Armes Neustadt
Eingewiesen: Letzte Chance Notunterkunft
Wenn eine Person nicht über eine Unterkunft verfügt, die sie vor Wetter schützt und Raum für die notwendigsten Lebensbedürfnisse lässt, und sie sich nicht selbst helfen kann, muss die Gemeinde ein vorläufiges und befristetes Unterkommen einfacher Art zur Verfügung stellen. Entweder melden sich Betroffene selbst bei der Stadt und bekommen dann Unterstützung angeboten, oder ihre bisherige Wohnung wird per Gerichtsvollzieher geräumt, zum Beispiel, weil sich Mietschulden angehäuft haben. In Neustadt stehen in solchen Fällen nach Angaben der Stadt 46 Einweisungswohnungen und zusätzlich acht Wohngemeinschaften für Einzelpersonen in der Kurt-Schumacher-Straße, in der Landauer Straße und der Chemnitzer Straße bereit. Wurden 2019 noch zwölf Männer, drei Frauen und acht Familien eingewiesen, waren es 2022 23 Männer, vier Frauen und elf Familien.
Jochen Schmidt kennt sie alle. Der 51-Jährige arbeitet seit zwei Jahren auf der neu eingerichteten Stelle für die soziale Betreuung von Obdachlosen und ist täglich im Viertel unterwegs. „Guten Morgen, alles gut bei euch?“, fragt er, als er die Tür zur ersten Männer-WG in der Landauer Straße öffnet. Die Einrichtung ist karg, kalter Rauch liegt in der Luft. Das Ordnungslevel ist vergleichbar mit einer Studenten-WG – nicht reinlich, aber auch nicht verwahrlost. Die meisten Zimmer sind mit mehreren Bewohnern belegt. Jeder bekommt ein Bettgestell aus Metall, einen schmalen Spind und eine Matratze. Stauraum für die Habseligkeiten, die noch aus ihrem alten Leben übrig geblieben sind, gibt es kaum. Vielen, die eingewiesen werden, fehlt es aber eh an Grundlegendem. Deshalb hat Schmidt in einem Raum ein kleines Lager eingerichtet mit Matratzen, Bettdecken, Kleidung, Schuhen und Hygieneartikeln, die er größtenteils über Spenden besorgt hat.
Komplexe Problemlagen
Schmidt kennt die Lebensgeschichten der Bewohner, die oftmals von Krankheit, Gewalt und Sucht geprägt sind. Andere haben eine Ausbildung, hatten einen Job und Beziehungen, bevor sie in die Abwärtsspirale gerieten. Wie gut das Zusammenleben in den Einweisungs-WGs läuft, hängt laut Schmidt oft mit den Konstellationen zusammen, über die sich der Betreuer bei Neubelegungen und Umzügen viele Gedanken macht. In einem Teil der Notunterkünfte, wo manche schon drei, vier Jahre leben, klappt das Gemeinschaftswohnen gut. Vor allem dort, wo die Bewohner sich verstehen, Aufgaben zuverlässig übernehmen und sich möglichst wohnlich einrichten. Diese Personen beweisen im Gespräch eine hohe Toleranz gegenüber den Eigenheiten anderer Hausbewohner. In anderen Wohnungen spiegelt sich der innere Zustand der Bewohner im Außen: an den Wänden, die mit Sprüchen und Warnungen vollgekritzelt sind, an verdreckten Küchen, beschädigten Möbeln oder am Boden, auf dem sich Wäsche und Müll sammeln.
Allen Wohnungen und Bewohnern die gleichen Regeln überzustülpen, ist mit Blick auf die unterschiedlichen Bedarfe und Ressourcen der Menschen folglich nicht nur schwer umzusetzen, sondern laut Schmidt auch nicht immer sinnvoll. „Man muss Regelungen finden, die vor Ort funktionieren.“ Beim Besuch der Wohnungen geht es aber nicht nur um Kontrolle. In seiner besonderen Rolle zwischen Vollzugsbeamtem und Sozialarbeiter kann Schmidt selbst abwägen, wann es mehr Recht und Ordnung, wann mehr soziale Hilfen braucht. Er tauscht sich bei den Begegnungen darüber aus, was bei den Menschen gerade ansteht, ob es um behördliche Papiere, fehlende Ausstattung oder den nächsten Arztbesuch geht. „Wie viele Spinde fehlen hier noch?“, fragt Schmidt und vereinbart mit dem Bewohner, dass dieser den Bedarf im Haus prüft und meldet. Selbst bei einem kurzen Plausch auf der Straße werden Neuigkeiten an ihn herangetragen, die für die Ausrichtung seiner Arbeit wichtig sind.
Handlungsspielraum begrenzt
In manchen Fällen sind die Handlungsoptionen jedoch begrenzt, zum Beispiel bei psychischen Auffälligkeiten oder schwer Suchtkranken, die ihr Umfeld durch ihr Verhalten belasten, aber Hilfen ablehnen. Gestern soll ein alkoholkranker Mitbewohner wieder gelärmt und sich am Kopf verletzt haben, wie Schmidt beim Wohnungsbesuch erzählt bekommt. „Ich brauche Hilfe, Herr Schmidt“, sagt der Betroffene, während er sich mit Bandage um den Schädel aus dem Bett aufrappelt. Ob er das morgen noch genauso sieht, da ist sich der Vollzugsbeamte nicht sicher – denn Schmidt weiß um die Probleme, die den Mann seit mehr als zwei Jahrzehnten begleiten.
Trotzdem bietet er immer wieder Unterstützung und Hilfe an in der Hoffnung, dass die Menschen mit Bedarf irgendwann wirklich darauf eingehen. Zu einem Entzug oder einer Behandlung in einer psychiatrischen Klinik zwingen kann Schmidt die Bewohner nicht – gegen ihren Willen eingewiesen werden können nur Menschen, die sich oder andere akut und erheblich gefährden. Die Sanktionsmöglichkeiten der Stadt sind ebenfalls begrenzt, denn selbst im Falle von nachhaltigen Verstößen eines Obdachlosen gegen die Hausordnung, wie beispielsweise Beleidigungen von Mitarbeitern oder Sachbeschädigungen, kann sie ihn nicht einfach auf die Straße setzen. Denn sonst würde sie selbst einen Verstoß gegen die öffentliche Sicherheit verursachen beziehungsweise zulassen. Die Verwaltung muss ihm eine anderweitige Unterbringungsmöglichkeit zumindest anbieten.
„Man muss sich anpassen“
Aus einer der Einweisungswohnungen dröhnt Musik aus dem offenen Fenster. Er übe singen, erklärt der Verursacher, als Schmidt bei ihm vor der Tür steht. Ob der Hinweis, wenigstens die Fenster zu schließen, nachhaltig fruchten wird, bleibt offen. Schmidt muss weiter in die nächste Wohnung. „Man muss sich hier anpassen können“, sagt dort ein Mann, der nach der Trennung von seiner Lebensgefährtin und dem Verlust von Job und Wohnung seit einigen Wochen in der Kurt-Schumacher-Straße untergebracht ist. Er habe sich nach Schicksalsschlägen hängenlassen, erklärt er, wie es so weit kommen konnte. Zum Glück hat er eine abgeschlossene Ausbildung, sodass er guter Dinge ist, bald wieder einen Job und damit eine Perspektive auf eine eigene Wohnung zu haben.
In der Notunterkunft kommt er nach eigenen Aussagen zurecht, vielleicht auch, weil sein Mitbewohner seit zwei Wochen verschwunden ist. Keine ungewöhnliche Situation, sagt Schmidt, manche zögen einfach weiter, ohne Bescheid zu sagen. Besonders schwierig sei, wenn Menschen gehen und ihr Hab und Gut zurücklassen. Denn das Zimmer muss geräumt werden, bevor jemand anderes hier Unterschlupf finden kann.
Die Serie
In der Serie „Armes Neustadt“ wollen wir den Westen von Branchweiler, in dem sich sozialer Wohnungsbau und Unterkünfte für polizeiliche Einweisungen konzentrieren, verstehen. Wie ist das Leben im Viertel? Wieso reproduziert sich dort Armut? Und wer versucht wie, Probleme vor Ort anzugehen? Das wollen wir aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.
Die weiteren Serienteile