Neustadt RHEINPFALZ Plus Artikel Interview: Modehändler Schmitt will Parkhaus an Stelle der Hertie-Ruine

Die Zukunft der Hertie-Ruine ist ungewiss, Wunschvorstellungen gibt es aber schon.
Die Zukunft der Hertie-Ruine ist ungewiss, Wunschvorstellungen gibt es aber schon.

Die Themen Verkehr und Parkplätze werden Neustadt auch im kommenden Jahr beschäftigen. Die Vorstellungen von Modehändler Markus Schmitt und Grünen-Stadtrat Rainer Grun-Marquardt gehen dabei auseinander, wie im Interview mit Stefan Fischer deutlich wird. Doch in mehreren Punkten sind sie auch einer Meinung.

Herr Schmitt, empfinden Sie die Neustadter Lokalpolitik als autofeindlich?
Schmitt: Das ist ein hartes Wort, das würde ich so nicht sagen. Die Lokalpolitik äußert sich ja kaum zu dem Thema. Es heißt meist nur, dass man sich des Problems bewusst sei. Es hat jedenfalls noch keiner zu mir gesagt, dass man eine autofreie Innenstadt will.

Das ist auch nicht geplant, oder Herr Grun-Marquardt?
Grun-Marquardt: Nein. Neustadt ist sicher auch nicht autofeindlich. FWG, CDU und FDP setzen sich laut Koalitionsvertrag ja für eine freie Wahl des Verkehrsmittels ein. Meiner Meinung nach ist das eine Umkehrung der Realität. Es ist ja eher so, dass so viele Autos in Neustadt unterwegs sind, weil die Leute keine Wahl haben, etwas anderes zu nutzen. Gäbe es ausgebaute Radwege, attraktive Fußwege und bessere Busverbindungen, dann hätten die Leute eine echte Entscheidung.

Herr Schmitt, kommen Ihre Kunden auch mit dem Fahrrad oder dem Bus?
Schmitt: Selbstverständlich. Natürlich auch zu Fuß oder mit Mobility on Demand. Wenn sie viel einkaufen wollen, kommen die Leute aber mit dem Auto. Gerade von außerhalb. Und samstags haben wir dann das Problem, dass schnell die Parkfläche erschöpft ist, weil dann ja auch die Anwohner zuhause sind. Da beschweren sich jeden Samstag Kunden von außerhalb, nicht nur bei mir, sondern auch bei meinen Kollegen.

Finden Sie auch, dass es in Neustadt zu wenig Parkplätze gibt, Herr Grun-Marquardt?
Grun-Marquardt: Wir haben genügend Parkplätze, aber sie sind entweder falsch genutzt oder sie sind an einer nicht so optimalen Stelle für Kunden, die direkt vors Geschäft fahren wollen. Im Klemmhof ist auch samstags mittags immer viel frei.

Der Klemmhof ist ein Dauerthema. Warum wird er nicht wie gewünscht genutzt?
Schmitt: Ich habe mir heute Morgen beim Frühstück mal die Google-Bewertungen angeschaut. Da schreibt zum Beispiel jemand: „sehr groß und unübersichtlich, wenn man sich nicht auskennt.“ Das ist der Punkt, den viele ansprechen. Das ist der Schwachpunkt des Klemmhofs. Auch der Zahlautomat, wo ich nur bar bezahlen kann, ist rückständig. Die Leute müssten da auch besser hingelotst werden, um den Parksuchverkehr zu verringern.

Grun-Marquardt: Man müsste den zweiten Eingang an der Sparkasse begehbar machen; auch ein zweites Kassenhäuschen wäre gut. Es braucht mehr Hinweisschilder. Überhaupt bräuchte es ein Parkleitsystem mit Echtzeitanzeige, wie man es aus anderen Städten kennt.

Schmitt: Da bin ich ganz bei Ihnen. Es wurde schon vor Jahren, als das damalige Parkleitsystem abgeschaltet wurde, versprochen, es zu modernisieren und wieder ins Leben zu rufen.

Grun-Marquardt: Ortsunkundige irren dann durch die Stadt und stellen sich an Orte, wo wir sie nicht haben möchten, parken etwa Gehwege voll.

Nächstes Jahr soll es ein neues Mobilitätskonzept geben. Ist das eine Chance, das Thema mit einem Kompromiss zu befrieden oder wird es zu neuen, scharfen Kontroversen führen.
Schmitt: Es wird sicher dann zu Kontroversen führen, wenn wieder Parkraum wegfallen oder es neue Einbahnstraßen geben soll, wenn man also den Weg in die Stadt erschwert.

Grun-Marquardt: Neustadt ist keine Insel in der Welt, an der der Klimawandel einfach so vorbeigeht. Auch Neustadt muss ich wandeln, muss sich anpassen. Wenn man das so haben will wie in den siebziger Jahren, ist das keine Lösung für die Zukunft. Wenn man wie Herr Schmitt auf so harten Positionen besteht, wird es Kontroversen geben.

Schmitt: Es gibt einen Grund, warum ich das so gesagt habe. Wir stehen im Wettbewerb mit dem Umland, mit Speyer und Landau. Diese Städte sind mit Parkfläche viel besser aufgestellt. Landau hat für zehn Prozent der Einwohner eine öffentliche Stellfläche. Eine Studie aus diesem Jahr zeigt, dass mindestens fünf Prozent Stellfläche für einen intakten Innenstadthandel nötig sind.

Wo liegen wir in Neustadt?
Schmitt: Ich habe es noch nicht ausgerechnet, aber wir liegen wahrscheinlich darunter.

Was ist denn für die Kunden entscheidend: Die Nähe des Parkplatzes oder die Gebührenhöhe?
Schmitt: Das ist eine Kombination aus beidem. Als Speyer die Preise deutlich erhöht hat, fand man zur besten Einkaufszeit plötzlich freie Parkplätze, die zuvor immer belegt waren. Der Kunde hat irgendwo eine Schmerzgrenze.

Wenn die Leute in eine größere Stadt fahren, bezahlen sie ohne mit der Wimper zu zucken, für teure Stellplätze in Parkhäusern oder nutzen öffentliche Verkehrsmittel.
Schmitt: Das ist so.

Grun-Marquardt: Man muss die Kunden auch erziehen. Mannheim macht das.

Schmitt: Und hat deswegen Frequenz verloren.

Grun-Marquardt: Das liegt an den Verkehrsproblemen. Die Pfälzer fehlen dort, weil sie nicht mehr so gut über den Rhein kommen.

Schmitt: Sie sagen, man müsse den Kunden erziehen. Das wird nicht funktionieren. Wer mit dem Auto fahren will, wird mit dem Auto fahren, dann halt woanders hin.

Grun-Marquardt: Wenn das aber alle Städte machen würden, kämen wir da hin.

Schmitt: Zur Ausgangsfrage: Große Städte haben mehr Möglichkeiten bei den öffentlichen Verkehrsmitteln, und Großstädte haben noch mal eine andere Anziehungskraft.

Grun-Marquardt: Ich würde es gerne umdrehen. Neustadt muss seine Attraktivität steigern. Nur mit dem Konsum, wie wir es bisher kennen, werden wir schlecht aufgestellt sein in der Innenstadt. Es braucht andere Anziehungspunkte ...

Schmitt: ... Zum Beispiel?

Grun-Marquardt: Die Aufenthaltsqualität ist ausbaufähig. Es gibt kaum Bänke, auf denen man sich niederlassen kann, es gibt keine grünen Ecken. Es ist alles versiegelt. Man sollte kreativ sein. Ich nenne als Beispiel mal einen Streichelzoo in der Innenstadt, der zöge Familien mit kleinen Kindern an. Der Konsum allein wird die Innenstadt künftig nicht mehr tragen. Die Leute haben die Alternative, sie können ja zum Globus fahren und dort kostenlos parken – in einem Ausmaß, mit dem kann und will die Innenstadt nicht konkurrieren.

Schmitt: Das ist genau der Punkt: Die Leute können dort hinfahren und müssen sich keine Gedanken um einen Parkplatz machen.

Sind Sie denn noch froh, dass ihre zwei Modegeschäfte in der Innenstadt sind?
Schmitt: Das ist eine gute Frage. (denkt nach). Wenn ich heute eine Neugründung machen würde, wäre die sicher nicht in der Innenstadt. Als Traditionsunternehmen habe ich meinen Sitz in der Innenstadt und werde ihn auch beibehalten, solange es geht.

Grun-Marquardt: Unser Ziel muss eine Innenstadt sein, die so attraktiv ist, dass die Leute auch nur kommen, um dort Zeit zu verbringen. Wenn sie dann noch einkaufen, ist das auch ok.

Schmitt: Ich bin insofern bei Ihnen, dass in einer attraktiven Innenstadt nicht an jeder Ecke geparkt werden sollte. Es muss aber eine Symbiose aus schönen Dingen und Parkflächen sein. Wenn man aus der Hertie-Ruine ein Parkhaus machen würde, hätten wir auf einen Schlag so viele Parkplätze, dass man darüber nachdenken könnte, wo welche wegfallen und für andere Zwecke genutzt werden können.

Grun-Marquardt: Ja, es sollte da aber nicht ausschließlich ein Parkhaus entstehen. Die Autos sollten unter die Erde, darüber dann Wohnbebauung und Grünflächen und einen Spielplatz und vielleicht die Öffnung des Speyerbachs. Ein Punkt ist mir aber noch ganz wichtig: Die Autofahrer haben die Wahlmöglichkeit, die können hinfahren, wo sie wollen. Die Leute, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß in die Innenstadt kommen, kaufen vor allem da. Das sind Ihre treuesten Kunden, Herr Schmitt. Ich weiß nicht, ob das Ihnen bewusst ist. Alles, was ich heute anhabe, ist von Ihnen.

Schmitt: Stimmt (lacht).

Grun-Marquardt: Die Willkomm unterschätzt, dass wir Radfahrer die treueste Kundschaft sind. Wir fühlen uns aber ein wenig gemobbt wegen der Diskussion über die Parkplätze. Denn wegen der Parkplätze an der Straße können keine Radwege oder Schutzstreifen gebaut werden.

Schmitt: Von den 10.000 aktiven Kunden in unserer Kundendatei kommen 80 Prozent von außerhalb – mit dem Pkw.

Grun-Marquardt: Wir unterstützen ja das Parkhaus am Bahnhof, und im Innenstadtbeirat setzen wir uns für ein Parkhaus an der Esso-Tankstelle ein. Nur die Parkflächen an der Straße, die die Chancengleichheit für Radfahrer und Fußgänger nehmen, sind uns ein Dorn im Auge. Wenn wir da zusammenarbeiten, sehe ich nicht schwarz für Neustadt.

Schmitt: Ja, und das kann man vielleicht auch als Schlusswort nehmen: Wir beide, Herr Grun-Marquardt und ich, haben das Wohl der Stadt im Auge. Wir wollen beide eine florierende Stadt mit schönen Ecken.

Rainer Grun-Marquardt (63) ist Vorsitzender der Grünen-Fraktion im Stadtrat.
Rainer Grun-Marquardt (63) ist Vorsitzender der Grünen-Fraktion im Stadtrat.
Markus Schmitt (57) betreibt in der Fußgängerzone das Modehaus Schmitt und den Marc S. Trendstore.
Markus Schmitt (57) betreibt in der Fußgängerzone das Modehaus Schmitt und den Marc S. Trendstore.
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