Interview RHEINPFALZ Plus Artikel „Umbenennung von Straßen keine Liquidation von Geschichte“

Die Pfalzbankstraße war im April 1933 vom nationalsozialistisch dominierten Stadtrat in Karl-Helfferich-Straße umbenannt worden.
Die Pfalzbankstraße war im April 1933 vom nationalsozialistisch dominierten Stadtrat in Karl-Helfferich-Straße umbenannt worden.

Die Debatte um Karl Helfferich verläuft erwartet emotional. Warum das so ist, hat Anke Herbert den Historiker Kristian Buchna gefragt. Außerdem wollte sie wissen, ob ihn das als Wissenschaftler irritiert – gerade in Neustadt.

Herr Buchna, warum werden Straßen nach Personen benannt?
Weil Straßennamen Erinnerungsträger sind. Jede Kommune entscheidet eigenständig darüber, welche Personen sie mit einer Straßenbenennung auszeichnen und damit dauerhaft ehren möchte. Die Maßstäbe dafür, welche Personen und mit ihnen verknüpfte Leistungen als „ehrwürdig“ angesehen werden, verändern sich allerdings im Laufe der Zeit. Die politischen Verhältnisse beeinflussen diese Maßstäbe ebenso wie der Wissenszuwachs durch historische Forschungen oder ein stärkeres gesellschaftliches Bewusstsein für historisches Unrecht. Unser Blick auf den Kolonialismus etwa ist heute ein anderer als noch vor 30 Jahren.

Sie selbst arbeiten auf dem Hambacher Schloss. Wie ist es im deutschen Straßenbild um die Erinnerung an die Frühzeit der Demokratie bestellt?
Schlecht. Wenn in Deutschland weit über 900 Straßen und Plätze nach Bismarck und Hindenburg benannt sind, aber nur ein gutes Dutzend nach Philipp Jakob Siebenpfeiffer und Louise Aston, dann ist das ein deutliches Symptom dafür, wie unzureichend unser Demokratiegedächtnis und unsere Bereitschaft zur Würdigung von Vorkämpferinnen und Wegbereitern unserer Demokratie ausgeprägt sind.

Warum werden Debatten über eine mögliche Umbenennung oder auch Ergänzung durch Info-Tafeln so emotional geführt?
Das hat verschiedene Gründe. Es geht in diesen Debatten um unsere Geschichte und in gewisser Weise auch um Fragen der historischen Identität. Hier können unterschiedliche Ansichten aufeinanderprallen. Zum zweiten gibt es unmittelbar Betroffene – seien es Anwohner oder Angehörige. Besonders emotional und unversöhnlich werden die Debatten allerdings dort geführt, wo sie politisiert werden, wo Polemik eine konstruktive Diskussion verhindert.

Irritiert es Sie als Historiker, dass es trotz des wissenschaftlichen Gutachtens weiter emotional zugeht, Begriffe wie Liquidation oder Sippenhaft in RHEINPFALZ-Leserbriefen auftauchen?
Es waren tatsächlich sowohl unsachliche als auch inhaltlich falsche Aussagen zu lesen. Außerdem scheint bei manchem Leserbriefschreiber ein grundsätzliches Missverständnis vorzuherrschen: Es geht bei dieser Debatte weder um ein Reinwaschen noch um eine „Liquidation von Geschichte“. Straßennamen sind keine Geschichtsbücher. Ganz im Gegenteil geht es in diesen Debatten ja um die Erweiterung eines Geschichtsbildes, das bislang – aus welchen Gründen auch immer – zu einseitig oder unkritisch war.

Nach dem 1924 bei einem Eisenbahnunglück gestorbenen Karl Helfferich benannten die Neustadter Nationalsozialisten 1933 sofort eine Straße, weil sie in ihm ihr politisches Vorbild sahen. In dem Zusammenhang fanden drei weitere Umbenennungen statt, unter anderem wurde der Marktplatz zum Adolf-Hitler-Platz. Eine folgerichtige Wahl oder Vereinnahmung der Person von Karl Helfferich durch die Nazis?
Beides. Helfferich führte Diffamierungs- und Hetzkampagnen gegen Vertreter der Weimarer Republik, die auf eine Vernichtung des politischen Gegners und eine Delegitimierung der jungen Demokratie abzielten. Seine politische Mitverantwortung für den Mord an Matthias Erzberger wurde schon zeitgenössisch betont und ist in der Geschichtswissenschaft völlig unstrittig. Selbst im Zusammenhang mit dem Mord an Walther Rathenau fiel immer wieder Helfferichs Name. Am Tag der Ermordung des Außenministers Rathenau notierte der Diplomat Harry Graf Kessler in sein Tagebuch: „Helfferich ist der Mörder, der wirkliche, verantwortliche.“ Kurzum: Helfferich bot den Nationalsozialisten ausreichend Anlass, ihn als agitatorischen Vorkämpfer zu vereinnahmen.

Wie war Karl Helfferichs Verhältnis zur Weimarer Demokratie? Welche Rolle spielte die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), deren Vorstand er angehörte und für die er die Opposition im Reichstag anführte?
Man kann in Helfferich wohl einen recht typischen Vertreter der DNVP sehen: Protestant, gehobenes Bürgertum, Nationalist und Monarchist. Den Untergang des Kaiserreichs haben die Deutschnationalen nie verwunden. Vielen galt die Demokratie als „undeutsch“ und sie litten unter dem Verlust der kulturellen Hegemonie des Protestantismus. Es gab jedoch Kräfte innerhalb der Partei, die zwar die Demokratie weiterhin ablehnten, aber doch zu einem pragmatischen Verhältnis zur Republik als der gegebenen Staatsform fanden. Vermutlich hätte Helfferich einer Regierungsbeteiligung der DNVP zugestimmt, wie sie sich 1925 in Form einer Bürgerblock-Regierung erstmals ergab. Wegen seines Unfalltodes im Jahr zuvor bleibt das aber Spekulation. Gegen Ende der Republik fuhren die Deutschnationalen dann einen Kurs der Fundamentalopposition, unterlagen dabei aber in einem antidemokratischen Überbietungswettbewerb der NSDAP.

Was denken Sie: Die Auseinandersetzung mit Karl Helfferich, in Neustadt – ist sie Glaubenskrieg, Hexenjagd oder überfällige Notwendigkeit?
Eindeutig letzteres. Bei der notwendigen Auseinandersetzung geht es wohlgemerkt nicht um die Ächtung einer erzkonservativen oder monarchistischen Gesinnung, wie sie damals weit verbreitet war. Es geht um Helfferichs Verantwortung für ein von Hass und Verleumdung geprägtes Klima, in dem politische „Schädlinge“ von gewaltbereiten Kräften kurzerhand ermordet wurden. Bezeichnenderweise begründete ein Attentäter seinen Mordversuch auf Erzberger mit der Aufforderung Helfferichs, Erzberger sei zu beseitigen. Zuvor hatte Helfferich seinen politischen Widersacher als „Krebsschaden“ entmenschlicht und die Forderung erhoben, es müsse „mit unwiderstehlicher Gewalt“ der Ruf ertönen: „Fort mit Erzberger!“

Karl Helfferich wurde in Neustadt geboren. Die einzige nach ihm benannte Straße findet sich hier. Gibt es eine spezielle Karl-Helfferich-Rezeption in Neustadt? Wurde, auch im Stadtmuseum, zu lange eine „falsche“ Helfferich-Geschichte tradiert?
Es wurde eine sehr selektive Geschichte erzählt. Bei lokal verwurzelten Personen sind solch gezielte Ausblendungen kritischer Aspekte zwar nicht untypisch, im Falle Helfferichs ist deren Langlebigkeit aber schon bemerkenswert. Bereits vor über 60 Jahren hat der Historiker Klaus Epstein in Helfferich den „intellektuellen Führer aller Feinde der Republik“ gesehen. Jüngere Studien zu den Morden an Matthias Erzberger und Walther Rathenau haben diese Einschätzung eher untermauert als relativiert.

Neustadt hat sich als Stadt der Demokratie positioniert. Geht damit nicht einher, dass es seine Beziehung zu Karl Helfferich neu bewerten muss?
Als Demokratiestadt hat Neustadt hier sicher eine besondere Verantwortung, zumal in Zeiten zunehmender Übergriffe auf politische Amts- und Mandatsträger. Die Verantwortung bezieht sich aber auch auf den Entscheidungsprozess. Mit dem vorliegenden Gutachten, der Fokussierung auf vier Straßennamen, einem sachorientierten Stadtrat und der geplanten Einbeziehung der Bürger sind die Voraussetzungen für eine konstruktive Diskussion in meinen Augen aber sehr günstig.

Zur Person

Kristian Buchna, Jahrgang 1983, ist seit September 2020 wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Hambacher Schloss. Er hat Neuere und Neueste Geschichte, Neuere Deutsche Literaturwissenschaft und Philosophie an der Universität Augsburg studiert und mit der Studie „Ein klerikales Jahrzehnt? Kirche, Konfession und Politik in der Bundesrepublik während der 1950er Jahre“ promoviert. Vor seinem Wechsel zur Stiftung war er wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Bundespräsident-Theodor-Heuss-Haus. Seine Forschungsschwerpunkte sind die Geschichte des deutschen Liberalismus, Demokratiegeschichte, Kirchliche Zeitgeschichte sowie Politische Ideengeschichte.

Was der Stadtrat berät:

Im Stadtrat wird am Dienstag, 14. Februar, erneut über belastete Straßennamen in Neustadt diskutiert. Grundlage ist ein wissenschaftliches Gutachten, das seit September vorliegt.

Insgesamt gibt es 150 Straßen, die nach einer Persönlichkeit benannt wurden, 23 von ihnen müssen laut Gutachten aus heutiger Sicht kritisch hinterfragt werden. Es ging um die Rolle der Geehrten im 19. Jahrhundert, im Kaiserreich, in der Weimarer Republik oder während des Nationalsozialismus.

Fünf Straßen

Die Verwaltungsvorlage für den Stadtrat sieht vor, was Oberbürgermeister Marc Weigel im Januar angekündigt hatte: sich auf Straßennamen im Afrikaviertel, Stichwort Kolonialismus, und auf die Karl-Helfferich-Straße, Stichwort Nationalsozialismus, zu konzentrieren.

Vorgeschlagen wird, die Anwohner der vier betroffenen Straßen des Afrikaviertels – Lüderitzstraße, Gustav-Nachtigal-Straße, Von-Wissmann-Straße, Karl-Peters-Straße – sowie jene der Karl-Helfferich-Straße in einer Bürgerversammlung über die Ergebnisse des Gutachtens zu informieren und mit ihnen zu erörtern, welche Konsequenzen daraus gezogen werden.

In Frage kommen kann beispielsweise eine Umbenennung oder eine Ergänzung der Straßenschilder mit einer kurzen Information und möglichem Verweis auf weitere Ausführungen, die digital aufbereitet werden. Sofern das Ergebnis eine Umbenennung sein sollte, entscheidet abschließend der Stadtrat.

Unabhängig davon wird derzeit im Stadtmuseum Villa Böhm daran gearbeitet, die Informationen zu Karl Helfferich und seinem Bruder Emil neu und wissenschaftlich korrekt aufzubereiten.

Kristian Buchna
Kristian Buchna
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