Ludwigshafen
Die Stimmung einer Stadt: Der neue „Lutopia“-Film von superart.tv
Alles war früher bestimmt nicht besser, eines aber auf jeden Fall: die Zukunft. Die 160 Menschen, die Eric Carstensen und Michael Volkmer vor über 20 Jahren interviewt haben, standen unter dem Eindruck der Terroranschläge vom 11. September 2001 und wünschten sich für ihre Zukunft und die Zukunft ihrer Kinder vor allem Weltfrieden. Heute, beim zweiten Teil von „Lutopia“, ist die Stimmung oft resigniert und düsterer. Viele Gesprächspartnerinnen und -partner blicken traurig und deprimiert auf die Welt, es fällt der Satz: „Schlimmer kann es nicht mehr gehen.“
Wie der erste „Lutopia“-Film ist auch der zweite eine Aneinanderreihung kurzer Statements. Im zweiten Film sind Ausschnitte aus dem ersten zu sehen. Viele damals Mitwirkende, nämlich 60 von 160, sind erneut vor die Kamera gebeten worden. „Manche leben nicht mehr, manche wollten nicht noch mal mitmachen, manche haben wir nicht mehr gefunden“, erzählt Michael Volkmer. „Wir hatten damals nicht nur Menschen eingeladen, sondern auch zufällig ausgewählt.“ So treten im ersten Film neben prominenten Persönlichkeiten wie der Oberbürgermeisterin Eva Lohse und ihren Vorgängern Werner Ludwig und Wolfgang Schulte Besucher eines Sportstudios, Bewohner eines Seniorenheims oder Kinder aus der Bayreuther Straße auf.
Ein Haus am See
Manchen dieser Menschen kann man nun also wiederbegegnen. Kann einen kurzen voyeuristischen Blick in ihr Leben werfen und erfahren, ob sich die Wünsche erfüllt haben oder ob ein Leben ganz anders verlaufen ist als gedacht. Eine Frau hatte von einem Haus am Meer geträumt und frei nach Peter Fox ein Haus am See bekommen. Eine andere Frau hatte sich zwei Kinder gewünscht und sie bekommen, manche sind in Ludwigshafen geblieben, andere weggezogen. „Krass, ist der/die alt geworden“, denkt man sich beim Zusehen und fragt sich spätestens beim dritten Mal: Bin ich es vielleicht, die alt geworden ist? „Genau“, sagt Eric Carstensen und schmunzelt. „Der Film ist wie ein Spiegel.“
Den beiden Künstlern, die 1966 und 1968 geboren sind, viele Jahre in Ludwigshafen gelebt und sich 1996 als Kollektiv superart.tv zusammengetan haben, ging es mit ihrem Projekt weniger darum, einen klassischen Dokumentarfilm zu drehen. Dazu reichten die Mittel trotz Förderung auch nicht aus. Ihr Anliegen war vielmehr, das Stimmungsbild einer Stadtgesellschaft zu zeichnen, und das ist ihnen absolut gelungen.
Die offene Wunde
Konkrete Fragen gab es nicht, die Gesprächspartnerinnen und -partner durften sprechen, worüber sie wollten. Vielleicht angeregt durch den Titel „Lutopia“, der damals Teil des Gemeinschaftsprojekts „Utopien heute?“ des Kunstvereins war, aber wahrscheinlich auch, weil es ihnen auf dem Herzen lag, sprachen viele Menschen damals wie heute über die Stadt. Und damals wie heute schimpften sie auf eine verfehlte Stadtplanung, auf fehlende Visionen. Heute noch herrlich ist das Statement des damaligen Landrats Werner Schröter, der ausführlich erklärt, warum der öffentliche Dienst für Utopien nicht zuständig ist. Ludwigshafen sei „eine Stadt, in der man das Gefühl hat, dass sie verlernt hat zu träumen“, sagt die Kulturjournalistin Annika Wind, und Lyriker Hasan Özdemir wünscht sich, was er sich schon zur Jahrtausendwende gewünscht hat: mehr „Orte der Worte“. Das Loch, das seit zehn Jahren an der Stelle der abgerissenen Tortenschachtel klafft, wird immer wieder genannt; es ist so etwas wie die offene Wunde der Stadt und triggert die Menschen offenbar sehr.
Aber wer weiß schon, ob aus den Visionen von heute nicht die Realität von morgen wird? „Ein grüner Kommunalpolitiker träumte gar davon“, schrieb RHEINPFALZ-Kollege Dietrich Wappler über den ersten Film vor 22 Jahren und meinte Willi Tatge, „das komplette Rathaus-Center abzureißen.“ Vielleicht wird ja der Künstler Helmut van der Buchholz in 20 Jahren recht gehabt haben mit seiner heutigen Utopie von Ludwigshafen: einer autofreien Innenstadt.
An einen dritten Film denken Michael Volkmer und Eric Carstensen im Moment aber noch nicht. Sondern daran, wo sie den zweiten Film nach der Premiere an diesem Freitag im Wilhelm-Hack-Museum – wo superart.tv Teil der „Deltabeben“-Gruppenausstellung ist – noch zeigen können. Ein Kino gibt es anders als vor zwei Jahrzehnten in der Stadt nicht mehr. Dafür aber ein Filmfestival, auf das „Lutopia“ wunderbar passen würde …
Termin
Die Premiere von „Lutopia 02/22“ ist am Freitag, 3. Mai, 19.30 Uhr, im Wilhelm-Hack-Museum. Der Eintritt ist frei.