Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Straßennamen: Wie es nach dem Gutachten weitergehen soll

2019 hatte es eine Stadtratsmehrheit abgelehnt, die Karl-Helfferich-Straße umzubenennen.
2019 hatte es eine Stadtratsmehrheit abgelehnt, die Karl-Helfferich-Straße umzubenennen.

Während in Bad Dürkheim gerade heftig über die Umbenennung von Straßen diskutiert wird, ist es in Neustadt ruhig geworden. Zu sagen hat das aber nichts. Das Thema ist noch lange nicht vom Tisch.

Am Freitagabend wurde an vielen Orten in Deutschland der Opfer des NS-Terrors gedacht. Das geschieht offiziell seit 1996. Der 27. Januar wurde gewählt, weil an jenem Tag im Jahr 1945 die ins Konzentrationslager Auschwitz deportierten Menschen von der Roten Armee befreit worden waren.

In Neustadt war es der von den Nationalsozialisten dominierte Stadtrat, der im April 1933 – kurz nach der Machtergreifung Hitlers – beschloss, vier Straßen nach Männern umzubenennen. Einer davon war der Neustadter Karl Helfferich (1872-1924), der laut Stadtratsprotokoll unermüdlich für Deutschlands Wiederauferstehung gekämpft habe. Und damit, ebenfalls laut Protokoll, gegen Demokratie, Korruption und Erzberger.

Matthias Erzberger hatte im November 1918 am Ende des Ersten Weltkrieges den Waffenstillstand für die Reichsregierung unterzeichnet. Anlass für die „Dolchstoßlegende“, mit der Deutschnationale wie Karl Helfferich eine Hetzkampagne gegen die „Novemberverbrecher“ starteten. Erzberger wurde 1921 von Rechtsterroristen ermordet.

Allein auf weiter Flur

Im April 1933 umbenannt wurden die Poststraße (nach Gauleiter Josef Bürckel), die Heinestraße (nach dem antisemitischen Ideologen Dietrich Eckart), der Marktplatz (Adolf-Hitler-Platz) und die Pfalzbankstraße (nach Karl Helfferich). Nach 1945 wurde das bei drei Straßen rückgängig gemacht, die Karl-Helfferich-Straße blieb. Ein Alleinstellungsmerkmal Neustadts.

Nach wiederholter Debatte im Stadtrat, ob das geändert werden soll oder nicht, wurde ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben. Im Fokus standen Straßen, die nach einer Persönlichkeit benannt wurden, deren Handeln heute kritisch hinterfragt werden kann oder sogar muss. Das Ergebnis: 23 Namen sind belastet, weil die Personen sich im 19. Jahrhundert, im Kaiserreich, in der Weimarer Republik oder während des Nationalsozialismus belastet haben. Stichworte sind Kriegsverherrlichung, Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus, Demokratiefeindlichkeit.

Stadtrat entscheidet

Klar war von Anfang an: Die Wissenschaftler sagen nicht, was geschehen soll. Vielmehr soll das Gutachten eine objektive Grundlage für den Stadtrat bieten. Nach RHEINPFALZ-Informationen hat eine fraktionsübergreifende Runde vergangene Woche zum ersten Mal darüber gesprochen. Das Ziel: eine gemeinsame Linie zu finden – und das Thema aus dem Kommunalwahlkampf herauszuhalten, wenn dieser mit Blick auf den Wahltag im Frühsommer 2024 eröffnet wird.

Erboste Dürkheimer

Klar dürfte auch sein, dass die betroffenen Anwohner beteiligt werden. Zumal Stadtpolitik und Stadtverwaltungen in der Nachbarschaft am eigenen Leib erfahren haben, wie heikel die Lage wird, wenn man die Bürger dabei ignoriert. In Bad Dürkheim ist geplant, drei Straßen umzubenennen, darunter die Philipp-Fauth-Straße wegen der Nähe des Mondforschers (1867-1941) zu den Nationalsozialisten. Erst im Nachgang war von der Stadtverwaltung für Donnerstag vergangene Woche eine Bürgerversammlung angesetzt worden, bevor der Stadtrat im Februar entscheiden soll.

Über etliche Straßennamen wird zudem in Landau diskutiert, was 2022 auch den OB-Wahlkampf geprägt hatte. Am Ende wurde eine breite Bürgerbeteiligung beschlossen. Wie genau diese ablaufen soll, ist allerdings offen. Die Grundlage dafür liefert ein Papier, das vom Stadtarchiv Landau erstellt wurde.

„Auf vier verengen“

In Neustadt wird sich der Stadtrat aller Voraussicht nach im Februar mit den Straßennamen befassen. Nachdem das Gutachten im September 2022 öffentlich vorgestellt worden war, hatte Oberbürgermeister Marc Weigel angekündigt, dass das Thema 2023 behandelt werden soll. Er wolle vorschlagen, die Debatte auf vier der 22 ermittelten Straßennamen zu verengen, sagt Weigel auf Anfrage. Gemeint sind die Karl-Helfferich-Straße sowie Lüderitzstraße, Gustav-Nachtigal-Straße und Von-Wissmann-Straße. Die letzten drei stammen von 1938, benennen Kolonialisten und liegen im Afrikaviertel, das in den 1930er-Jahren angelegt worden war.

Sollte der Stadtrat dem folgen, geht es dann konkreter zur Sache. Sollen die Straßen umbenannt werden? Oder wären Zusatzschilder zur historischen Einordnung die Alternative? Entschieden werden soll laut OB aber erst nach Informationsveranstaltungen für die Bürger. Dass über jene Straßennamen diskutieren werden soll, die aus dem Dritten Reich stammen, sei ein nachvollziehbares Kriterium, hofft Weigel.

Museum reagiert

Derweil hat sich im Stadtmuseum in der Villa Böhm ein klein wenig in Sachen Karl und Emil Helfferich getan. Immer wieder war kritisiert worden, dass die Brüder dort unkritisch dargestellt würden. Weder Karl Helfferichs Rolle in der Weimarer Republik noch jene von Emil Helfferich (1878-1972) im Dritten Reich sind dort thematisiert. Er trat schon früh der NSDAP bei und gehörte ebenso dem Freundeskreis Reichsführer SS Heinrich Himmler an, wie der Neustadter Gerhard Hofmann unter anderem recherchiert hatte.

Vitrine geschlossen

Derweil hat sich im Stadtmuseum in der Villa Böhm etwas in Sachen Karl und Emil Helfferich getan. Immer wieder war kritisiert worden, dass die Brüder dort unkritisch dargestellt würden. Weder Karl Helfferichs Rolle in der Weimarer Republik noch jene von Emil Helfferich (1878-1972) im Dritten Reich werden thematisiert. Emil Helfferich trat schon früh der NSDAP bei und gehörte dem Freundeskreis Reichsführer SS Heinrich Himmler an, wie der Neustadter Gerhard Hofmann unter anderem recherchiert hat.

Weil es noch eine gute Zeit dauert, bis die Dauerausstellung im Stadtmuseum überarbeitet wird, hatten SPD und Grüne im Stadtrat beantragt, 4000 Euro im Haushalt 2023 bereitzustellen, um in jenem Teil mit den Brüdern Helfferich schneller handeln zu können.

Selbst angeschaut

Davon, was viele schon lange fordern, hatten sie sich nun selbst ein Bild gemacht: „Nach der Besichtigung des Ausstellungsbereichs zu Helfferich halten wir es für unverantwortlich, diese unkritische bis glorifizierende Darstellung unkommentiert und ohne historische Einordnung weiter der Öffentlichkeit – insbesondere Schulklassen – zu zeigen“, heißt es im Antrag, dem der Stadtrat geschlossen zustimmte.

Vitrine und Klappenbuch zu Karl Helfferich sind nun geschlossen mit dem Hinweis auf Überarbeitung. Der daneben stehende Monitor hingegen ist noch in Betrieb. Begründung der Stadt: Bei diesen Informationen gehe es nicht nur um die Helfferichs, sondern auch um Persönlichkeiten wie Georg von Neumayer oder Albert Fraenkel.

Die geschlossene Kladde über Karl Helfferich im Stadtmuseum.
Die geschlossene Kladde über Karl Helfferich im Stadtmuseum.
Der Monitor mit Infos über bekannte Neustadter.
Der Monitor mit Infos über bekannte Neustadter.
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