Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Karl-Helfferich-Straße: Klare Ansage des Oberbürgermeisters

Immer wieder wurde im Stadtrat über die Umbenennung der Karl-Helfferich-Straße, die zwischen Maximilianstraße und Heinestraße li
Immer wieder wurde im Stadtrat über die Umbenennung der Karl-Helfferich-Straße, die zwischen Maximilianstraße und Heinestraße liegt, diskutiert, zuletzt 2019 auf Antrag der SPD.

Die Frage Umbenennung Karl-Helfferich-Straße wird endgültig geklärt. Daran lässt OB Marc Weigel in der Anliegerversammlung keinen Zweifel. Er selbst ist entschieden, rechnet aber nicht mit einem einstimmigen Stadtratsbeschluss.

Den Anliegern der Karl-Helfferich-Straße brennt das Thema Umbenennung auf den Nägeln. Das ist am Montagabend im Saalbau deutlich zu spüren. Es fällt ihnen schwer, dem Vortrag der Mainzer Wissenschaftlerin Miriam Breß zuzuhören, sie wollen diskutieren, ihre Meinung äußern. Dabei ist das, was Breß zu sagen hat, wichtig. Denn es geht nicht allein um die Person Karl Helfferich, sondern um jenen Stadtratsbeschluss vom April 1933, mit dem der Neustadter posthum geehrt worden war.

Gut 40 Zuhörer zählt die Info-Veranstaltung der Stadt, darunter etwa 20 Anlieger, Stadtratsmitglieder und weitere Bürger. Als ein Anlieger gleich zu Beginn eine Unterschriftenliste an den Moderator des Abends, Oberbürgermeister Marc Weigel (FWG), übergibt, bittet dieser darum, die Vorträge abzuwarten. Weigels Hoffnung: Dass sich der eine oder andere im Anschluss noch einmal Gedanken darüber macht, ob er nicht doch mit einer Umbenennung einverstanden wäre. Darüber entscheiden wird aber der Stadtrat in einer der nächsten Sitzungen. Bis dahin können Anlieger noch per E-Mail an die Stadt ihre Meinung übermitteln.

Anlieger: Für Zusatzschild

37 Unterschriften gegen eine Umbenennung umfasst die Liste, laut Anliegern rund 80 Prozent der Betroffenen, meist ältere Menschen. Für die in der Karl-Helfferich-Straße angesiedelten Landesbehörden einschließlich Polizei wird ein Vertreter später für die Umbenennung stimmen. Die Unterzeichner der Liste hoffen hingegen auf eine andere Lösung. Sie räumen ein, dass Karl Helfferich eine umstrittene Persönlichkeit gewesen sein mag. In einer funktionierenden Demokratie sollte es aber möglich sein, ein Straßenschild mit Hinweisen, auch digital, zu versehen, statt die Anwohner zu belasten. Dadurch würde gleichzeitig eine bessere pädagogische Wirkung erzielt. Neustadt als Demokratiestadt tue sich nichts Gutes, wenn der Straßenname verschwinde, bekräftigt ein anderer Bürger.

Für Weigel indes kommt ein solcher Pragmatismus nicht in Frage. Er hebt auf jenen Stadtratsbeschluss ab, den die Wissenschaftlerin beschrieben hat. Damals, im April 1933 und damit neun Jahre nach dem Unfalltod Helfferichs (1872-1924), wurde der Neustadter Stadtrat von der NSDAP dominiert. Andere Stadtratsmitglieder, darunter Sozialdemokraten, saßen im frühen Konzentrationslager im heutigen Quartier Hornbach. Bürgermeister und Stellvertreter waren abgesetzt und durch Nazis ersetzt worden.

„Mordatmosphäre geschaffen“

Drei Straßen und der Marktplatz wurden damals vom Stadtrat zu Ehren der Namensgeber – neben Adolf Hitler und Joseph Bürckel auch Karl Helfferich – umbenannt. Angesichts der Repressalien fielen die Beschlüsse einstimmig aus. Nur bei der Karl-Helfferich-Straße enthielt sich das Zentrum – laut Miriam Breß eine der wenigen offenen Verweigerungen in jener Zeit. Der Grund war, wie auch Kristian Buchna, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Hambacher Schlosses, später noch einmal darlegt: Helfferichs Hetzkampagnen, unter anderem gegen den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger, der 1921 Opfer eines politischen Attentats wurde. Helfferich habe sich Erzberger als Erzfeind ausgesucht, um die junge Weimarer Republik zu erschüttern, sagt Buchna. Er habe bewusst eine Mordatmosphäre geschaffen, und sich, um ministrabel zu bleiben, auch nie davon distanziert. Sein Handeln sei schon damals verurteilt worden, nicht erst aus heutiger Sicht.

„... in Erinnerung an den unermüdlichen Kampf, den er für Deutschlands Wiederauferstehung, gegen Demokratie, Korruption und Erzberger geführt hat“ lautete 1933 gemäß Stadtratsprotokoll die Begründung für die posthume Ehrung Helfferichs durch eine nach ihm benannte Straße. Dieser Stadtratsbeschluss sei allein wegen der damals herrschenden Umstände eine Schande für eine Stadt, die eine Vorkämpferin der Demokratie war, sagt der Oberbürgermeister mit Verweis auf das Hambacher Fest von 1832. Dieser Beschluss „muss aus der Welt, und zwar durch einen Stadtrat, der heute frei gewählt ist und das auch kann“. Insofern gehe es nicht um eine pragmatische Lösung, sondern darum, ob Karl Helfferich erneut geehrt werden soll, indem das Schild bleibt, und Neustadt damit erneut Schande erfahre.

Bildung im Museum

Gegen das Argument pädagogischer Nutzen eines Straßenschild-Zusatzes wehrt sich unter anderem Gerhard Hofmann, ein Kenner der Helfferich-Geschichte. Bildungsarbeit gehöre nicht an ein Straßenschild, sondern beispielsweise ins Stadtmuseum. Dort indes sei Karl Helfferich über Jahrzehnte hinweg distanzlos glorifiziert worden. Das werde jetzt zwar geändert. Wäre dies aber früher geschehen, „wären wir bereits deutlich weiter, als wir es jetzt sind“, so Hofmann.

Ein Wunsch des OB, den auch der Historiker Gerhard Wunder formuliert: gegensätzliche Meinungen akzeptieren und ohne persönliche Verletzungen nach Hause gehen. An diesem Abend erfüllt er sich, wozu ein weiteres klares Bekenntnis Weigels beiträgt. Auch er habe vor Jahren gedacht, dass eine pragmatische Lösung gefunden werden könne. Aber in dem heutigen Wissen um die Rolle Helfferichs in der Weimarer Republik und den damaligen Stadtratsbeschluss habe er seine Meinung geändert. „Das muss uns doch bewegen“, wirbt Weigel für seine Sichtweise, zumal heute wieder Politiker angefeindet würden und es auch erste Anzeichen für eine zunehmende Aggressivität im Umgang mit dem politischen Gegner gebe.

Es gehe nicht um eine beliebige Straßenumbenennung, appelliert der OB. Auch ihm mache das Thema keine Freude, und auch für den Stadtrat werde die Entscheidung schwierig sein. Mit einem einstimmigen Beschluss rechne er nicht, klarer Wille sei aber: „Es muss eine Entscheidung geben.“

Stadt trägt Kosten

Wären dann noch die Kosten: Hier sagt die Stadt an diesem Abend zu, so zu handeln, wie es andere Kommunen bereits getan hätten. Kosten für geänderte Dokumente, neue Briefköpfe oder Stempel sollen übernommen werden. Indes gilt diese Zusage laut OB nicht grenzenlos, und er nennt auch ein Beispiel: Die Neugestaltung eines Firmenfahrzeugs gehöre nicht dazu.

Das von Mainzer Wissenschaftlern erstellte Straßennamen-Gutachten finden Sie hier.

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