Ludwigshafen
Streit um Pfalztram: Eine kleine Gruppe leistet großen Widerstand (mit Bildergalerie & Video)
Im Ludwigshafener Norden hat sich eine Initiative gegen die Pfalztram gebildet, die aus Anwohnern aus Oppau, Edigheim und der Pfingstweide besteht. Der harte Kern der Initiative besteht aus etwa zehn Personen. Die kleine Gruppe hat sich ein hochgestecktes Ziel gesetzt: die Verlängerung des Straßenbahnnetzes von der Endhaltestelle in Oppau in die Pfingstweide zu verhindern. Eine von den Aktivisten gestartete Online-Petition haben bisher knapp 1600 Menschen aus Ludwigshafen unterzeichnet.
Uwe Scholze ist der Mann für Zahlen bei der Initiative. Der 64-Jährige ist studierter Soziologe, arbeitet als selbstständiger Coach. Er kennt sich mit Statistik und Studien gut aus, hat akribisch die öffentlich zugänglichen Unterlagen der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV) durchforstet und ist dabei auf vermeintliche Ungereimtheiten gestoßen: Beispielsweise führt das Verkehrsunternehmen den Bedarf für den Straßenausbahnausbau im Norden unter anderem auf das Bevölkerungswachstum in Ludwigshafen zurück. Das von der RNV kommunizierte Bevölkerungswachstum von sieben Prozent in der Stadt bezöge sich auf den Zeitraum zwischen 2020 und 2040. Nehme man 2025 als Grundlage, komme man nur auf etwa vier Prozent, sagt Scholze. Gar nicht berücksichtigt sei, dass in der Pfingstweide die Einwohnerzahlen rückläufig seien.
Bedarf wird nicht gesehen
Auch die von der RNV vorgelegte Kosten-Nutzen-Analyse zweifelt Scholze an: „Da gibt es viele Widersprüchlichkeiten.“ Was ihn ebenfalls stört: Der von der RNV prognostizierte Fahrgastzuwachs durch eine Straßenbahn sei bisher nicht für das Teilstück zwischen Oppau und der Pfingstweide vorgelegt worden, sondern nur für den Gesamtausbau zwischen der Pfingstweide und Waldsee. Er und seine Mitstreiter würden gerne Zahlen für den Ludwigshafener Norden sehen, die von der RNV bei der ersten Bürgerinfo in der Pfingstweide auf Nachfrage nicht genannt wurden. Bei der nächsten Veranstaltung im Oppauer Bürgerhaus am 12. Mai will das Unternehmen nachlegen.
Grundsätzlich sehen die Pfalztram-Gegner überhaupt keinen Bedarf für eine Verlängerung der Straßenbahn im Ludwigshafener Norden. Das derzeitige Bus-Angebot sei vollkommen ausreichend. „Ich sehe keinerlei Notwendigkeit, hier eine Straßenbahn zu bauen. Außerhalb des Schülerbusverkehrs sehe ich in den Bussen immer nur eine Handvoll Leute“, sagt Klaus-Martin Rautenberg. Der 69-jährige Rentner wohnt in Edigheim. Er stammt aus Dortmund, den Zungenschlag aus dem „Pott“ hat er noch. Rautenberg wohnt in der Mühlaustraße und befürchtet, dass durch den Gleisbau der Behindertenparkplatz vor seinem Haus wegfallen könnte.
In Edigheim wohnt auch Anja Frech. „Wenn die Busse bei uns vorbeifahren, wackeln jetzt schon die Häuser“, sagt die 44-jährige Alltagsbegleiterin in einem Seniorenheim. „Frech wie Lieb“, stellt sie sich vor. Sie befürchtet Risse in ihrem Haus, wenn alle zehn Minuten eine tonnenschwere Straßenbahn vorbeirollt. Zudem würden viele Parkplätze wegfallen. Diese Befürchtungen erinnern stark an einen Straßenausbau im Mannheimer Norden vor mehr als zehn Jahren. Anja Frech wohnt in der Uhlandstraße, direkt gegenüber der Einmündung in die Mühlaustraße, wo jeden Morgen zig Schüler auf dem Weg zum Humboldt-Gymnasium und zur Gesamtschule unterwegs sind. Hunderte Jugendliche seien mit dem Rad unterwegs und müssten einen Gleiskörper queren – mit Straßenbahnen steige das Unfallrisiko. Ein belebter Spielplatz und eine große Grünfläche würden im Falle eines Trambaus zudem wegfallen. Die 44-Jährige hat die ganze Uhlandstraße abgeklappert, überall geklingelt, um über die Pfalztram und den Protest dagegen zu informieren. Praktischer Nebeneffekt: Als Zugezogene hat sie so ihre Nachbarschaft kennengelernt.
„Den Großteil der Unterschriften hat Anja gesammelt“, sagt Andrea Scholze, die mit ihrem Mann Uwe im Oppauer Ostring wohnt. „Wir sind aus der Stadt raus nach Oppau gezogen – gerade wegen des dörflichen Charakters. Wir befürchten einen Verlust an Lebensqualität und jahrelange Baustellen“, sagt die 56-jährige selbstständige Event-Managerin. Sie glaubt, dass die RNV das Projekt Pfalztram auf Biegen und Brechen durchziehen wolle, egal, ob das Sinn ergebe. Die RNV sagt das Gegenteil.
Zwei Vereinsheime betroffen
Besonders betroffen von einer Trasse zwischen Oppau und Edigheim entlang des BASF-Gleises wären zwei Vereine: der Liederkranz 1843 Oppau und die Heartliner, ein Musikensemble. Beide Vereinsheime liegen genau auf der freigehaltenen Trasse am Bahnübergang zwischen den beiden Ortsteilen. Die Straßenbahn würde dort genau über der Ferngasleitung fahren. Die Vereine waren schon wegen der Gasexplosion 2014 in eine existenzbedrohende Situation geraten. Das Heartliner-Gebäude wurde schwer beschädigt, das Liederkranz-Heim vollkommen zerstört. Die Sorge ist nun groß, dass die Vereinsheime der Pfalztram weichen müssen.
„Ich habe hier jeden Nagel eingeschlagen“, sagt Klaus Müller. Der 67-Jährige ist seit zwei Jahren Rentner und Vorsitzender des Liederkranzes, der etwas mehr als 100 Mitglieder hat. Das Gelände am Bahnübergang ist gepflegt, nichts erinnert mehr an die Gasexplosion. „Wir starten im Mai mit Leseabenden von Autoren in unserem Vereinsheim. Wir wollen hier ein kleines Kulturzentrum schaffen. Das würde alles durch die Pfalztram kaputtgemacht“, sagt Müller. Es gebe doch auch andere Möglichkeiten, den ÖPNV auszubauen, mit mehr E-Bussen sowie Shuttle-Transportern, die man bei Bedarf buchen könnte. „Darüber wird nicht gesprochen. Das bringt mich auf die Palme“, sagt Müller. Sein Sohn wohnt in Edigheim und wäre möglicherweise auch vom Ausbau der Gleise betroffen. „Er hat schon gesagt: Dann ziehe ich hier weg“, sagt Müller.
„Wir sehen uns als Aufklärer“
Als Bürgerinitiative mit offizieller Gründung sehen sich die Aktivisten bisher nicht. „Wir sehen uns eher als Interessengemeinschaft, als Aufklärer. Wir wollen zum Nachdenken anregen“, sagen Uwe und Andrea Scholze. „Ich mach’s, weil sonst nichts passieren würde“, sagt Frech. Sie würde es bereuen, nichts gegen die Pfalztram unternommen zu haben. „Wir wollen nicht abwarten, bis die Vorplanung fertig ist, sonst ist es zu spät.“ Viele Leute in den nördlichen Stadtteilen hätten keine Ahnung, dass es das Pfalztram-Projekt gibt. Bei der ersten Bürgerinformation der RNV gab es neben viel Kritik auch Bürger, die einen Ausbau begrüßen würden. Was ist mit denen? „Natürlich sind wir als Anwohner an der Trasse in erster Linie betroffen. Viele Leute werden wohl erst aufwachen, wenn es ein Verkehrschaos oder finanzielle Auswirkungen für sie geben würde“, sagt Andrea Scholze.
Der Zufall hat die Pfalztram-Gegner zusammengeführt. Sie kannten sich vorher nicht. Als Zuschauer einer Ortsbeiratssitzung wurden erste Kontakte geknüpft. Mittlerweile trifft sich der harte Kern regelmäßig. Flyer wurden gedruckt und verteilt. Eine Internet-Petition wurde ins Leben gerufen. Das Quorum von 1700 Unterschriften dürfte bald erreicht sein. Dann muss sich der Stadtrat damit befassen. Der Ortsbeirat Oppau ist einer Einladung zu einem Ortstermin gefolgt. Auch der Stadtrat soll sich nach dem Willen der Gruppe kritisch mit dem Projekt Pfalztram auseinandersetzen. „Wir wollen die Politik zur Vernunft bringen“, sagen die Aktivisten.
Kostenschätzung 100 Millionen Euro
Ganz alleine stehen die zehn Pfalztram-Gegner nicht. Es dürfte bei der Bevölkerung in den nördlichen Stadtteilen einige Unterstützung geben, wie die Petition zeigt. Laut einer Veröffentlichung der Stadt sind zudem in Oppau knapp 80 Prozent der Bürger mit dem derzeitigen ÖPNV-Angebot zufrieden, in Edigheim sind es rund 79 Prozent und in der Pfingstweide 87 Prozent. Es gibt daher auch Politiker, die sich fragen, ob die Kosten für eine Straßenbahn in Relation zum Nutzen stehen – in einer ersten Schätzung ist von etwa 100 Millionen Euro für den Ausbau im Norden die Rede. Auch die technische Umsetzbarkeit sorgt für Fragezeichen – denn über das BASF-Bahngleis müsste eine große Brücke für die Pfalztram gebaut werden. Nicht nur die Gegner befürchten, dass wie beim Ausbau der Linie 10 in Friesenheim die Kosten aus dem Ruder laufen könnten. Es gibt also noch reichlich Gesprächsbedarf in Sachen Pfalztram.
Zur Sache: Die Pfalztram
Bisher fährt die Straßenbahn in Ludwigshafen nur bis zu den Endhaltestellen in Rheingönheim und Oppau. Von dort aus geht es nur noch mit dem Bus weiter. Mit dem Projekt „Pfalztram“ plant die Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft (RNV), die Straßenbahn im Norden und Süden von Ludwigshafen zu verlängern. Im Süden sollen die Gleise von Rheingönheim bis nach Waldsee fortgeführt werden. Im Norden sollen künftig Straßenbahnen durch Oppau, Edigheim und die Pfingstweide fahren. Außerdem soll es eine Verbindung zwischen der City und Dannstadt im Rhein-Pfalz-Kreis geben. Das Gleisnetz soll um insgesamt 25 Kilometer erweitert werden. Eine erste Kostenschätzung beläuft sich auf 400 Millionen Euro.
Zur Sache: Varianten im LU-Norden
Laut RNV sind bisher drei mögliche Trassenvarianten untersucht worden: Eine Variante sieht den Ausbau der Gleise entlang der Umgehungsstraße (K1) zwischen Oppau und Edigheim vor, bis zum sogenannten Rewe-Kreisel in Edigheim. Von dort würde die Strecke unter der B9-Brücke in die Pfingstweide führen und dort über den Brüsseler Ring um das Einkaufszentrum in den Londoner Ring führen. Diese Variante würde am östlichen Rand von Oppau und Edigheim vorbeiführen – und nicht mitten durch Edigheim. Vorteil: Der Ausbau ließe sich technisch einfacher realisieren, die Strecke wäre kürzer und beträfe weniger Anwohner. Nachteil: Bei dieser Variante dürften laut RNV die geringsten Fahrgastzuwächse zu erwarten sein. Eine andere Variante sieht vor, dass die Straßenbahnen von der Endhaltestelle ein Stück entlang des Ostrings fahren und dann in Höhe des BASF-Gütergleises zwischen Oppau und Edigheim nach Westen abbiegen würden. Dort ist eine Trasse seit vielen Jahren dafür freigehalten worden. Die Route würde in Höhe des Edigheimer Neubaugebiets Wolfsgrube durch die Uhlandstraße führen und über den Ostringplatz dann weiter in die Pfingstweide. Vorteil: Bei dieser Trassenführung rechnet die RNV mit den meisten Fahrgastzahlen, weil die Tram mitten durch Wohngebiete in Edigheim führen würde. Nachteil: Diese Route hätte die größten Auswirkungen auf die Infrastruktur und die Anwohner. Die dritte Variante sieht vor, dass die Gleise in Höhe der Wolfsgrube nicht mitten durch Edigheim führen, sondern am westlichen Ortsrand an der Rückseite der Schulen entlang über freies Feld unter einer anderen B9-Unterführung an den westlichen Ortsrand der Pfingstweide und von dort in den Londoner Ring. Vorteil: Die Eingriffe in die Infrastruktur wären geringer. Nachteil: Die Strecke wäre am längsten und auch hier sei mit geringeren Fahrgastzahlen zu rechnen im Vergleich zu einer Trasse, die mitten durch den Ort führt.