Stadtteilspaziergang (3)
Streit über Sportplatz-Gelände in Rheingönheim
Wilhelm Wißmann ist sehr gern unter Leuten. Dass der traditionelle Neujahrsempfang in diesem Jahr schon wieder coronabedingt abgesagt wurde, gefällt dem 75-jährigen Vereinsmenschen gar nicht. Deshalb hat er auch einfach trotzdem eine Neujahrsrede verfasst. Die wird er zwar nicht vor Publikum halten, aber darin hat der Christdemokrat einige Themen abgehandelt, die viele der rund 8200 Bewohner in dem südlichen Stadtteil umtreiben. Das gefaltete Manuskript drückt er der Reporterin beim Neujahrsspaziergang durchs Dorf in die Hand.
Als erstes Ziel steuert Wißmann das Gelände des Turnvereins am Hohen Weg an, gegenüber der Straßenbahnendhaltestelle und zweier Einkaufsmärkte. „Das hier ist gerade unser großes Sorgenkind“, sagt Wißmann und runzelt nachdenklich die Stirn. Denn die Pläne für einen Aldi-Neubau auf dem Sportgelände sorgen schon seit Monaten für kontroverse Diskussionen.
Neuer Multisport-Court
Der TV Rheingönheim würde gern einen Teil seines Vereinsgrundstücks an den Discounter verkaufen und mit dem Geld die Sportanlagen modernisieren. Aldi will Wißmann zufolge auf absehbare Zeit die Filiale in der „Mörschgewanne“ schließen und eine größere in der Dorfmitte bauen.
Die TV-Mitglieder haben diesem Vorhaben im Herbst mit großer Mehrheit zugestimmt. „Der Verkauf stellt eine große Chance für den 1878 gegründeten Verein dar, denn der direkt an die vereinseigene Turnhalle angrenzende Sportplatz lädt seit Jahren leider weniger zum Sport ein“, sagen die Verantwortlichen. In den nächsten Jahren sollte daher das verbliebene Gelände modernisiert werden. Zentraler Bestandteil soll ein Multisport-Court werden.
Auch Wohnbebauung denkbar
Nicht nur im Ortsbeirat kritisierten jedoch SPD und FDP diese Pläne und forderten mehr Transparenz und Beteiligung. Denn es gehe auch um städtische Flächen und die Dorfentwicklung. Denkbar wären auf dem attraktiven Areal nach Ansicht von Sozialdemokraten und Liberalen auch Wohnbebauung oder zum Beispiel eine Tagespflege-Einrichtung. Ein weiterer Supermarkt würde die angespannte Verkehrssituation in der Dorfmitte zusätzlich verschärfen, meinen die Gegner der Aldi-Pläne.
Durch die Vermittlung von Ortsvorsteher Wißmann hatte es bereits Anfang des Vorjahres Gespräche des Vereins mit Aldi-Vertretern gegeben. Diese hätten den Sportlern ein interessantes Angebot gemacht, hieß es damals. Mittlerweile liegen Wißmann zufolge auch diverse notwendige Gutachten auf dem Tisch. Allerdings habe sich nun ein weiterer Investor um den Kauf der städtischen Grundstücke beworben, berichtet Wißmann über den Stand der Dinge. Damit seien die Karten neu gemischt worden. Nun liege die Sache bei der Wirtschaftsentwicklungsgesellschaft.
Sanierung in der Warteschleife
Themenwechsel: Ein anderes Projekt sollte eigentlich schon im vergangenen Frühjahr starten, aber passiert ist noch immer nichts: die Sanierung des Gemeindehauses, das unter Denkmalschutz steht. Jetzt heißt es erneut aus dem Rathaus, dass im Frühjahr zunächst der Keller in Angriff genommen werden soll. Danach stehen die Dach- und Fassadensanierung auf dem Programm. „Ich bin gespannt, in welchem Frühjahr das passiert“, meint Wißmann trocken. Denn eine Jahreszahl sei nicht genannt worden.
Vom Gemeindehaus spaziert der Ortsvorsteher mit seinem Gast durch die Haupt- in die Hilgundstraße. So wie in den Vorjahren einige andere Geschäfte, hat auch die Bäckerei Görtz ihre Filiale geschlossen. Die Zentrale des Unternehmens mit großem Verkaufsraum befindet sich nur rund einen Kilometer entfernt am Ortseingang.
Ärger wegen Elterntaxis
In der Hilgundstraße spricht ein Anwohner mit Hund den Ortsvorsteher an und fragt nach, wann die zugeparkte und sanierungsbedürftige Straße endlich als Einbahnstraße ausgewiesen werde. „Die Richtung ist mir egal“, bekräftigt der Mann, „Hauptsache es wird etwas gegen das Chaos unternommen.“ Er meint damit, dass die Anwohner keine Chance haben, hier durchzukommen, wenn zweimal täglich die unzähligen Elterntaxis in Richtung Mozartschule unterwegs sind.
Auch über dieses Thema wird seit Jahren viel diskutiert. Über zahlreiche junge Familien mit Kindern freuen sich alle im Dorf. Aber die alte Grundschule ist diesem Boom längst nicht mehr gewachsen. Ganz abgesehen davon, dass sie heutigen Anforderungen wie etliche Schulen in der Stadt nicht mehr genügt.
Container statt Schulneubau
Daher haben sich die Ortsbeiräte oft die Köpfe darüber zerbrochen, wie die Schule erweitert werden könnte oder wo im Stadtteil ein Schulneubau möglich wäre, fasst Wißmann zusammen. Ein 6400 Quadratmeter großes Grundstück für eine neue Schule sei im Baugebiet „Neubruch“ immer noch frei. Aber weil die Stadt kein Geld hat und die Aufsichtsbehörde nur das Allernötigste genehmigt, läuft es nun darauf hinaus, dass im Schulhof der Mozartschule mehrere Mietcontainer aufgestellt werden. Dafür soll das alte bunte Kassenhaus aus dem Wildpark abgebaut werden.
In seiner schriftlichen Neujahrsrede appelliert Wißmann an die Rheingönheimer: „Helfen Sie mit, dass wir keine Zustände wie beispielsweise im Hemshof bekommen.“ Er meint damit vor allem die wilden Müllablagerungen, die auch im Süden an einigen Stellen immer wieder zu beobachten sind. Wem etwas auffällt, der könne sich gern an den Ortsvorsteher oder die Ortsbeiräte wenden, sagt der tatkräftige 75-Jährige.