Interview Zehn Jahre Street Docs: Peter Uebel über tragische Fälle und Hausaufgaben für die Politik
Herr Uebel, zehn Jahre Street Docs – ist das wirklich ein Grund zum Feiern oder eher einer, der nachdenklich stimmen müsste, weil man ein solches Projekt immer noch benötigt?
Gute Frage. Das erklärte Ziel war eigentlich, so wenig wie möglich Patienten behandeln zu müssen und so viele wie möglich in die normale Versorgung zurückzubekommen. Unser Konzept sieht vor, dass wir stets einen Sozialarbeiter dabei haben, der schaut, warum ein Patient überhaupt zu uns kommen muss.
Aber?
Das ließ sich in den vergangenen zehn Jahren leider nicht so umsetzen. Das Gegenteil ist der Fall. Aufwand und Patientenzahl sind gestiegen. Wir haben immer mehr komplexere Fälle. Das Jubiläum ist dennoch ein Grund zum Feiern, weil es das Hilfsprojekt gibt. Wir sind dankbar, dass uns so viele Menschen unterstützen und aktiv sind. Das Projekt funktioniert und ist nicht auf der Strecke geblieben. Darauf sind wir stolz. Dass wir solche Projekte in einem so wohlhabenden Land dringend brauchen, ist aber sicher kein Grund zur Freude.
Wie viele Menschen betreuen Sie und Ihre über 20 Kollegen?
Das variiert. Das sind Menschen, die auf der Durchreise sind, die man nur einmal sieht. Wir haben aber auch Stammgäste, die dauerhaft kommen. Seit 2013 haben wir insgesamt rund 4500 Behandlungen unterschiedlichster Form durchgeführt.
Was sagt diese Bilanz über unsere Gesellschaft aus? Wenn Ehrenamtliche Menschen auffangen müssen, die durchs soziale Raster fallen, läuft doch etwas grundlegend schief.
Das ist sicher keine großartige Leistung, auch nicht fürs Gesundheitssystem. Dass es so viele Menschen ohne Krankenversicherung gibt, die in einer Parallelwelt leben, in der sie nicht versorgt sind, war auch für mich vor elf Jahren, als die ersten Street-Doc-Planungen begannen, unglaublich und unfassbar, obwohl ich relativ tief verwurzelt bin im Gesundheitssystem. Das hat mich echt getroffen und meinen Blick geweitet. Seit zwei Jahren haben wir immerhin eine mit Landesmitteln geförderte Clearingstelle, die sich bemüht, Patienten in die Krankenkasse zurückführen. Aber obwohl da ein breites soziales Netz aufgespannt wird, um möglichst alle aufzufangen, fallen einige durch. Jeder Einzelne ist einer zu viel. Das sind teils sehr dramatische Fälle, hinter denen sich Tragödien verbergen.
Was sind das für Menschen, die zu Ihnen in die Street-Doc-Praxen kommen: Jüngere, Ältere, Arbeitslose, Leute mit geringer Rente?
Das sind Menschen querbeet aus allen Schichten und jeden Alters. Der Saisonarbeiter, der keine Anstellung mehr hat, hier geblieben und illegal abgetaucht ist. Das sind Obdachlose oder Leute mit physischen und psychischen Problemen, häufig Suchterkrankungen. Alkohol spielt da eine große Rolle. Das sind aber auch ehemalige Manager, die einen sozialen Abstieg hinter sich haben: Job verloren, Firma bankrott, die Frau weg, nicht mehr versichert.
Das kann einen nicht kalt lassen.
Das berührt uns alle. Derzeit haben wir gerade einen ganz tragischen Fall: ein Mann mit einem Lebertumor. Wir sind quasi dazu verdammt, zuzuschauen, wie der Tumor immer weiter wächst, weil die Behandlung – Operation und Diagnostik – so enorm teuer ist, dass sie auch mit Spenden nicht zu finanzieren ist. 50.000, 60.000, 70.000 Euro könnten da schnell zusammenkommen. Das übersteigt unser jährliches Spendenaufkommen. Dass wir diesem Mann nicht helfen können, ist nur schwer zu ertragen und – man kann es nicht anders sagen – wirklich ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Das treibt einen um.
Sie sind nicht nur Mediziner, sondern auch Politiker, der seit fast zehn Jahren für die CDU im Stadtrat sitzt. Was nehmen Sie von den Street-Doc-Erfahrungen mit in Ihr Amt?
Ein verändertes Bewusstsein für die Lebensrealität. Ich sehe inzwischen viele Dinge differenzierter. Es gibt da eine Welt, in der andere Regeln gelten, in der „normale“ Standards außer Kraft gesetzt sind, was etwa Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und regelmäßige Medikamenteneinnahmen angeht. Damit muss man sich erst mal abfinden, auch wenn man – wie ich – aus der sozialpolitischen Ecke kommt. Klar ist für mich, dass beispielsweise die seit vielen Jahren notwendigen Sanierungen der sogenannten Roten und Weißen Blöcke im Einweisungsgebiet Bayreuther Straße in West endlich umgesetzt werden müssen. Die Verhältnisse dort sind fürchterlich – angefangen vom Schimmel in den Wohnungen bis zur miserablen Heizsituation. Das ist bisher immer an Geld- und Personalmangel im zuständigen Dezernat gescheitert. Da müssen wir jetzt vorankommen. Das ist ein großes Thema, dass wir als Ludwigshafener Politiker konsequent angehen müssen.
Wie kann man dem sozialen Absturz von Menschen besser und erfolgreicher begegnen als bisher?
Man muss fairerweise festhalten, dass da schon einiges passiert ist. Früher haben in der Bayreuther- und in der Kropsburgstraße in Mundenheim gut 1000 Menschen gewohnt. Mittlerweile sind es nur noch halb so viele, die dort leben. Das ist ein gewisser Erfolg. Es gibt natürlich auch sogenannte Systemsprenger, die man nicht in den Griff bekommt. Die wird es immer geben. Da muss man sich keine Illusionen machen. Aber es gibt sehr viele Leute, die motiviert sind und die man über die Gemeinwesenarbeit und Förderprogramme aus ihren prekären Verhältnissen befreien kann.
Wie denn?
Manchmal zeigen kleine Schritte Wirkung und bringen die Menschen in geordnete Bahnen oder zumindest in den zweiten Arbeitsmarkt zurück, wie eine Kochgruppe oder Boulespiel-Angebote. Sozialarbeit ist das eine. Schuldnerberatung ist daneben ein wesentliches Instrument. Man muss bereits im Vorfeld vermeiden, dass jemand seine Miete nicht mehr bezahlen kann, in Armut abdriftet und in einem der Einweisungsgebiete landet.
Gibt es neben den tragischen auch Hoffnung machende Erlebnisse?
Absolut. Zuletzt kam eine junge Frau, Ende 30, aus Heidelberg zu uns. An die denke ich sehr oft. Sie stammt aus sehr schwierigen Verhältnissen, hatte keine Krankenversicherung, aber einen kindskopfgroßen Tumor im Unterleib. Mit der Uniklinik Heidelberg haben wir dann eine Vereinbarung hinbekommen, dass die Frau dort operiert werden kann. Man ist uns bei den Kosten sehr entgegengekommen. Der Eingriff war erfolgreich, die Frau besuchte uns häufiger und hat uns geschildert, wie gut es ihr inzwischen geht. Das sind dann sehr schöne Momente. Neulich war eine Frau bei uns, die ein neues Knie braucht. Jetzt sind wir gerade dabei, mit einer Klinik zu verhandeln, wie wir uns preislich einigen können. Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt. Viele Krankenhäuser kommen uns sehr entgegen. Das hilft.
Angenommen, Sie kandidieren 2025 wieder als Oberbürgermeister, wovon ich ausgehe. Und angenommen, Sie würden auch gewählt: Wo würden Sie ansetzen?
Ich würde die soziale Frage zu einem Schwerpunkt meiner Arbeit machen, weil ich die Welt der Abgestürzten und Ausgegrenzten kenne. Politik muss es schaffen, auch diesen Menschen, die teils unverschuldet am Rande der Gesellschaft stehen, ein Leben in Würde zu ermöglichen. Die unterirdische Situation in Einweisungsgebieten wie der Bayreuther Straße kann so nicht bleiben. Man muss spezielle Programme aufsetzen und sie mit genügend Personal ausstatten, um diese Menschen besser zu integrieren. Es ist ein ganzes Bündel von Maßnahmen. Arbeitslosigkeit vermeiden, schnelle Therapien ermöglichen, das sind sicher zwei Hebel.
Und wann erfahren wir, ob Sie erneut fürs OB-Amt kandidieren?
Nach der Kommunalwahl 2024.
Zur Sache: Peter Uebel und das Projekt Street Doc
Peter Uebel: Der 59-jährige Internist leitet seit 2012 das Ärztezentrum „Haus der Gesundheit“ in der Gartenstadt, wo er mit seiner Partnerin wohnt. Er hat zwei erwachsene Söhne und einen Enkel. Seit 2007 ist er in der CDU, seit 2014 im Stadtrat, seit 2018 führt er dort die aktuell 15 Mitglieder zählende Fraktion. 2017 unterlag der gebürtige Ludwigshafener Jutta Steinruck (damals SPD, jetzt parteilos) bei der Oberbürgermeister-Stichwahl.
Street Doc: Das komplett durch Spenden finanzierte Projekt steht in Trägerschaft der Ökumenischen Fördergemeinschaft (ÖFG) Ludwigshafen, einer gemeinnützigen GmbH. Seit einem Jahrzehnt ermöglicht es unbürokratische medizinische Grundversorgung, Schmerzbehandlung und begleitende Sozialberatung für Bedürftige. Einmal wöchentlich, immer mittwochnachmittags, bieten die mittlerweile rund zwei Dutzend Zahn- und Allgemeinmediziner ihre Dienste an. Standorte in West und in Mundenheim werden vom Team angefahren. Im Hemshof gibt es eine Praxis für Human- und Zahnmedizin.