Armes Neustadt
Leben im Brennpunkt: „Man muss kämpfen“
Wenn in der Kurt-Schumacher-Straße in Neustadt etwas passiert, stehen schnell Dutzende Leute auf der Straße. Stellt man sich in solchen Momenten dazu, ist es leicht, mit den Menschen, die in Branchweiler-West wohnen, ins Gespräch zu kommen. Wer aber wirklich wissen will, wer sie sind, muss mit ihnen darüber sprechen, was sie erlebt haben. Vier Frauen erzählen der RHEINPFALZ ihre Geschichte. Alle sind Mitte bis Ende 30, sind im Viertel aufgewachsen, hatten einige Geschwister, wurden jung zum ersten Mal schwanger und ziehen nun mehrere Kinder groß, die Hälfte alleinerziehend. Die Frauen haben in diesem Text keinen Namen, und ihre Geschichten werden nur da abgegrenzt, wo sie sich unterscheiden, um ihre Identität zu schützen. Sie haben ohnehin viel gemein.
Das beginnt schon in der Kindheit. Da ist zum Beispiel die verwitwete Mutter, die oft nicht zu Hause ist, weil sie viel arbeitet, um die kinderreiche Familie allein durchzubringen. Ihre Kinder lernen schon früh, sich um sich selbst zu kümmern, gehen ohne Erwachsenen einkaufen, wenn sie hungrig, oder allein zum Arzt, wenn sie krank sind. „Wir waren einfach reifer, selbstständiger“, beschreibt eine, die das ihren eigenen Kindern heute nicht zutrauen würde. Andere haben suchtkranke Eltern und erleben schon in jungen Jahren Gewalt gegen sich und die Mutter. „Wir haben abends Angst bekommen, wenn unser Vater von der Arbeit kam“, sagt eine. Trotzdem beschreiben alle Frauen spontan ihre Kindheit zunächst als schön – weil sie zuerst nicht an das Leben in ihren vier Wänden denken. „Unser Leben fand eigentlich mehr draußen statt als zu Hause.“ Die Zeit, als sie sich mit anderen Kindern und Jugendlichen auf Spielplätzen und in ruhigen Ecken trafen, ist den Frauen in glücklicher Erinnerung – wirklich viel vom Leben außerhalb von Branchweiler-West haben sie aber nicht mitbekommen.
Stadtteil als Stigma
Außerhalb ihres Viertels fühlen sie sich meist nicht willkommen. Weil sie arm sind. Weil sie dort wohnen, wo sie wohnen. „Meine Kinder würden auch gerne mal Freunde einladen, aber wie soll das gehen? Wir leben in einem Zimmer.“ Dass der Stadtteil Stigma sein kann, erleben die Frauen immer wieder. Ob auf der Suche nach Jobs, Wohnungen oder Lehrstellen für ihre Kinder. „Manche haben meinen Sohn nicht mal zum Gespräch eingeladen, sondern sich einfach gar nicht mehr gemeldet“, sagt die eine, „die lesen die Adresse und sagen dann nein“, erzählt eine andere. Eine Dritte ärgert sich: „Viele denken, man könnte alle hier über einen Kamm scheren, als ob wir alle faul wären.“ Sie hält dagegen: Es gebe überall Menschen, die sich nicht benehmen könnten, nicht nur in „Problemvierteln“.
Aber es gebe in Branchweiler-West auch Dinge, die alle sehen, aber niemand anspricht, etwa Drogenhandel in den Straßen. „Solange diese Leute uns und die Kinder in Frieden lassen, wird da nichts gesagt, weil man auch nicht in irgendetwas hineingeraten will“, sagt die eine. Das Ordnungsamt komme zwar teilweise mehrmals täglich vorbei, die Situation bessere sich aber nicht. Die Drogen lockten „komische Menschen“ an, meint eine andere, die ihre Kinder deshalb nicht alleine draußen spielen lässt – und auch wegen der Autofahrer, die durch die Straße rasten, und der Männer, „die ab und an ihre fünf Minuten kriegen“. Früher habe es aber mehr Gewalt im Viertel gegeben.
„Würde alles anders machen“
Auch die schulische Biografie ähnelt sich. Nur eine der vier Frauen hat einen Abschluss, keine eine Ausbildung. Manche sind öfter sitzengeblieben, nicht regelmäßig in die Schule gegangen, und als die Schulpflicht nach neun Jahren endete, war eine erst in der sechsten Klasse. Zu faul sei sie gewesen, reflektiert sie heute als Erwachsene. „Jetzt würde ich alles anders machen.“ Auch eine andere, die nur wenige Monate vor dem Abschluss die Schule geschmissen hat, sagt im Rückblick: „Ich hätte es einfach durchziehen müssen, ein bisschen mehr für mich machen sollen. Meiner Tochter soll es nicht so gehen wie mir.“ Um einen Abschluss oder eine Ausbildung nachzuholen, fühlen sich die Mütter zu alt.
Dabei hatten sie alle einmal Träume, wollten Verkäuferin, Erzieherin, Altenpflegerin oder Hauswirtschafterin werden. Ihr Geld verdienen sie heute als Reinigungskräfte. „Man bekommt nicht viel und muss viel arbeiten, um genug Geld zu haben, um die Kinder zu ernähren. Gerade, seit alles teurer wird. Aber es ist schon so: Wenn man arbeiten geht, kann man sich mehr leisten. Ich will aber auch ein Vorbild für meine Kinder sein, damit sie zur Schule gehen und nicht so ein Leben kriegen wie ich, mit Toiletten saubermachen.“ Sie erzählt stolz, wie fleißig ihre Tochter sei, dass sie einen Berufswunsch habe und diesen zielstrebig verfolge.
Alltag streng getaktet
„Putzen ist eine Arbeit wie jede andere Arbeit, wenn auch anstrengend“, betont eine andere, die täglich vier Stunden arbeitet und dafür 820 Euro bekommt. Eine andere Frau hat eine Zeit lang drei bis vier Putzstellen gleichzeitig gestemmt, morgens hier, mittags da, abends dort. So kam sie nach eigenen Aussagen auf 1600 bis 1700 Euro im Monat, hatte aber nie Urlaub. „Ich kann das so nicht mehr“, sagt die Alleinerziehende, die auf zwei Stellen reduziert hat, um mehr Zeit für ihre vier Kinder zu haben.
Eine der Frauen hat sich mit mehreren Jobs unabhängig von Sozialleistungen gemacht. Ihr Alltag ist streng getaktet: Morgens um 5 Uhr klingelt ihr Wecker. Sie macht die Kinder fertig für Schule oder Kindergarten, bringt sie dorthin und geht dann arbeiten. Danach holt sie die Kinder wieder ab und bringt sie in die Spiel- und Lernstube der Caritas, in die alle Frauen selbst als Kinder gingen. „Das war eine schöne Zeit, vor allem die Ausflüge.“ Hier werden die Kleinen betreut, während ihre Mütter arbeiten gehen, und bekommen ein kostenloses Essen.
Jeden Cent umdrehen
Jetzt, wo sie Mütter sind, bleibt die Einrichtung eine wichtige Anlaufstelle. „Irgendwann wird für Helga Deidesheimer ein Denkmal gebaut“, sagt eine Frau über die dortige Sozialarbeiterin, die seit drei Jahrzehnten immer da sei, jeden kenne und Familien im Alltag mitfühlend unterstütze. „Manchmal ist es einfacher, mit ihr über Probleme zu sprechen als mit der Familie.“ Deidesheimer helfe auch mit Papieren oder bei Online-Formularen mit Computer und Drucker, weil sie keinen zu Hause haben.
Eine Frau geht nicht arbeiten, sondern „voll in der Rolle als Hausfrau und Mutter auf“. Ihr Partner ist arbeitssuchend. Die fünfköpfige Familie lebt von rund 1000 Euro. „Ich frage mich jeden Monat, wie ich es packe“, sagt sie und lacht verlegen. „Wenn wir einen Döner essen gehen, sind gleich 40 Euro weg. Man rechnet und rechnet und rechnet.“ Größere Ausgaben würden über mehrere Monate geplant. Geld sei ihr aber nicht so wichtig: „Mir reicht es, wenn ich meine Kinder ernähren und ab und zu einen Ausflug mit ihnen machen kann.“ Einen Wunsch hat sie aber doch: mehr Platz für den Nachwuchs, der langsam erwachsen ist. Und mehr Freiraum für die Eltern, die mit zwei Kindern unter zehn Jahren ein Bett teilen.
Neun Personen, ein Zimmer
Doch Vier-Zimmer-Wohnungen sind bei der Wohnungsbaugesellschaft (WBG) rar. Auch reagiere die WBG bei Problemen nicht immer angemessen schnell. Bei einem Schimmelbefall in der Wohnung habe es Tage und die Androhung gebraucht, die Wohnung sofort aus Angst um die Gesundheit der Familie zu verlassen, bis jemand reagiert habe. „Ich weiß, ich habe Rechte, aber ich will es mir auch nicht mit der WBG verscherzen“, sagt die Betroffene. Schließlich entscheide sie, wer eine andere Wohnung bekommt.
Eine Frau hat eine Zeit lang mit ihrer Familie „in der Stadt“ gewohnt, wie sie erzählt, also außerhalb von Branchweiler-West. Damals habe sie ihre Verwandten, die zurückgeblieben waren, vermisst. Doch auch diese Wohnung kann sie nicht lange halten. Als die Räumung droht, soll sie in eine Notunterkunft für Geflüchtete ziehen. Die hygienischen Zustände dort bezeichnet sie als ekelerregend. „Ich habe mir nicht vorstellen können, dass das so dort ist.“ In ihrer Not zieht die Familie mit drei Erwachsenen und sechs Kindern in Eigenregie in eine Einzimmerwohnung, die sie von einer Bekannten bekommen. Nach einiger Zeit werden die Leitungen abgestellt. „Ohne Strom, ohne warmes Wasser, ohne nix, so haben wir da gehaust.“ Im Elend liegt ihr Fokus auf den Kindern, die sie auch mit Hilfe von Verwandten versorgen. „Unsere Kinder waren immer sauber und sind nie in Kita oder Schule aufgefallen, weil wir zum Duschen zu Verwandten gegangen sind. Wir haben das Beste daraus gemacht und zusammengehalten.“
Belastendes Umfeld
Irgendwann heißt es aber: Entweder sie ziehen in eine Einweisungswohnung als Notunterkunft oder die Kinder werden ihnen weggenommen. „Ich wollte am Anfang gar nicht zurück, auch weil meine Kinder Angst in der Kurt-Schumacher-Straße hatten. Aber das Leben muss weitergehen, egal wie.“ In der Einweisungswohnung hält sie es kaum aus. „Die Nachbarn haben Tag und Nacht Randale gemacht, ich hatte Angst, dass es irgendwann anfängt zu brennen und habe mir das bildlich vorgestellt, wie ich hier nicht rauskomme. Ich war schon am Limit, aber habe mich für die Kinder immer wieder aufgerafft. Man muss kämpfen.“ Irgendwann schaffen sie es raus, bekommen eine Sozialwohnung im Viertel. Dort fühle sie sich wohl, sagt sie, und sei nach all den Erfahrungen zufrieden mit dem, was sie hat.
Einen anderen Ausweg sucht eine, die mit 18 Jahren heiratet und aus dem Viertel wegzieht, „weil ich einfach nur raus wollte“. Doch ihr Ehemann entpuppt sich als Gewalttäter, schlägt sie und die gemeinsamen Kinder, und er kontrolliert sie permanent. „Er hat mir jede Woche fünf Euro auf den Tisch gelegt, und ich musste jeden Kassenzettel vorzeigen.“ Auch eine Ausbildung habe er ihr untersagt. Dreimal versucht sie, sich zu trennen, kehrt wegen der Kinder aber immer wieder zurück, wie sie sagt. Erst nach zehn Jahren schafft sie es, von ihm wegzukommen.
Angst als Begleiter
Sie häuft mehrere tausend Euro Mietschulden an und landet schließlich in einer Einweisungswohnung. Dort lebt sie seit fünf Jahren. Die Zustände seien unerträglich. „Der Nachbar nimmt Drogen, hört auch nachts laut Musik. Manchmal klingeln in der Nacht auch irgendwelche Leute bei uns.“ Auf Beschwerde sei ihr vom Ordnungsamt gesagt worden, sie solle mit einem Dezibel-Messer die Ruhestörungen dokumentieren. „Ich muss morgens arbeiten und meine Kinder müssen in die Schule, ich kann mich da nicht jede Nacht ans Fenster stellen“, sagt sie verärgert.
Ihre Schulden stottert sie in kleinen monatlichen Raten ab. Alle Versuche, eine andere Wohnung zu bekommen, seien von der WBG abgelehnt worden. „Ich habe manchmal den Gedanken gehabt: Warum habe ich mich von meinem Ex-Mann getrennt, ich hatte ich ja alles …“, sagt sie unter Tränen. Sie fragt sich, ob das nicht auch für ihre Kinder besser gewesen wäre, weil sie genauso unter den Zuständen litten und Situationen erlebten, die sie nicht verarbeiten können. Angst sei der Begleiter ihrer Töchter und Söhne, die Schlafstörungen hätten oder zum Teil so aggressiv seien, dass sie nicht bei ihrer Familie wohnen können. Es gebe in den engen Wohnungen kaum Rückzugsmöglichkeiten, Konflikte kochten leichter hoch. Die eigentliche Übergangsbleibe und ihr Umfeld seien keine Hilfe, um wieder auf die Füße zu kommen.
Schwere Schicksalsschläge
Die vier Frauen teilen Erinnerungen an schwere Zeiten, als vertraute Menschen jung starben, chronisch erkrankten, als sie ein Kind verloren, Gewalt, Missbrauch oder soziale Ächtung erlebten. Branchweiler-West zu verlassen, all das hinter sich zu lassen, kommt jedoch eher nicht für sie in Frage. „Ich meine, was mache ich, wenn wir hier weggehen? Hier habe ich Familie und Freunde, die ums Eck wohnen“, sagt eine. Das Viertel sei ihr Zuhause, und der Zusammenhalt groß, auch, aber nicht nur, weil viele miteinander verwandt seien. Es gebe eine Gemeinschaft, in der jeder auf jedes Kind aufpasse. „Bei gutem Wetter sitzen wir alle gemeinsam draußen und unterhalten uns, unsere Kinder spielen zusammen.“ Das ist das, was für sie im Brennpunkt Lebensqualität ausmacht.
Die Serie
In der Serie „Armes Neustadt“ wollen wir den Westen von Branchweiler, in dem sich sozialer Wohnungsbau und Unterkünfte für polizeiliche Einweisungen konzentrieren, verstehen. Wie ist das Leben im Viertel? Wieso reproduziert sich dort Armut? Und wer versucht wie, Probleme vor Ort anzugehen? Das wollen wir aus verschiedenen Perspektiven beleuchten.