Armes Neustadt
WBG-Chef: Strategie gegen Müll „hoffnungslos“
Herr Kurz, Sie führen seit fast drei Jahrzehnten die Wohnungsbaugesellschaft (WBG) in Neustadt und kennen den Westen von Branchweiler sehr gut. Wo liegen bei der Entwicklung des Viertels Herausforderungen?
Der Stadtteil Branchweiler ist seit 20 Jahren von dem Programm Soziale Stadt geprägt. Wir haben die Allensteiner Straße, Stettiner-, Neusatz- und Breslauer Straße mit einem wahnsinnigen Aufwand und über 20 Millionen Euro saniert und das Umfeld neugestaltet. Zugegeben, im Bereich Spitalbach- und Kurt-Schumacher-Straße ist städtebaulich noch gar nichts gemacht worden. Das hat auch finanzielle Gründe: Wenn wir dort investieren, haben wir aufgrund der Miete, die wir dort verlangen können, auch relativ wenig Kapitalrücklauf. Das heißt aber nicht, dass wir nichts machen. Wird eine Wohnung aus den Gebäuden aus den 1960er-Jahren frei, wird sie modernisiert. Im Gespräch ist zudem, ab 2024 das ganze Quartier mit 100 WBG-Wohnungen innerhalb von drei Jahren zu sanieren – auch aus Klimaschutzgründen.
Wer über die WBG umziehen möchte, muss Wartezeiten von bis zu zwölf Monaten in Kauf nehmen. Woran liegt das?
WBG und Stadt gehören knapp 2300, also fast 20 Prozent, der hiesigen Mietwohnungen. Da es sich dabei mehr um Zwei- und Drei-Zimmer-Wohnungen als um Vier-Zimmer- oder Single-Wohnungen handelt, gehen Umzüge oft nicht so schnell. Es gibt allerdings auch Mieter, die haben einen Wunsch nach Umzug, den wir nicht erfüllen wollen, weil wir davon ausgehen, dass nicht für beide Seiten ein zufriedenstellendes Mietverhältnis zustande kommt. Die WBG riskiert nicht, jemanden in ein bürgerliches Haus zu vermitteln, der sich nicht an Regeln hält. Die extrem hohe Nachfrage nach unseren Wohnungen spricht für uns, die Kündigungsrate ist gering.
Wie könnte man den Druck auf Sozialwohnungen senken?
Die Schwierigkeit ist, dass viele Menschen von außerhalb und auch Migranten zuziehen wollen, weil es im Umfeld wenig bezahlbaren Wohnraum gibt. Wir könnten natürlich mehr bauen, aber im Augenblick ist das kaum wirtschaftlich möglich. Eine Sozialwohnung rechnet sich erst ab dem zehnten, 15. Jahr, trotz des Förderprogramms des Landes, das eines der besten in Deutschland ist. Und es ist schwierig abzusehen, wie sich der Markt in einigen Jahren entwickeln wird. Leerstehende Wohnungen kosten erst mal Geld, deshalb kann man nicht einfach irgendwo Wohnungen bauen. Am Jahnplatz in Lachen-Speyerdorf haben wir beispielsweise lange gebraucht, um Mieter zu finden, die dort hinziehen wollten. Meiner Meinung nach sollten wir unseren Bestand die nächsten drei, vier Jahre halten.
Kaputte Schlösser und zugeschmierte Treppenhäuser: Der Zustand der WBG-Gebäude ist teilweise nicht gut. Was wird dagegen getan?
Wir geben viel Geld aus und machen auch viel. Wir haben bei technischen Problemen einen 24/7-Notdienst, eine eigene Sozialarbeit und arbeiten mit sozialen Einrichtungen wie der Spiel- und Lernstube der Caritas zusammen, wo wir mit Helga Deidesheimer eine engagiere Spitzenkraft haben. Wenn ein Schloss kaputt ist, tauschen wir es aus, angeschmierte Treppenhäuser streichen wir. Die Frage ist, warum es nach 14 Tagen wieder in schlechtem Zustand ist. Man kann sicher nicht alle Mieter über einen Kamm scheren, aber es gibt einige, die sagen, was im Quartier passiert, geht mich alles nichts an. Die soziale Kontrolle funktioniert nicht.
Wie geht man mit dieser Klientel um?
Diese Mieter haben relativ hohe Forderungen, ohne die Bereitschaft, selbst etwas zu leisten. Das kann nicht sein. Auch die Eigenverantwortung, zum Beispiel bei Zahlungsproblemen auf die WBG zuzukommen, fehlt oft. Vielleicht sind nicht alle Mieter aus dem Quartier glücklich über unser Verhalten, wir sind es aber auch nicht mit ihrem. Wir sehen zugemüllte Keller, Ratten, fehlende Mülltrennung und Gründe für den Schimmelbefall. Das frustriert dann teilweise auch unsere Techniker. Die sind im Umgang mit Mietern zwar geschult, es gibt aber so unverschämte Situationen, wo ich sagen muss, das muss man sich nicht bieten lassen.
Großes Thema im Viertel ist die mangelnde Sauberkeit. Welche Strategien hat die WBG, um den Müll in den Griff zu kriegen?
Keine mehr, das ist hoffnungslos. Einmal pro Woche wird gereinigt und der Müll entsorgt, so wie überall auch – nach einer Stunde sieht man wieder Dreck. Der Müll wird nicht in die Behälter geworfen, auch nicht, nachdem wir größere angeschafft haben. Ansprachen von Nachbarn aus dem bürgerlichen Milieu helfen nicht. Man sollte die Mieter dort also nicht nur aus Sicht der Betroffenen sehen, sondern auch als Verursacher. Das macht niemand von außerhalb. Wir versuchen, den Müll zuzuordnen, ebenso wie illegal abgestellte Autos, aber die rechtliche Handhabe ist sehr schwer.
Welche Optionen bleiben da der WBG?
Sie können den Müll wegräumen lassen und die Kosten auf die Miete umlegen, was den Mietern aber egal ist, wenn sie die Miete nicht selbst zahlen. Wir könnten die Reinigungsintervalle erhöhen, was aber wieder mehr Betriebskosten bedeutet. Wir haben mit einem privaten Büro Bildungsarbeit mit Kindern zu Mülltrennung angeboten. Wir haben immer wieder versucht, Bürgeraktionen zur Verschönerung des Umfelds zu starten, wobei es eine kleine Klientel aus dem Quartier gibt, die mitzieht – aber diese Menschen geben irgendwann auf. Wir lassen die Situation mit Sicherheit nicht schlechter werden, aber ich weiß nicht, was wir noch versuchen sollen. Nichts hat eine Veränderung bewirkt. Man muss das ein Stück weit akzeptieren.
In der Kurt-Schumacher-Straße, wo Sozialwohnungen und Unterkünfte für Obdachlose und polizeiliche Einweisungen aufeinander treffen, sind die Problemfelder Drogen und Sucht allgegenwärtig. Wie kann gegengesteuert werden?
Früher gab es am Maifischgraben, in der Chemnitzer Straße und anderen Bereichen Unterkünfte für Menschen ohne Marktzugang. Heute zentriert sich das fast alles in der Kurt-Schumacher-Straße, wo die Stadt Gebäude gepachtet hat, weil sie die genannten Objekte nicht mehr hat. Dass wir als WBG diese Objekte verwalten, ist in Neustadt eine Besonderheit. Die Zentrierung führt zu Problemen, die abzusehen waren. Die Stadt überlegt mit einem Arbeitskreis seit drei Jahren, etwas neu zu bauen. Das kostet aber Geld, und ein Standort ist schwer zu finden. Denn selbst bei Sozialwohnungen meinen die Nachbarn eigentlich immer, dass es woanders besser wäre.
Anwohner wünschen sich Möglichkeiten, zusammenzukommen, zum Beispiel auf den Grünflächen zwischen den Häuserblocks. Die Nutzung dieser Flächen ist aber nur eingeschränkt erlaubt. Wieso?
Wir haben kein Problem damit, dass sich die Mieter treffen, aber es gab immer wieder Vermüllungen, die wir entfernen mussten, sowie Ruhestörungen in der Nacht. Zudem gibt es gesetzliche Regelungen, die zum Beispiel aufblasbare Pools aus Sicherheitsgründen nicht erlauben. Absprachen zu anderen Möbeln und Spielgeräten wurden oft nicht verlässlich eingehalten. Mietergärten erlauben wir nicht mehr, da das in der Vergangenheit ebenso nicht geklappt hat. Ich bin aber bereit, das noch mal zu versuchen.
Was braucht es, um die Lebensqualität in Branchweiler-West nachhaltig zu steigern?
Wir bekommen nur eine Veränderung hin, wenn wir den Leuten eine Zukunftsperspektive schaffen. Und das heißt nicht: Wenn du lieb und nett bist, kriegst du eine bessere Wohnung. Ich erlebe nach so vielen Berufsjahren aber schon eine gewisse Ohnmacht, weil ich mich frage, was wir noch machen sollen. Solche Probleme gibt es ja bundesweit in jeder Mittel- und Großstadt mit Brennpunkt-Strukturen – wesentlich schlimmer als bei uns. Ich kann aus meiner Position nicht sagen, wie man das löst. Die Politik ist am Zug, dafür zu sorgen, dass sich arbeiten gehen lohnt. Die Sanierung im Bereich Branchweiler-West könnte aber eine Gelegenheit sein, auch die Sozialarbeit noch mal neu zu denken.
Hier geht es zum ersten Teil der Serie: Leben im Brennpunkt: „Man muss kämpfen“
Zur Person
Dietmar Kurz ist 64 Jahre alt und seit 1995 Geschäftsführer der Neustadter Wohnungsbaugesellschaft in der Konrad-Adenauer-Straße, die fast zu 100 Prozent der Stadt gehört. Zuvor war er zwei Jahre als Geschäftsführer für den Saalbau zuständig. Kurz kennt viele Menschen in Branchweiler seit Kindertagen. Er ist verheiratet und hat aus vorheriger Ehe zwei erwachsene Töchter.
Die Serie
In der Serie „Armes Neustadt“ wollen wir den Westen von Branchweiler, in dem sich sozialer Wohnungsbau und Unterkünfte für polizeiliche Einweisungen konzentrieren, verstehen. Wie ist das Leben im Viertel? Wieso reproduziert sich dort Armut? Und wer versucht wie, Probleme vor Ort anzugehen? Das wollen wir aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.
