Leute in Lu RHEINPFALZ Plus Artikel Der „Hirsch“ ist seit fast 200 Jahren im Familienbesitz

Gastronomen aus Überzeugung: Heiner und Anneliese Bohr.
Gastronomen aus Überzeugung: Heiner und Anneliese Bohr.

Anneliese und Heiner Bohr führen das Gasthaus „Zum Hirsch“ in Rheingönheim. Seit Generationen ist die Dorfwirtschaft in Familienhand. Legendär sind das Ambiente und die Schnitzel. Das Wirtspaar will noch lange weitermachen.

Nicht der „Maffenbeier“ im Hemshof, sondern das Gasthaus „Zum Hirsch“ in Rheingönheim sei die älteste Wirtschaft in Ludwigshafen, ist sich Rheingönheims Ortsvorsteher Wilhelm Wissmann sicher. Auslöser für die Aussage war eine Meldung zu diesem Thema, die vor einiger Zeit die Runde machte. Für die Annahme des Ortsvorstehers spricht einiges, wie ein „Lokalbesuch“ ergeben hat. Die Ursprünge des Gasthauses an der zentralen Straßenkreuzung im Ort reichen bis ins Jahr 1834 zurück. Immer noch seit vielen Generationen ist das Gasthaus im Familienbesitz.

Laut einer 2011 veröffentlichten Ortschronik von Neuhofen war der Neuhofer Johann Peter Riedel ins benachbarte Rheingönheim gezogen, hatte dort die junge Anna Maria Klamm kennengelernt und im April 1834 geheiratet. Das junge Ehepaar übernahm dort die Wirtschaft „Zum Hirsch“ mit angebautem Krämerladen in der Hauptstraße, schildert die Chronik. Dass die Wirtschaft schon seit vielen Generationen im Familienbesitz ist, bestätigt Anneliese Bohr, die mit ihrem Ehemann Heinrich heute die Gaststätte betreibt, der von den Gästen nur „Heiner“ genannt wird. „Schon mein Ur-Urgroßvater hat die Wirtschaft gehabt“, sagt Anneliese Bohr. Durch Einheiraten hätten die Namen gewechselt. Riedel, Graf, Zickgraf, Bohr sei die Reihenfolge der Namen und Generationen, erzählt sie. Seit Ehemann Heiner nicht mehr in der BASF arbeitet und in Rente ist, hilft auch er im „Hirsch“ kräftig mit. „Seit 2004 machen wir zusammen die Wirtschaft, vorher hat hier meine Mutter gekocht und die Familie hat geholfen“, erzählt die 62-jährige Anneliese.

Vater sang im Chor mit

Im großen Saal im Obergeschoss fanden viele Veranstaltungen statt. Da wurden die Essen hochgetragen. Bis Corona hat in diesem Saal der Männerchor jede Woche geprobt. „Schade, dass es den Männerchor nicht mehr gibt. Das war einfach schön“, schwärmt sie noch heute von den Stimmen. Auch ihr Vater Heinrich Zickgraf habe mitgesungen. Heute sei im Ort nur ein gemischter Chor übrig geblieben, was nicht dasselbe sei, meint sie. Nicht nur den Gesangsvereinen, auch der Gaststätte hat die Pandemie mit ihren Schutzregeln schwer zugesetzt.

„Wir haben insgesamt fast ein Jahr lang zu gehabt“, betont die Wirtin. Erst im Februar 2022 sei wieder geöffnet worden. Es habe zwar etwas Corona-Hilfe vom Staat gegeben. Doch vor allem hätten sie in dieser Zeit von ihren Reserven gelebt, macht Ehemann Heiner klar. Der Besuch sei nur langsam wieder angelaufen. „Viele Stammtische sind weggeblieben“, mussten die Wirtsleute feststellen. Einige der privaten Freundeskreise hätten sich aufgelöst. Auch die zeitweise strengen Corona-Regeln hätten Kunden gekostet. Leute, die sich nicht impfen lassen wollten, durften nach der 2G-Regel nicht mehr hereingelassen werden und hätten darauf beleidigt reagiert. „Dann war teils um 22 Uhr schon Feierabend. Das hat alles am Umsatz gefehlt“, berichtet Heiner.

Treue Stammkunden

Dass sich im Moment alles wieder etwas normalisiert, sei nicht zuletzt den treuen Kunden zu verdanken. „Wir haben 90 Prozent Stammkundschaft“, schätzt der 65-Jährige. Die Gäste kämen nicht nur aus dem eigenen Ort, sondern aus Neuhofen, Oggersheim, Maudach und mit der Straßenbahn auch aus Mannheim. Der Grund: Beim „Hirsch“ handelt es um den Typ einer Pfälzer Dorfgaststätte, die man in dieser ursprünglichen Art kaum noch irgendwo finden kann. Beim Besuch der Gaststätte fühlt man sich vom Interieur und der ganzen Atmosphäre unweigerlich in die Zeit vor 50 Jahren zurückversetzt.

An diesem Donnerstag erscheinen kurz vor der Öffnung um 17 Uhr bereits die ersten Gäste. 20 Minuten später sind bereits etliche der Tische belegt. „Hallo Heiner“, lautet die Begrüßung der meisten Ankommenden. Fast alle kennen sich, so scheint es. Weithin bekannt ist der „Hirsch“ für seine Schnitzel. Es seien die besten der Stadt, meint der Ortsvorsteher. Eher ungewöhnlich werden sie ohne Beilagen nur mit Brot serviert. „Das war bei uns schon immer Tradition. Unsere Kunden wissen das und sind zufrieden“, sagen die Wirtsleute. Was ihnen im Moment Sorgen macht, sind die Engpässe bei Lieferungen, etwa für Pflanzenfett zum Braten. Und die Preise für die Waren sind zwei-, dreimal so hoch wie früher. Senf in kleinen Portionen sei derzeit kaum zu bekommen, auch Mehl sei knapp. Eine Strompreis-Erhöhung sei angekündigt. „Wir müssen deshalb etwas die Preise erhöhen“, sagt Heiner. Trotzdem ist das Wirtspaar zuversichtlich, dass es wieder bergauf geht und schaut nach vorn. Ob in nächster Generation Sohn und Tochter irgendwann die Wirtschaft übernehmen wollten, bleibe abzuwarten. „Wir machen weiter, so lange wir können, und es die Gesundheit zulässt“, sagen Anneliese und Heiner Bohr.

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