass mir die Pfälzer Bratwürste nicht schmecken. Ich muss die fränkischen Würste aber nur halb vermissen, denn der Metzger Neumaier hat sie mit einer wirklich guten Würzung. Was ich aber vermisse, ist das Schweineschäufele, das ist das Schulterblatt mit einem großen Fetzen magerem Fleisch mit einer Kruste, so dass es nicht trocken ist. Das wird im Fränkischen mit Wirsing und Kloß serviert. Aus Norddeutschland vermisse ich im Winter höchstens Grünkohl mit Pinkel, aber aus dem Rheinland vermisse ich nichts – zu viel Mayonnaise und Frittenfett.
Wie halten Sie es mit der pfälzischen Küche?
Fleeschknepp mag ich sehr. Saumagen auch, wobei die Qualität da sehr unterschiedlich ist. Beim Weinlesefest habe ich einen wirklich tollen Kastanien-Saumagen am Feuerwehrhäusle gegessen. Was ich hier gut finde, ist, dass die Küche vielleicht fleischbetont ist, aber nicht so fleischlastig wie in Franken. Dort ist das Wichtigste, dass man ein Kilo Fleisch auf dem Teller hat – und am Ende vielleicht nur drei Kartoffeln.
Wenn ich mir das so anhöre, klingt das nicht so, als hätten Sie vor, die Pfalz alsbald wieder zu verlassen.
Definitiv nicht. Ich habe meinem Vermieter schon gesagt, dass er mich wahrscheinlich irgendwann einmal hier raustragen muss (lacht). Es ist hier für mich das totale Paradies. Hier kann man feiern, durch die Weinberge wandern oder im Wald Sport machen. Ich habe sechs Jahre in Nürnberg gewohnt. Und als Covid kam, habe ich gemerkt, dass ich außer meinen Arbeitskollegen niemanden kennengelernt habe. Das ist mir hier nicht passiert.
Zur Person
Klaus Kurre wurde 1967 in Clausthal-Zellerfeld im Harz in Niedersachsen geboren. Er lebte dann sechs Jahre im Rheinland und zwölf in Elstorf bei Hamburg. Kurre studierte zunächst Physik in Aachen und Montréal. In Kanada entdeckte er seine Liebe zu Sprachen, arbeitete als Übersetzer und Reiseleiter und bildete dann 20 Jahre lang Übersetzer aus. Mittlerweile ist er beim Bundesprachenamt beschäftigt. Das Amt mit Sitz in Hürth bei Köln ist zentraler Sprachendienstleister für die Bundeswehr und den öffentlichen Dienst. Kurre kann die meiste Zeit von Neustadt aus arbeiten.
Die Serie
Sie stammen nicht von hier und haben doch in der Pfalz ein Stück Heimat gefunden. In unserer Serie „Wahlpfälzer“ erzählen Zugezogene, was sie in die Pfalz geführt hat und was sie hier hält.


