Stadtteilspaziergang: Rheingönheim
Stillstand im Süden
Lächelnd steigt Wilhelm Wißmann aus seinem Auto aus, das er vor dem Gemeindehaus in der Hauptstraße gegenüber der Apotheke geparkt hat. Zum Stadtteilspaziergang am Anfang eines neuen Jahres trifft sich der Ortsvorsteher mit der Autorin dieser Zeilen jetzt schon seit einigen Jahren stets in der Zeit des Jahreswechsels. Die Begegnung und das Gespräch über wichtige Themen in Rheingönheim sind ein schönes Ritual geworden.
Zu lachen gibt es indes gerade nicht viel in dem Dorf mit rund 8200 Einwohnern an der Landkreisgrenze. Denn die diversen wichtigen Projekte, über die der 76-Jährige bereits Anfang Januar 2022 berichtet hatte, sind überwiegend Pläne auf dem Papier geblieben. Wißmann hat auch wenig Hoffnung, dass sie 2023 umgesetzt werden. Denn wegen des Defizits von knapp 100 Millionen Euro im Ludwigshafener Haushaltsentwurf werde wohl der Rotstift im neuen Jahr die Regie übernehmen, befürchtet er. Auch in Rheingönheim.
Viele Geschäfte geschlossen
Hinzu kommt, dass gerade erst wieder zwei Läden in der Ortsmitte geschlossen wurden: Mit dem linken Arm holt Wißmann weit aus und weist in Richtung Gartenstadt: „Hier in der Hauptstraße ist jetzt fast alles leer“, stellt er fest, „von der Kreuzung bis zum Hofladen“. Dass die VR-Bank ihre Filiale in Rheingönheim aufgegeben habe, sei für viele ältere Bürger ein großer Verlust, zumal es fortan dort nicht mal mehr einen Geldautomaten gebe. Einige Kunden seien daher zu anderen Geldinstituten gewechselt. Der Getränkevertrieb sei schon seit Oktober zu.
Und auch in Richtung Innenstadt sehe es nicht besser aus, befindet Wißmann, nachdem es die Bäcker-Görtz-Filiale bereits seit 2021 nicht mehr gebe und nun auch noch kurz vor Weihnachten die beliebte Gaststätte „Zum Hirsch“ aus Altersgründen der Betreiber geschlossen worden sei. Der Christdemokrat hofft, dass sich vielleicht ein Investor für die ehemalige Weizenbierbrauerei findet. Denn die Immobilie habe Potenzial für Gastronomie und ein Wohnprojekt, ist der Ortschef überzeugt.
2,4 Millionen Euro für TV-Gelände
Der einstmals lebendige Dorfmittelpunkt mit mehreren kleinen Läden für die Grundversorgung ist Geschichte in Rheingönheim. Die geplante Sanierung des denkmalgeschützten Gemeindehauses, das durchaus ein Schmuckstück werden könnte, wird immer wieder verschoben. Vor einem Jahr verkündete die Verwaltung, dass im Frühjahr 2022 zunächst der Keller in Angriff genommen werden soll. Danach sollten die Dach- und Fassadensanierung auf dem Programm stehen. „Ich bin gespannt, in welchem Frühjahr das passiert“, meinte Wißmann dazu schon beim Spaziergang 2022 trocken. Denn eine Jahreszahl sei nicht genannt worden. Damit lag er leider richtig.
Auch auf dem TV-Gelände ein paar Schritte entfernt ist noch alles beim Alten. Obwohl der Sportverein und der Ortsbeirat sich dort eine Bebauung wünschen. „Mit der Vermarktung der Flächen könnten wir viel Geld verdienen“, sagt Wilhelm Wißmann. Er rechnet mit 2,4 Millionen Euro, für die Grundstücke interessieren sich mehrere Investoren. „Aber es geht einfach nichts voran.“
Mozartschule: Kiosk abgerissen
Die Flächen gehören teils dem Verein, teils der Stadt. Der TV Rheingönheim würde gern einen Teil seines Geländes an den Discounter Aldi verkaufen und mit dem Geld die verbleibenden Sportanlagen modernisieren. Denn Aldi will auf absehbare Zeit die Filiale in der „Mörschgewanne“ schließen und eine größere in der Dorfmitte bauen. Die TV-Mitglieder hatten diesem Vorhaben im Herbst 2021 mit großer Mehrheit zugestimmt. Der Ortsbeirat sprach sich dagegen im vergangenen November dafür aus, dass auf dem TV-Gelände ein Nahversorger – möglichst kein Discounter, sondern ein Vollsortimenter – angesiedelt werden soll. Außerdem sollen auf dem Areal neue Wohnungen und eine Tagespflegeeinrichtung entstehen. Nun ist zunächst wieder die Ludwigshafener Stadtverwaltung am Zug.
Wenigstens an der Grundschule in der Hilgundstraße gebe es Bewegung, erklärt der Ortsvorsteher. Der alte Kiosk auf dem Schulhof ist verschwunden. Noch im Januar soll dort die Bodenplatte für die Mietcontainer entstehen, die dann hoffentlich ab dem kommenden Schuljahr die dramatischen Raumprobleme entschärfen, mit denen die Mozartschule seit Jahren zu kämpfen hat. Denn die Schülerzahlen steigen.
Warten auf neue Räume
Eigentlich sollten die neuen Raummodule bis nach den vergangenen Sommerferien im Schulhof stehen, um eine zusätzliche Klasse unterbringen zu können. Aber daraus wurde nichts. Denn die einzige Firma, die ein Angebot abgegeben hatte, gab den Auftrag zurück, weil sie die ausgeschriebenen Leistungen nicht erfüllen konnte. Die Ausschreibung musste daher aufgehoben und dann das Vorhaben erneut beschränkt ausgeschrieben werden, hatte die Verwaltung berichtet. Im November hatte Wißmann den Ortsbeirat schließlich darüber informiert, dass die neuen Räume voraussichtlich erst im September 2023 angeliefert und im Schulhof der Grundschule aufgestellt werden könnten. Die ursprünglich veranschlagten Kosten von 2,1 Millionen Euro steigen demnach um 800.000 Euro.
Die schwierigen Zeiten halten Wilhelm Wißmann unterdessen nicht davon ab, sich mit viel Herzblut für seinen Stadtteil zu engagieren. Bei der Kommunalwahl 2024 will er seinen Hut noch mal in den Ring werfen. „Joe Biden ist auch mit 78 Jahren zum Präsidenten gewählt worden“, sagt der Familienvater und Unternehmer im Ruhestand, der seit 2017 im Amt ist, zuversichtlich. In seiner Familie seien alle bei guter Gesundheit über 80 Jahre alt geworden. „Ich hoffe, dass ich das auch packe.“
Termin
Neujahrsempfang des Ortsvorstehers am Freitag, 6. Januar, 18 Uhr, in der Halle des Turnvereins Rheingönheim 1878, Bürgermeister-Horlacher-Straße 8-8a.