Ludwigshafen
Düster und bedrückend: Besuch in einem Ludwigshafener Bunker
Der Efeu-Bewuchs, Grün auf Grau, lässt ihn fast verschwinden, den Beton-Block in der Valentin-Bauer-Straße. Unauffällig gelegen, in Nachbarschaft eines Briefkastens und einer Bushaltestelle steht der da, der Bunker. Männer mit Bierflaschen treffen sich auf den Stufen davor. Passanten laufen täglich achtlos an ihm vorbei. Wir heute nicht. Klaus Jürgen Becker hat einen Schlüssel dabei und öffnet der Redakteurin und dem Fotografen die Tür. Becker ist stellvertretender Leiter des Stadtarchivs und Mitgründer des Vereins Arbeitskreis Bunkermuseum Ludwigshafen. Regelmäßig hat er am Tag des offenen Denkmals im September Gruppen durch den Valentin-Bauer-Bunker geführt. Die Nachfrage sei immer groß gewesen, berichtet der 57-Jährige. Doch dieses Jahr ist Corona, und deshalb fällt das Programm zum Denkmal-Tag aus.
Wir besuchen den Bunker trotzdem, der sich laut Becker in „einem Top-Zustand“ befindet und noch so aussieht, „wie er 1945 verlassen wurde“. Drinnen wirkt es dunkel. Und das, obwohl es hier Licht gibt: inzwischen speziell für Rundgänge neu installiert, aber auch schon zu Kriegszeiten dank der Elektrik, an die alte Leitungen noch erinnern. Während es im Flur beim Sprechen hallt, schlucken die einzelnen Räume, kaum hat man sie betreten, die Umgebungsgeräusche. Das ist bedrückend. Zu dritt wirkt es in einem solchen Raum noch nicht besonders eng. Wer aber daran denkt, dass hier jeweils acht Leute dauerhaft – ohne Fenster und Tageslicht – gewohnt haben und bei Bombenangriffen gar mehrere Hundert in den gesamten Bunker flüchteten, dem wird anders zumute.
1941 gebaut
„Baujahr 1941“ steht auf einem Teil der Belüftungsanlage im Erdgeschoss. Klaus Jürgen Becker erklärt, dass der Bunker zum Luftschutz-Sofortprogramm im Jahr 1940 gehörte. Damals beschlossen die Nazis, dass in zahlreichen sogenannten kriegsrelevanten Städten Bunker benötigt werden. Dass der im Stadtteil West sorgfältig geplant und nicht – wie so viele andere später – hektisch inmitten der Kriegswirren hochgezogen wurde, sieht man laut dem Archivar an gleich mehreren Details. Die Böden in den Räumen sind gekachelt, die Wände waren früher farbig gestrichen. Ein bisschen „Mindestwohngefühl“ in einer grausamen Zeit. Auch von außen ist der Bunker verziert, hatte früher ein Dach und sollte in seiner Optik an einen Stadtmauerturm erinnern.
Erst reiner Wohnbunker
Einen eigenen Raum gab es für den Bunkerwart, der kontrollierte, wer reindurfte und wer nicht. Denn, so erklärt es Becker, der Betonbau in West war anfangs als reiner Wohnbunker gedacht, „für Menschen aus dem Viertel, die ausgebombt waren, aber als wichtig galten“. 250 Personen sollten so in dem fünfstöckigen Gebäude plus Keller unterkommen. Doch in den späteren Kriegsjahren waren hier „mindestens doppelt so viele drin“, sagt Becker. Nicht als dauerhafte Bewohner, aber immer dann, wenn es einen Luftangriff gab. Denn dann wurden die Bunker für alle geöffnet. Die Menschen rannten hierher. „Sie wussten, hier kommen sie lebendig wieder raus“, sagt Becker.
Zeitzeugen gibt es leider immer weniger. Und für jemanden, der den Krieg nicht miterlebt hat, ist es unvorstellbar, was sich hier abgespielt haben muss. Dicht an dicht müssen die Ludwigshafener hier über Stunden ausgeharrt haben. „Sie sehen genau, wo die Menschen standen“, sagt Becker und zeigt ins Treppenhaus. Bis auf Körperhöhe hinauf zeigt sich auf den sonst hellen Wänden dunkler Abrieb. Auch das Holzgeländer an der Treppe ist noch original. Wie viele Hände es schon flüchtig angefasst oder in Angst fest umklammert haben mögen? Becker berichtet von einem Zeitzeugen, der ihm noch vor wenigen Jahren bei einem Rundgang erzählte, dass er sich hier auch heute noch am sichersten fühlt. Kinder hätten zum Kriegsende hin nur noch um den Bunker herum gespielt, um hineinflüchten zu können.
Im Bunker geboren
Die Räume sind noch originalbeschriftet: in braun-gräulichen Buchstaben auf Betonuntergrund. Mal mit Nummern, mal mit Funktionen. Am Ende des Flurs geht es rechts zum „Abort“, wie Beschriftung und ein Pfeil verraten. Drei von den ursprünglich vier Waschbecken sind noch erhalten, ebenso die zwei Toiletten. Gegenüber betreten wir im schummrigen Licht eine weitere Besonderheit: den Entbindungsraum. Ihm seien zwei Personen bekannt, die hier geboren wurden, sagt Becker. Womöglich gab es noch mehr.
Auch die Lüftungsanlage im Bunker ist bis heute erhalten. Gerne würde er die Technik in einem der oberen Stockwerke zeigen, aber: „Wir dürfen nur im Erdgeschoss führen.“ Etwas, das Becker gerne ändern würde. Er möchte den Bunker mit seinem Verein regelmäßig öffnen, auch andere Etagen zugänglich machen. Doch dafür fehlen die vorgeschriebenen Notausgänge, die trotz Denkmalschutz erst angebracht werden müssten. Eine Umbaumaßnahme bei der er auf die Stadt hofft.
46 Bunker gibt es noch in Ludwigshafen. Viele wurden inzwischen umgebaut und umgenutzt. Nur wenige sind in einem so guten Zustand wie der Valentin-Bauer-Bunker. Wichtig waren sie alle. „Niemand in Ludwigshafen ist in einem Bunker gestorben“, sagt Klaus Jürgen Becker und betont dann noch: „Die Bunker hat man damals nicht gebaut, weil man gut zu den Menschen sein wollte, sondern damit kriegswichtige Personen überleben.“ Wir treten wieder ans Tageslicht, lassen meterdicke Betonmauern hinter uns. Das Sonnenlicht wirkt grell, blendet. Die Alltagsgeräusche sind wieder da.