Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Notarzt im Einsatz: Zwölf Stunden zwischen Klinik, Blaulicht und Leben retten

Gehören zum mehr als 100 Köpfe starken Team für die Notfallversorgung in und um Neustadt: (von links) Der Leitende Notarzt Fabia
Gehören zum mehr als 100 Köpfe starken Team für die Notfallversorgung in und um Neustadt: (von links) Der Leitende Notarzt Fabian Glantz mit Neustadter DRK-Rettungswachenleiter Alexander Zeitler sowie DRK-Notfallsanitäter und NEF-Fahrer Michel-Leon Schmitt.

Von der Seniorin mit Atemnot bis zum Frontalcrash: Notarzt Fabian Glantz arbeitet zwischen Klinikalltag und Ausnahmezustand. Und plötzlich muss er um ein Leben kämpfen.

Als der Melder an diesem Donnerstag gegen 10.30 Uhr in Fabian Glantz’ Hosentasche zum ersten Mal aufheult, schaltet der Oberarzt für Anästhesiologie, Intensiv- und Palliativmedizin gedanklich sofort um: Auf dem Weg zum Haupteingang des Marienhaus Klinikums Hetzelstift blendet der Notarzt und Leiter des Notarztstandortes alles aus, was er am Morgen in der Übergabe über die Patienten erfahren hat, die auf der Intensivstation liegen. Jetzt geht es um sein anderes Fachgebiet: die Notfallmedizin.

Der 41-Jährige stellt mit 26 Notärzten sowie über 80 Mitarbeitern des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) die Notfallversorgung in der Region sicher. Vor der Pforte wartet sein heutiger Fahrer: Notfallsanitäter Michel-Leon Schmitt. Er sorgt dafür, dass der Notarzt im Notarzteinsatzfahrzeug (NEF) zügig in Hambach ankommt, wo die Haushaltshilfe einer 88-Jährigen den Notruf gewählt hat. Die vorerkrankte Seniorin leidet unter Atembeschwerden und Schmerzen im Brustkorb.

Heilsame Zuwendung

„So ein Trubel wegen mir“ – die Seniorin ist wenig begeistert über den Besuch in Einsatzkleidung. „Jetzt sind wir schon da, da können wir Sie auch untersuchen“, redet Glantz ihr gut zu. Die Sanitäter aus Edenkoben messen Blutdruck und Temperatur und legen Elektroden für ein EKG an. Der Notarzt sammelt im Gespräch mit der Haushaltshilfe Daten wie Allergien und Medikamentenplan. Ist niemand verfügbar, der solche Informationen weitergeben kann, ist eine Notfalldose im Kühlschrank oder die Notfallpass-Funktion auf Smartphones „sehr wertvoll“, erklärt Schmitt.

Der Notarzt hört Lunge und Herz der Frau ab und sieht sich die Ausschläge auf dem langen EKG-Zettel an. Der Zuspruch des Rettungsdienstes hat sie offenbar etwas beruhigt, doch sie ist weiter auffällig kurzatmig. Also meldet Schmitt die Seniorin zum Check der Blutwerte und zu weiteren Tests in der Zentralen Notaufnahme (ZNA) im Hetzelstift an. Internistische Probleme wie Brustschmerz, Atemnot und Schlaganfälle machten 90 Prozent der Notarzt-Einsätze in Neustadt aus, schätzt Glantz.

Fokus liegt auf Symptomen

Als Notfallmediziner behandelt er Symptome – nicht deren Ursachen. „Nur in zehn Prozent der Fälle brauchen wir 90 Prozent unseres Wissens. Dazu gehören Verkehrsunfälle mit Schwerstverletzten, Kindernotfälle, Amputationen oder Stürze aus großer Höhe, die in Neustadt seltener vorkommen“, erzählt er, während er sein Tablet in der ZNA am Drucker anschließt.

Die Dokumentation läuft größtenteils bereits digital, doch die Schnittstellen zu den Krankenhäusern sind weiterhin analog. Das Gesundheitswesen leidet insgesamt unter Personalmangel, Sparzwängen und zeitfressendem Papierkram, hört man von Angestellten auf den Fluren. „Es gibt den Wunsch nach mehr Effizienz und weniger Bürokratie“, formuliert es Glantz. Fünf Menschen warten vor seinem Büro auf den Notarzt, der nun wieder zum Narkosearzt wird – „einem Forscher“ in Sachen Vorerkrankungen, wie er sagt.

Klinikdienst während Bereitschaft

20 bis 30 Menschen werden täglich im Hetzelstift operiert. Vor jeder Narkose steht die Aufklärung. „Nichts im Leben ist ohne Risiko“, erklärt Glantz einer rauchenden Schwangeren, einer Schmerzpatientin mit suboptimaler Medikation und einer Frau, die eine Fehlgeburt erlitten hat. Gleichwohl sei eine Narkose sehr sicher, versichert Glantz, der seinen Patienten trotz aller Routine mit Interesse und Empathie begegnet – auch dem älteren Herrn mit Prostatabeschwerden, dem ein Bekannter von schlimmen Narkosefolgen berichtet hat.

Gerade als der Arzt dem Senior Ängste genommen hat, unterbricht um 14.45 Uhr ein Notfall das Gespräch: Stichwort „akuter Thoraxschmerz“. Der Notarzt läuft zur Hauptpforte, wo Fahrer Schmitt im NEF bereitsteht. Der Notfallsanitäter fährt zügig und sicher durch den dichten Verkehr – vorausgesetzt, Autofahrer fahren nicht nur langsamer, wenn sie Blaulicht und Martinshorn bemerken, sondern halten zügig am Straßenrand. „Rote Ampeln dürfen in so einem Fall überfahren werden, um Rettungsfahrzeugen Platz zu machen“, erklärt Schmitt und biegt in eine Seitenstraße in Branchweiler ein, wo aufgeregte Menschen die Rettungskräfte herbeiwinken.

Die Notaufnahme in Neustadt ist voll

Im Wohnzimmer sitzt das 75-jährige Familienoberhaupt mit einem Blutdruck von knapp 200/110 mmHg, Luftnot, Schwindel und kurzzeitigem Taubheitsgefühl im Arm. Er hatte schon einen Herzinfarkt, „aber diesmal fühlt es sich anders an“. Trotz der aufgebrachten Angehörigen im Zimmer und vor der Haustür bleiben die Einsatzkräfte konzentriert. Glantz gibt dem Mann blutdrucksenkende Mittel für den Transport in die Klinik, wo die Herzenzyme überprüft werden sollen. „Ich kenne mein Team und kann mich zu 100 Prozent auf es verlassen“, sagt Glantz, während Schmitt am Telefon organisiert: Da die Kapazitäten in der Neustadter ZNA zu diesem Zeitpunkt ausgeschöpft sind, geht es für den 75-Jährigen ins Vinzentius-Krankenhaus Landau.

Auf dem Rückweg geht gegen 16.10 Uhr erneut Alarm: Stichwort „Verkehrsunfall unklar“. „Jetzt zählt jede Minute“, sagt Schmitt, wirft auf der Autobahn Sondersignale und Martinshorn an, beschleunigt auf knapp 200 km/h bis zur Ausfahrt Neustadt-Nord, wo sich der Verkehr bereits staut. Gekonnt schlängelt sich Schmitt bis zur Unfallstelle hinter der Abfahrt auf der B38 durch. Drei Fahrzeuge sind beschädigt, vier Menschen verletzt, darunter eine 27-Jährige, die mit Kleinkind im Auto auf das Ende eines Rückstaus aufgefahren sein soll.

Im dichten Feierabendverkehr kam es auf der B38 kurz nach der Abfahrt Neustadt-Nord zu einem Auffahrunfall mit drei Fahrzeugen.
Im dichten Feierabendverkehr kam es auf der B38 kurz nach der Abfahrt Neustadt-Nord zu einem Auffahrunfall mit drei Fahrzeugen.

Der Leitende Notarzt Benny Benker hat die Lage an der Unfallstelle gemeinsam mit der Feuerwehr bereits überblickt und gibt nach dem Aussteigen Entwarnung: „Die Verletzten wurden alle grün gesichtet“, sind also nicht dringend behandlungsbedürftig. Der Aufprall war dennoch heftig, die Fahrzeuge sind teils ineinander verkeilt. Die Mutter ist bis auf Schmerzen durch den Sicherheitsgurt und Airbag in Ordnung, so das Ergebnis von Glantz’ erster Untersuchung. Der Dreijährige im Kindersitz blieb unverletzt und spielt ruhig mit dem Feuerwehr-Teddy, den ihm Brand- und Katastrophenschutzinspekteur Stefan Klein geschenkt hat.

Beim Unfall auf der B38 nach der A65-Abfahrt Neustadt-Nord wurden die Airbags eines Skodas ausgelöst.
Beim Unfall auf der B38 nach der A65-Abfahrt Neustadt-Nord wurden die Airbags eines Skodas ausgelöst.

Familien der Lebensretter stecken zurück

Schmitt dokumentiert und organisiert an der Unfallstelle, beschafft Daten zu den Patienten und tauscht sich mit Leitstelle, Krankenhäusern, Feuerwehr, Polizei und anderen Rettungskräften aus. Die Feuerwehr räumt die B38 schnellstmöglich halbseitig frei, damit der Verkehr wieder fließen kann. Die anderen Unfallbeteiligten klagen über Nacken-‑ und Beinschmerzen und werden untersucht, bevor Polizeibeamte Daten und Aussagen aufnehmen; alle vier kommen zur weiteren Abklärung in Krankenhäuser.

Eine Fahrerin sah nach eigenen Aussagen den Skoda im Rückspiegel und lenkte noch zur Seite – das konnte den Zusammenstoß aber ni
Eine Fahrerin sah nach eigenen Aussagen den Skoda im Rückspiegel und lenkte noch zur Seite – das konnte den Zusammenstoß aber nicht verhindern. Notfallsanitäter Michel-Leon Schmitt (Zweiter von links) koordiniert die Hilfe. Polizisten warten darauf, dass sie die Beteiligten befragen können.

Glantz und Schmitt erzählen auf der Rückfahrt, dass die meisten Unfälle in Neustadt glücklicherweise glimpflich enden. Da heult der Funkmelder kurz nach 17 Uhr noch mal auf: Verkehrsunfall auf der L516 – mehrere Verletzte eingeklemmt, darunter „Rot“ – es besteht Lebensgefahr. Schmitt tritt aufs Gas, Glantz ruft zu Hause an. Der Feierabend fällt erneut aus – jetzt müssen Leben gerettet werden. Da wird kurz bewusst: Ohne Familien, die zurückstecken, wäre die Blaulichtfamilie nichts.

Momente, die einen nicht loslassen

Auf der Landstraße zwischen Mußbach und Deidesheim versucht die Feuerwehr, einen Mann und eine Frau nach einem Frontalzusammenstoß aus ihrem Kleinwagen zu befreien. Dafür entfernt sie das Dach und leitet eine sogenannte Crash-Rettung ein, bei der mögliche weitere Verletzungen in Kauf genommen werden, um Leben zu retten. Benny Benker übernimmt als Leitender Notarzt mit dem Organisatorischen Leiter Joachim Moll die Koordination und teilt Glantz die 26-jährige Beifahrerin zu. Sie wird kopfüber im Fußraum geborgen.

Die Feuerwehr beförderte die Unfallwagen zur Seite, um die Abfahrt schnell wieder halbseitig befahrbar zu machen.
Die Feuerwehr beförderte die Unfallwagen zur Seite, um die Abfahrt schnell wieder halbseitig befahrbar zu machen.

„Fast alles ist kaputt“, fasst eine Sanitäterin nach dem Entkleiden mit der Rettungsschere zusammen: Beide Oberschenkel, das Sprunggelenk und mehrere Stellen am linken Arm sind offensichtlich gebrochen, sie hat Wunden am Kopf und stöhnt vor Schmerzen. „Sie sind schwer verletzt, wir kümmern uns um Sie“, versichert ihr Glantz, während sich die Frau mit einer Hand an ihm festklammert. Das seien Momente, die ihn manchmal nicht loslassen, wird er später sagen.

Zehn Sekunden für kluge Entscheidungen

Jetzt muss der Notarzt konzentriert handeln: Findet er eine Vene oder muss er einen intraossären Zugang legen, bei der durch Knochen an Oberarm, Knie oder Schienbein in die Markhöhle gebohrt wird? Die Anspannung steht ihm ins Gesicht geschrieben, bis die Nadel in einer Vene sitzt und er die Patientin sedieren kann. Die Frau wird intubiert, beatmet und ihr Körper wird fixiert und erhält viel Flüssigkeit, um den Blutverlust zu kompensieren. Dann ruft Glantz „10-für-10!“: Die vier Notfallsanitäter im Rettungswagen halten daraufhin inne, um für zehn Sekunden die Lage zu analysieren und die nächsten zehn Minuten zu planen. Der Bauch der Verletzten ist weiter weich, wäre er hart, wären innere Blutungen an Organen wahrscheinlich. „Wir müssen ihren Kreislauf aufrechterhalten, und dann ab in die Klinik.“

Bei einem Frontalzusammenstoß zweier Autos auf der L516 sind drei Menschen schwer verletzt worden.
Bei einem Frontalzusammenstoß zweier Autos auf der L516 sind drei Menschen schwer verletzt worden.

Auf der wackeligen Fahrt in die Unfallklinik Ludwigshafen prüft Glantz immer wieder die Pupillen und überwacht Herzfrequenz, Blutdruck und Sauerstoffsättigung. Im Schockraum der BG Klinik erwartet ein 16-köpfiges Team die Patientin und den 26-jährigen Fahrer, der schweren Verletzungen an Becken, Wirbelsäule und Bauch hat. Glantz fasst Medikamente und Befunde präzise zusammen, der „Traumaleader“ der BG wiederholt die Infos und entscheidet, per CT die Lage im Inneren zu sondieren. Ob die junge Frau überlebt hat, wird Glantz einige Tage später telefonisch erfragen.

Warum die zwei Fahrzeuge auf der Landstraße zwischen Mußbach und Deidesheim kollidierten, wird ein von der Staatsanwaltschaft be
Warum die zwei Fahrzeuge auf der Landstraße zwischen Mußbach und Deidesheim kollidierten, wird ein von der Staatsanwaltschaft beauftragter Gutachter klären.

Nach der Anspannung kommt Leere

Vor der Tür findet nun die Einsatznachbesprechung statt. „Wie habt ihr’s empfunden?“, fragt Glantz. „Ist die Kommunikation bei euch angekommen?“ Manche Einsätze verlangen den Rettungskräften enorm viel ab – nicht nur bei Tod und schweren Verletzungen. Manchmal ist es auch nur ein persönliches Detail, dass das Schicksal des Patienten auf der Trage greifbar macht. Falls der Austausch im Team nicht reicht, stehen Psychologen für die Lebensretter bereit. „Leer“, beschreibt Glantz sein Gefühl, als Konzentration und Adrenalin nach zwölf Stunden Dienst abfallen.

„Wir kennen uns in der Blaulichtfamilie in Neustadt – das führt zu einem besonderen Zusammenhalt“, betont Alexander Zeitler. Das DRK absolviert laut dem Rettungswachenleiter Neustadt und Haßloch rund 5500 Einsätze im Jahr, Tendenz steigend. Schmitt kümmert sich am Abend noch um Reinigung, Material und Dokumentation. Im Dienst sein, um anderen zu helfen und den unvorhersehbaren Alltag zu meistern – das reizt den Notfallsanitäter an seinem Beruf. Glantz mag an der Notfallmedizin die Herausforderung, sich schnell mit allen Sinnen einen Eindruck zu verschaffen, Entscheidungen zu treffen und mit seinem Team Leben zu retten – so wie an diesem Donnerstag.

Die zwei Insassen des Kleinwagens mussten per Crash-Rettung von der Feuerwehr geborgen werden. Beide schwebten zu dem Zeitpunkt
Die zwei Insassen des Kleinwagens mussten per Crash-Rettung von der Feuerwehr geborgen werden. Beide schwebten zu dem Zeitpunkt in Lebensgefahr.
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