Ludwigshafen
Oggersheimer Bunker wird versteigert
Sechs Zimmer, fünf Etagen plus Keller, 256 Quadratmeter, Walmdach mit Ziegeleindeckung. Klingt groß und geräumig. Doch es ist kein normales Haus in der Oggersheimer Prälat-Caire-Straße, das bald versteigert wird. Es ist ein ehemaliger Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, direkt am Oggersheimer Bahnhof gelegen, der am 25. Juni beim Berliner Auktionshaus Karhausen unter den Hammer kommt. Er gehört der Deutschen Bahn, die diese ungewöhnliche Immobilie veräußern möchte, weil sie nicht mehr gebraucht wird. Sie sei mal an einen Verein vermietet gewesen, heißt es von einer Bahn-Sprecherin, die aber keine weiteren Angaben zur Nutzung macht. „Stahlbeton“, „Außenwände und obere Geschossdecke bis zu zwei Meter dick“, heißt es weiter in der Anzeige.
Es ist nicht der erste Ludwigshafener Bunker, der versteigert wird. Zuletzt wechselte im Juni 2019 der ehemalige Hochbunker an der Bismarckstraße den Besitzer – ebenfalls über das Auktionshaus Karhausen. Damals gab es nur ein einziges Gebot und das Bauwerk ging für einen Schnäppchenpreis von 29.100 Euro über den Tisch. Was der Käufer mit dem Bunker, der hinter einem Häuserblock in der Innenstadt liegt, gemacht hat, ist nicht bekannt.
Viele Interessenten
Für das Oggersheimer Objekt rechnet Auktionator Matthias Knake, Vorstand der Auktionshaus Karhausen AG, mit deutlich mehr Geboten. Bereits zwei Tage nachdem die Infos zur Versteigerung online waren, habe es 35 Anfragen gegeben. „Das könnte Richtung 100 gehen“, zeigt sich Knake optimistisch. Mit rund 256 Quadratmetern Nutzfläche sei der Bunker „relativ überschaubar“, was – so vermutet Knake – auch zum großen Interesse beiträgt. Ebenso die günstige Lage am Bahnhof. Der Startpreis liegt bei 17.500 Euro. „Der kann für 25.000 weggehen, aber auch für 100.000 Euro“, spricht Knake aus Erfahrung. Geboten werden kann am 25. Juni schriftlich, telefonisch, per Online-Auktion oder – zum ersten Mal seit Corona – vermutlich auch wieder persönlich bei der öffentlichen Auktion vor Ort in Berlin.
Spezialimmobilien zu versteigern, ist ein Markenzeichen der Karhausen AG. Angebote der Bahn sind häufig darunter, alleine in der kommenden Auktion fünf Stück: etwa ein Teil eines ehemaligen Bahnbetriebswerks in Zweibrücken. Auch eine Eisenbahnbrücke und verschiedene Bahnhofsgebäude habe man schon an den Mann gebracht, berichtet Knake. Wer eine solche Immobilie kauft, muss dabei die „besonderen Bedingungen der Deutschen Bahn AG“ berücksichtigen. Bedeutet: Der neue Besitzer muss den Lärm des Bahnbetriebs akzeptieren und darf sich nicht plötzlich darüber beschweren, dass Züge vorbeifahren. Laut Knake können dazu je nach Objekt auch bestimmte Wegerechte gehören. Und: Er muss die Immobilie so nehmen, wie sie ist. Was in diesem Fall laut Beschreibung im Auktionskatalog heißt: mit „Feuchtigkeitsschäden, Salpeterausblühungen, Verunreinigungen und tierischem Befall, sanierungsbedürftiger Zustand“.
Aber wer kauft überhaupt einen Bunker – und wofür? Da gebe es „ein wahnsinnig weites Spektrum“, sagt Knake. Die Kunden seien da sehr kreativ. Als Beispiele nennt er Lagerabteile zum Vermieten, Proberäume, Wohnungen, ein Erlebnisturm.
Einer, der sich naturgemäß besonders für Bunker interessiert, ist der Verein Arbeitskreis Bunkermuseum Ludwigshafen. Schließlich ist es schon lange der Traum der dort Engagierten, Ludwigshafener Bunker wieder für alle begehbar zu machen und im nächsten Schritt vielleicht sogar ein Museum in einem der Bauwerke zu entwickeln. Dass das aber nicht so einfach ist, erfährt Klaus Jürgen Becker, Mitbegründer des Vereins, seit Jahren. In Ludwigshafen gebe es für Bunker nur eine Genehmigung zur Nutzung als Lager. Wer etwas anderes damit machen wolle, müsse strenge Auflagen, etwa zur Sicherheit, erfüllen. Und schon mit Notausgängen fängt das Problem bei den massiven Bunkerbauten an.
Bunkerlandschaft erhalten
Dass immer wieder Bunker den Besitzer wechseln und das Oggersheimer Exemplar nun zur Auktion steht, stört den Historiker nicht. „Entscheidend ist, dass die Bunkerlandschaft in Ludwigshafen erhalten wird“, sagt Becker, der auch stellvertretender Leiter des Stadtarchivs ist. Schlimm wäre aus seiner Sicht ein Abriss – der bei einem Bunker aber entsprechend aufwendig, teuer und daher unwahrscheinlich ist.
Der Bahnhofsbunker ist laut Becker der einzige Hochbunker in Oggersheim. Er bot den Bahnarbeitern und Reisenden während des Zweiten Weltkriegs Schutz bei Luftangriffen, ebenso der umliegenden Bevölkerung. Errichtet wurde er in der zweiten Bauwelle. In der ersten, 1940 und 1941, seien vor allem Bunker zunächst zum reinen Wohnzweck errichtet worden, wie etwa der in der Valentin-Bauer-Straße in West, sagt Becker. In der zweiten Welle, 1942, wurde dann gebaut, um Schutz bei Angriffen zu bieten. Nach 1942 folgte eine dritte Bauwelle.
46 Bunker gibt es noch in Ludwigshafen. Viele wurden umgenutzt, wie etwa der in der Karl-Müller-Straße im Hemshof, den die BASF in moderner Bauweise aufgestockt hat und zum firmeneigenen „Creation Center“ machte. Oder der in der Rollesstraße, der zum Veranstaltungsort und „Kulturm“ wurde. Dass man prinzipiell „tolle Sachen“ mit einem Bunker machen könnte, davon ist auch Klaus Jürgen Becker überzeugt. Allerdings brauche man dazu viel Geld – womit sich seiner Ansicht nach viele verschätzen. Was aus dem Oggersheimer Bunker wird, wird sich vielleicht bald zeigen. Frühestens am 25. Juni.