Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Unheilbar krank auf der Palliativstation: „Der Tod betrifft uns alle“

Wirkt oft besser als Medizin: Auf der Palliativstation haben Pflegekräfte Zeit, sich länger mit ihren Patienten zu unterhalten.
Wirkt oft besser als Medizin: Auf der Palliativstation haben Pflegekräfte Zeit, sich länger mit ihren Patienten zu unterhalten.

Wie möchte ich sterben? Die meisten Menschen scheuen sich, diese Frage zu stellen. Auf der Palliativstation im Hetzelstift gehört Abschied zum Alltag. Der Tod steht deswegen aber nicht im Fokus der Arbeit von Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten – ganz im Gegenteil.

Der Patient im Bett stöhnt und hebt die Arme über den Kopf. Er hat Krebs im Endstadium mit unübersehbaren Metastasen. Wasser im Bauch erschwert ihm zusätzlich das Atmen, dazu kommt ein Darmverschluss. In der Morgenkonferenz auf der Palliativstation im Marienhaus Klinikum Hetzelstift muss geklärt werden: Wie geht es mit dem Mann weiter, falls er es nicht mehr selbst äußern kann? „Die Angehörigen haben noch nicht verstanden, wie es um ihn steht“, sagt eine Krankenpflegerin, die sich um ein weiteres Gespräch bemühen will. Fabian Glantz, Oberarzt der Klinik für Anästhesie, Intensivmedizin, Notfallmedizin, Schmerztherapie und Palliativmedizin, nickt: „Wir werden alles tun, um die Symptome so gut wie möglich zu lindern.“

Der Tod scheint auf der Palliativstation für Außenstehende allgegenwärtig. Doch Glantz betont: „Man darf hier sterben, man muss es aber nicht.“ In der Palliativmedizin stehe vor allem die Kontrolle des Zustands des Patienten und die Linderung von Symptomen im Vordergrund. Täglich gibt es einen einstündigen Austausch mit Ärzten, Pflegern, Psychologen und verschiedenen Therapeuten. „Jeder schildert aus seiner Perspektive seinen Eindruck vom Patienten, und wir schauen, was er oder sie gerade braucht.“

Die Palliativmedizin betrachtet vier Dimensionen des Patienten: körperlich, psychisch, sozial und spirituell, wobei sowohl die Belastung durch Symptome als auch die emotionale Belastung bei ärztlichen Entscheidungen ins Gewicht fallen. „Es sind Angst, Schmerzen, Luftnot und der Tod an sich, die den Menschen Sorgen machen“, weiß Glantz. Das Ziel seien der Erhalt von Lebensqualität und die Weiterversorgung des Patienten, falls möglich in gewohntem Umfeld. „Der Patientenwille hat dabei oberste Priorität.“

Begleiten und beruhigen

In der Regel sind die Patienten über 70 Jahre und bleiben rund drei Wochen auf der Station, manche aber auch bis zu sechs. In der Zeit werden sie und ihre Angehörigen beraten, begleitet, angeleitet und beruhigt. Kriterien bei der Versorgung: Wie mobil ist der Patient? Ist er orientiert, hat er Schmerzen oder gibt es psychische Vorerkrankungen? Welche Hilfen benötigt er im Alltag? Wie sieht sein familiäres Umfeld aus, und welche rechtlichen Verfügungen liegen vor? „Es ist in fast jedem Fall nötig, dass wir die Anschlussversorgung regeln“, sagt Glantz. Das bedeute auch lange Telefonate mit Angehörigen, Betreuern und anderweitigen Diensten. „Wenn die Menschen nach Hause möchten, schauen wir, wie wir das ermöglichen können.“

Um gleichzeitig die Angehörigen individuell zu entlasten, ist das Hetzelstift Teil eines Versorgungsnetzes aus Pflegediensten, Hausnotrufen, Pflegeheimen, Spezialisierter Ambulanter Palliativversorgung (SAPV) und Hospizen in Landau, Bad Dürkheim, Speyer, Ludwigshafen und Mannheim – ein eigenes Hospiz fehlt der Stadt. „Dabei bräuchten wir dringend eines“, betont Glantz. „Jeder Krebspatient mit unklarer Prognose sollte eigentlich einen Erstkontakt mit einem Palliativmediziner suchen.“

Video zum Abschied

Der Personalschlüssel ist auf der Palliativstation deutlich großzügiger als auf anderen des Krankenhauses. Auf sechs Behandlungsplätze kommen je zwei Pflegekräfte im Früh- und Spätdienst sowie eine Kraft in der Nacht. Im Vergleich bleibt so mehr Zeit für Gespräche am Bett, für Gefühle und verschiedene Ansätze zur Symptomlinderung, etwa Aromatherapie gegen Schmerzen. „Wenn jemand bei uns länger schlafen oder später essen will, machen wir das problemlos möglich.“ Nach Absprache könnten Angehörige auch bei ihren Liebsten übernachten. Ideen, wie etwa ein Tagebuch aus den letzten Lebenstagen, Videonachrichten zum Abschied oder das Einsprechen eines Hörbuchs für Kinder, finden Raum im Stationsalltag. „Manchmal ist Zuwendung noch wirksamer als Medikamente“, hat Glantz beobachtet.

Kristina Giangreco lebt allein. Die 50-Jährige ist seit 2018 unheilbar krank, und zuletzt ging es ihr schlecht. „Ich habe eine Auszeit benötigt von Zuhause“, erklärt sie, wie sie auf die Palliativstation gekommen ist. Die Versorgung hier sei flexibel auf sie zugeschnitten und die Mitarbeiter „erstaunlich zuvorkommend“. „So ein Umfeld ist Gold wert. Man fühlt sich erwünscht und ernst genommen, das hilft in der Krise.“

„Geht um’s Zuhören“

Früher sei sie sportlich und attraktiv gewesen, habe immer alle Herausforderungen des Lebens gemeistert und aus Überzeugung gesund gelebt, wie sie erzählt. Dann kam der Krebs, und mit ihm Therapien mit starken Nebenwirkungen und komplikationsreichen OPs. Mit den Folgen müsse sie „jeden Tag, den ganzen Tag umgehen“. Aus der Fitnesstrainerin ist eine Frau mit Katheter und Rollator geworden. „Und plötzlich ist man niemand mehr, nur noch eine Last, und wird nicht mehr als Frau wahrgenommen“, beschreibt sie ihre Gedanken.

„Sagen kann man in vielen Fällen nichts“, meint Jonas Müller, „aber es geht vor allem um’s Zuhören.“ Der Onkopsychologe versteht die schweren Erkrankungen seiner Patienten als Krise, aus der Folgeerkrankungen wie Depression, Sucht oder Schlafstörungen entstehen können. Er ist da, wenn sie über ihre Bedürfnisse reden wollen, hilft dabei, dass sie ihre Gefühle einordnen können, und vermittelt zusätzlich den Angehörigen Hilfsangebote. „Jeder hat in der Krankheitsverarbeitung eigene Abwehrmechanismen wie leugnen, rationalisieren oder verzweifeln – was nicht schlimm ist, Trauer ist gesund. Wenn jemand nicht reden will, ist das aber ebenso in Ordnung.“

Arbeit macht demütig

Die Mitarbeiter auf der Station müssen laut Pflegerischer Bereichsleitung Max Blankenmeister empathisch und resilient zugleich sein. Die Aufgabe ist trotzdem keine leichte. „Man spürt schon Demut, wie gut es einem selbst geht, wenn man hier arbeitet.“ Zur Aufarbeitung leitet alle zwei Monate eine externe Kraft eine Supervision mit dem Team an. Auch im Stationsalltag können Mitarbeiter sich jederzeit an Kollegen wenden. „Wenn jemandem etwas zu viel ist, kann man es sagen, das ist völlig in Ordnung“, betont Glantz.

Die meiste Zeit über aber, so betonen Pflegekräfte, Ärzte und Therapeuten unisono, sei die palliativmedizinische Arbeit sehr erfüllend und sinnstiftend. „Wir haben hier zuletzt 20 Minuten mit offener Tür gesungen, und aus dem anderen Zimmer kam dann Applaus“, erzählt Patientin Giangreco. Neben Musik gebe es Angebote aus der Kunst- und Physiotherapie, Logopädie, Seelsorge und psychischer Beratung. Bei Letzterem habe sie „erst gedacht, was bringt’s, aber im Nachhinein hatte ich dadurch einen Sinneswandel“. Die 50-Jährige hat in den letzten Jahren viel erlebt und viel gelitten. Das meiste hat sie mit sich selbst ausgemacht, „um meine Angehörigen nicht weiter zu belasten“. Als nächstes will sie sich um alles Schriftliche zu ihrem Ableben kümmern und ihre Beerdigung planen.

„Qualität vor Quantität“

„Der Tod betrifft uns alle, ob wir wollen oder nicht“, sagt Pflegeteam-Leiter Blankenmeister. Viele wollten sich aber nicht damit auseinandersetzen. Für ihn ganz wichtig: frühzeitig Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung zu regeln. „Man sollte seinen Angehörigen kommunizieren, was man sich wünscht, und die sollten das dann auch durchziehen. Es braucht wohl mehr Mut, eine Behandlung abzulehnen, selbst wenn es nur eine geringe Chance auf Heilung gibt.“

Wie sieht das Giangreco als Betroffene? Will sie alle Hilfe, bis zum Schluss? „Auf gar keinen Fall“, sagt sie ohne Zögern. „Für die Zeit, die ich noch habe, gilt Qualität vor Quantität. Lieber ein paar Wochen kürzer leben und noch schöne Erlebnisse mit Tochter und Enkel haben, als dass ich mich quäle, um ein paar Monate dranzuhängen. Vorm Sterben habe ich keine Angst, sondern davor, hilflos unter schlechten Bedingungen leben zu müssen.“

Ewiges Grübeln bringt aus Giangrecos Sicht nichts. Ihr Tod sei eine Tatsache, „und ich will nicht jeden Tag sterben, sondern die Zeit bis dahin angenehm gestalten“.

Wie fordernd die Arbeit in der Notaufnahme des Hetzelstifts ist, lesen Sie hier: Nichts für schwache Nerven: An Weihnachten in der Notaufnahme

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