Mannheim
Midcareer Award: Künstler Michael Volkmer will Preisgeld nicht
Marcel Reich-Ranicki hat in seinem Leben viele sehr kluge Sätze gesagt und geschrieben. Aber wenn man an den großen Literaturkritiker zurückdenkt, dann fallen einem doch als erstes die Worte ein, die er sprach, als er am Samstag, 11. Oktober 2008, mit dem Deutschen Fernsehpreis für sein Lebenswerk geehrt werden sollte: „Ich nehme diesen Preis nicht an.“
Seinen eigenen Reich-Ranicki-Moment hatte Michael Volkmer für Freitag, 19. September 2025, geplant. So ähnlich zumindest. Den Preis, den „Mannheimer Midcareer Award“ – den wollte er schon entgegennehmen. Aber die mit diesem Preis verbundenen 10.000 Euro, die er neben einer Ausstellung in der im städtischen Auftrag betriebenen Galerie Port 25 im Jungbusch bekommt: Die wollte er nicht annehmen beziehungsweise weiterreichen und bei der Preisverleihung erklären, warum. Allerdings ist Volkmer dann noch einmal in sich gegangen und hat beschlossen, seine Bedenken im Vorfeld kundzutun. Damit fing der Ärger an.
„Hinterfragt das vermeintlich Gesicherte“
Der „Mannheimer Midcareer Award“ ist eine neue Auszeichnung für Kunstschaffende über 40 Jahren. Michael Volkmer, 59, ist einer der renommiertesten Künstler der Region. Er ist bekannt für seine Skulpturen und Installationen und für seine Videoarbeiten als Superart.tv mit Eric Carstensen. Geboren in Ludwigshafen und aufgewachsen in Neuhofen, ist er heute in Winnweiler im Donnersbergkreis zu Hause. Er hat im Lauf seiner langen Künstlerlaufbahn schon viele Preise bekommen, etwa 2024 den Pfalzpreis für Bildende Kunst. „Michael Volkmer spielt mit der Beiläufigkeit des Vertrauten und Alltäglichen, hinterfragt das vermeintlich Gesicherte, gibt dem Trash den Anschein des Erhabenen und führt uns so ganz nebenbei die Fragilität unseres Wertesystems vor Augen“, begründet die Stadt Mannheim, warum er den ersten „Midcareer Award für Bildende Kunst“ bekommt.
Vetters Vergangenheit
Was Michael Volkmer neben dem vermeintlich Gesicherten auch hinterfragt, ist die Herkunft des Geldes. Finanziert wird der Midcareer Award von der Heinrich-Vetter-Stiftung. Die nach dem Mannheimer Ehrenbürger und Mäzen Heinrich Vetter (1910-2003) benannte Stiftung fördert viele soziale und kulturelle Projekte. Sie ist unter anderem Geldgeber für den Mannheimer Kunstpreis der Heinrich-Vetter-Stiftung, Austragungsort ist ebenfalls der Port 25.
Grundlage für Vetters Vermögen, das er 1997 in die Stiftung einbrachte, war das elterliche Kaufhaus, dessen Geschäftsführung er 1946 übernommen hatte. Welche Rolle die Kaufmannsfamilie im Nationalsozialismus spielte und wie sie von Arisierungen profitierte – der Verdrängung von jüdischen Mitbürgern aus dem Geschäftsleben –, ist Gegenstand intensiver Diskussionen gewesen. Eine umfangreiche Studie der Uni Mannheim beschäftigt sich mit diesem Thema; die Heinrich-Vetter-Stiftung, die sie mitfinanziert hat, verweist auf ihrer Webseite offensiv darauf.
„Zeitlebens geschwiegen“
Trotz der Aufarbeitung und Dokumentation im Mannheimer Stadtarchiv Marchivum habe er mit dem Namensgeber der Stiftung und der Herkunft des Vetterschen Vermögens persönliche Probleme, sagt Volkmer. Die Aufarbeitung ändere „nichts am Ursprung des Stiftungsvermögens, das unter anderem von den sogenannten Arisierungen jüdisch geführter Betriebe, von der Zulassung zum Verkauf von Uniformen für die SS und die SA und von Vermietungen an NS-Organisationen vermehrt wurde“, heißt es in einer Stellungnahme Volkmers, die der Ludwigshafener Verein Kultur Rhein-Neckar Anfang der Woche verbreitete. „Heinrich Vetter selbst war schon 1933 Mitglied der NSDAP und der SA. Nach 1945 hat er meines Wissens nach zeitlebens zu all dem geschwiegen.“
Nach seiner Ankündigung, das Geld „an kulturbezogene Initiativen sowie demokratiefördernde und völkerverbindende Projekte“ spenden zu wollen, habe ihm eine Kuratorin von Port 25 die sofortige Schließung seiner Ausstellung angedroht. Kim Behm, neben Yvonne Vogel Geschäftsführerin von Port 25, sagt: Die Ausstellung sei zwar am Wochenende für einen Tag geschlossen gewesen, aber aus technischen Gründen. Auch zur Frage, ob Volkmer in besagtem Telefonat als „Schwein“ bezeichnet worden sei oder sein Agieren als „Schweinerei“, gibt es widersprüchliche Angaben. Richtig sei, sagt Kim Behm, dass sie in der gerade gegründeten Akademie der Bildenden Künste Mannheim (ABK), in der sie als Dozentin tätig sein werde, dafür plädiert habe, eine 2500-Euro-Spende von Volkmer zurückzugeben. „Ich halte sie für falsch, weil das Geld moralisch aufgeladen ist“, sagt sie. „Das kann ich Studierenden gegenüber nicht vertreten.“ Welche Institutionen Volkmer noch unterstützen möchte, möchte er nicht sagen.
„Schließung zu keinem Zeitpunkt ein Thema“
Es ist eine erstaunliche Eskalation – zumal sich alle Beteiligten seit langer Zeit kennen und in der überschaubaren Mannheimer Kunstszene bestens vernetzt sind. Die Heinrich-Vetter-Stiftung indes sieht die Angelegenheit gelassen. „Die persönliche Haltung von Herrn Volkmer wird von der Heinrich-Vetter-Stiftung respektiert und die für den kommenden Freitag vorgesehene Preisvergabe nicht in Frage gestellt“, teilt Stiftungsvorstand Peter Frankenberg mit. „Zu keinem Zeitpunkt war eine Schließung der bereits in Port 25 laufenden Ausstellung des Preisträgers ein Thema für die Heinrich-Vetter-Stiftung.“
Ähnlich reagiert die Stadt Mannheim. Die Schließung der Ausstellung sei zu keinem Zeitpunkt ein Thema gewesen, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Die Heinrich-Vetter-Stiftung sei Mitglied im Mannheimer Bündnis für ein Zusammenleben in Vielfalt, was sich auch in ihrer inhaltlichen Ausrichtung widerspiegle: „Die Stadt Mannheim und ihre Einrichtungen arbeiten mit der Heinrich-Vetter-Stiftung zusammen, etwa in Projekten der Erinnerungskultur, des Demokratiediskurs, der kulturellen Vielfalt, der Kunst und im sozialen Bereich.“ Ein Beschluss des Gemeinderats 2013 zum weiteren Umgang mit der Person Vetter basiere auf der Studie der Uni Mannheim, die sich mit seinem Wirken befasst habe. Damals sei unter anderem entschieden worden, „verstärkt historische Bildungs- und Erinnerungsarbeit zu leisten oder darauf hinzuweisen, dass ein Teil des Vermögens aus Arisierung stammt“.