Ludwigshafen
Was auf den neuen OB zukommt: Betreuungsnotstand und Sanierungsstau
Allein die Zahlen sprechen für sich: Ludwigshafen als linksrheinisches Oberzentrum der Metropolregion Rhein-Neckar mit rund 180.000 Einwohnern – Tendenz weiter steigend – und 30.000 Schülern, die aus der gesamten Vorderpfalz zum Lernen in die Stadt strömen, ist noch vor der Stadt Mainz der größte Schulträger in Rheinland-Pfalz. 23 Grundschulen, fünf Realschulen plus, eine organisatorisch verbundene Grund- und Realschule plus, sechs Gymnasien, drei Integrierte Gesamtschulen, vier Förderschulen und sechs Berufsbildende Schulen sind Teil der Ludwigshafener Schullandschaft. Eine weitere Gesamtschule, eine neue Förderschule und eine zusätzliche Grundschule sind im Gespräch.
Dazu kommen knapp 90 Kitas in mehrheitlich kommunaler und kirchlicher Trägerschaft. Die Stadtverwaltung ist für die knapp 50 Schulgebäude und in Abstimmung mit dem Land für die Planung neuer Schulen zuständig. Da es für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte gibt, ist die Kommune zudem dafür verantwortlich, in Zusammenarbeit mit den sogenannten freien Trägern ausreichende Betreuungskapazitäten zu schaffen, damit Eltern Beruf und Familie vereinbaren können. Zwei große Aufgabenfelder mit hohem Personal- und Investitionsvolumen. Aber der Stadt fehlen seit Jahren sowohl die Fachkräfte als auch die finanziellen Mittel, um diese Mammutaufgaben zu stemmen.
Sanierung erst in zehn Jahren
Die bauliche Situation in den Schulen ist teilweise dramatisch. Jüngstes Beispiel, das für Schlagzeilen gesorgt hat, ist das Georg-Kerschensteiner-Berufsbildungszentrum in Mundenheim. Die dort seit Langem geplante Brandschutzsanierung wird viel teurer als geplant. Die Kosten steigen von geschätzten 3,3 auf glatt neun Millionen Euro. Das Berufsbildungszentrum ist das größte staatliche berufsbildende Schulzentrum in Rheinland-Pfalz. Es vereinigt die drei Schulen BBS Technik 1, BBS Technik 2 und BBS Naturwissenschaften mit rund 7000 Schülern. Unterrichtet werden sie von rund 350 Lehrern. Mehr als 20 Mitarbeiter der Stadt arbeiten in Sekretariaten, als Hausmeister oder in der Informationstechnik. Der Schulcampus wurde Anfang der 1970er-Jahre errichtet und besteht aus einem Hauptgebäude, einem Werkstattgebäude, einer Sporthalle und dem sogenannten Testaurant-Gebäude mit einer Lehrküche.
Laut Verwaltung hat sich der Umfang der geplanten Arbeiten wegen zusätzlicher Anforderungen am Brandschutz deutlich erweitert. Betroffen sind besonders die Flurdecken. Einzelne Decken sind mit Schadstoff belastet und müssen in Fluren, Treppenhäusern und WC-Anlagen erneuert werden. Diese Arbeiten sollten jedoch erst bei einer Sanierung in zehn Jahren erledigt werden.
Schüler und Lehrer in Gefahr
Zu spät, denn Schüler und Lehrer schweben in Gefahr: „Aufgrund von mehreren Personenschäden durch herabfallende Deckenplatten müssen die Arbeiten nun vorgezogen werden“, berichtete die Verwaltung. Bei der Gesamtsanierung in zehn Jahren müssten die Decken und Leitungen dann wieder erneuert werden, heißt es. Die aktuellen Maßnahmen seien jedoch „unabdingbar“, um den Weiterbetrieb der Schule zu gewährleisten.
Mit Blick auf den Betreuungsnotstand in den Kitas spricht Bereichsleiter Pascal Thümling von einer „Situation, die uns alle emotional herausfordert“. In Ludwigshafen fehlen nach Berechnungen von Elternvertretern mehr als 3200 Betreuungsplätze. Im Jahr 2024 wurden rund 35 Prozent aller Kinder mit Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz nicht versorgt. Woran liegt das? Teils fehlen Gebäude, teils Erzieherinnen. Thümling spricht von gesellschaftlichen Folgen und schlechteren Chancen für viele Kinder, denn ihnen fehle der Zugang zu früher Bildung. Daher falle es schwer, diese Realität des Betreuungsnotstands in Ludwigshafen zu akzeptieren. Aber eine schnelle Lösung dafür gebe es nicht. Auch wenn Thümling hofft, dass neue Kita-Gebäude mithilfe einer Bauprojektgesellschaft demnächst schneller gebaut werden können als das bisher möglich war.
72 Erzieherinnen fehlen
Das bundesweite Erzieherinnen fehlen, beschäftigt fast alle Kommunen. „Aktuell fehlen uns 72 pädagogische Fachkräfte zur Gewährleistung des Rechtsanspruchs in den städtischen Kindertagesstätten“, informierte eine Sprecherin der Stadt aus Anfrage. „Dadurch können wir 609 Betreuungsplätze nicht personalisieren.“ Das bedeutet, dass die Kitaplätze zwar vorhanden sind, aber nicht angeboten werden können. Trotzdem plant die Verwaltung noch weitere Neubauten.
Familiendezernentin Cornelia Reifenberg (CDU) beklagt seit vielen Jahren, dass die Stadt von Bund und Land nicht annähernd ausreichend finanziell ausgestattet wird, um die benötigten Betreuungsplätze zu schaffen: Sie machte zudem schon vor Jahren auf steigende Geburtenzahlen und den anhaltenden Zuzug nach Ludwigshafen aufmerksam. Beides habe die Verwaltung überrollt.
Ausbau läuft seit 2009
Ein Rückblick: Im Jahr 2010 hat das Land den individuellen Rechtsanspruch auf einen elternbeitragsfreien Kindergartenplatz ab Vollendung des zweiten Lebensjahres eingeführt. Darüber hinaus hat der Bundesgesetzgeber seit 2013 einen individuellen Betreuungsanspruch für ein- und zweijährige Kinder in einer Einrichtung oder in Kindertagespflege geschaffen. Um diese erweiterten Versorgungsansprüche erfüllen zu können, hat der Stadtrat 2009 die ersten Kita-Ausbaupakete beschlossen. Bis heute sucht die Verwaltung nach geeigneten Grundstücken für den Neubau von Kindertagesstätten und erweitert vorhandene Einrichtungen.
Derweil arbeitet die Verwaltung an einer neuen Herausforderung: Ab dem Schuljahr 2026/27 gibt es stufenweise bis 2030/31 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für alle Grundschüler. Der damit verbundene Ausbau von Ganztagsschulen und der Betreuenden Grundschule ist eine weitere Herkulesaufgabe für die Stadt. Auch hier fehlen finanzielle und personelle sowie räumliche Kapazitäten. Auf das neue Stadtoberhaupt und den neuen Dezernenten Lars Pletscher wartet viel Arbeit.
Die Serie und die OB-Wahl
Vor der Oberbürgermeisterwahl am 21. September stellen wir die größten Baustellen für das künftige Stadtoberhaupt vor, dessen Amtszeit am 1. Januar 2026 beginnt. Bisher kandidieren: Jens Peter Gotter (53, SPD), Klaus Blettner (57, CDU), Joachim Paul (55, AfD), Martin Wegner (57, unabhängig), Michaela Schneider-Wettstein (45, Volt) und Cem Ali Caglayan (24, Bewegung „Schützt die Autos“). Teil 1 drehte sich um die Großbauprojekte in der Stadt, Teil 2 um die Modernisierung der Stadtverwaltung und Teil 3 um die Stadtfinanzen.