Mannheim
Die Freie Kunstakademie erfindet sich neu
Hochschwanger war Annalena Winkler, als sie auf dem Handy die E-Mail sah und schockiert war: Die Freie Kunstakademie mit ihrem Sitz im Gebäude des historischen Herschelbads wird aus wirtschaftlichen Gründen geschlossen, der Unterricht sofort eingestellt. Nur die Absolventen im 8. Semester sollten ihr Diplom noch bekommen. Die 33-Jährige ist jedoch im 6. Semester, hatte mit ihrem Mann bereits geregelt, dass er Elternzeit fürs zweite Kind nimmt, damit sie fertigstudieren kann. „Nun stand ich da und hatte nichts.“ Sie hatte Zeit und Geld umsonst investiert.
Warum konnte es überhaupt so weit kommen, dass die Freie Kunstakademie zum 12. März geschlossen und am 1. Juni das endgültige Insolvenzverfahren eröffnet werden musste? Der Vorstand des Freundeskreises, der als Träger fungiert, nennt auf Nachfrage erhöhte Energiekosten und zu niedrige Studierendenzahlen als Grund. „Weniger Jugendliche, schlechte Wirtschaftslage“, zumal das Studium kostenpflichtig ist und auch andere Kunstakademien einen Rückgang bei den Zahlen beobachten. Und dann kam die Corona-Krise: Waren es 2019 rund 79 Studierende, sank die Zahl auf zuletzt 39, die von Dozierenden etwa in Aktzeichnen, Bildhauerei, Fotografie, Malerei, Materialkunde und Kunstgeschichte geschult wurden.
Halbleere Räume und Zweifel
„Durch den Lockdown konnten die Atelierplätze im Herschelbad nicht mehr genutzt werden“, erläutert Kim Behm, Dozentin und eine der Engagierten, die sich für einen Neuanfang einsetzen. „Viele richteten sich eigene Plätze zuhause ein und kehrten nicht mehr zurück. Eine Akademie lebt aber von der gemeinsamen Arbeitsatmosphäre und der Möglichkeit, sich auszutauschen. Halbleere Räume sind nicht attraktiv, was sich auf die Neuanmeldungen auswirkt. Und vielleicht bricht man auch schneller ab, wenn Zweifel aufkommen.“
Annalena Winkler hatte als Studentin außerdem das Gefühl, dass zu wenig Öffentlichkeitsarbeit betrieben worden sei. „Es gab kaum Ausstellungsmöglichkeiten für uns – und jetzt mit den Kontakten der Dozenten ergeben sich lauter tolle Gelegenheiten.“ Die Akademie sei nicht „aufgegeben“ worden, versichert Birgit Reinemund, Vorsitzende vom Freundeskreis, und erinnert, dass der Vorstand seit über einem Jahr gegengesteuert habe durch Öffentlichkeitsarbeit, ein Anwerbeprogramm „Studenten werben Studenten“ und „durch leider nicht erfolgreiche Ansprache von Fördermittelgebern und Sponsoren“, berichtet sie. „Mehr geht immer, auch abhängig vom Budget.“
Weiter erschwert wurde die Situation durch den Standort im Herschelbad, weil dessen Öffnungszeiten reduziert wurden, was den freien Zugang zur Akademie einschränkte. Ohnehin drohte die Auflösung des Standorts seit längerem, da der Badebetrieb eingestellt und durch das Kombibad Herzogenried ersetzt werden soll. Die Nebenkosten im historischen Gebäude beliefen sich zuletzt auf 30.000 Euro pro Jahr. Der Mietvertrag war bereits gekündigt und nur bis Juni 2026 verlängert worden – mit Mietunterstützung der Stadt allerdings nur für die Jugendkunstschule als Teilbereich. Die Akademie hätte auf jeden Fall umziehen müssen und war seit Jahren auf der Suche nach neuen Räumen.
„Wir sind alle sauer“
Die prekäre Lage sei ihnen bewusst gewesen, meint Dozentin Kathleen Knauer, weshalb sie als Honorarkräfte auch nur 20 Euro pro Stunde erhielten. Für sie persönlich ist die Akademie ein Herzensprojekt, da sie ihr einen neuen beruflichen Weg eröffnet hat, bis hin zur anerkannten freischaffenden Künstlerin. „Man hätte es nicht bis zur Insolvenz kommen lassen dürfen“, meint Knauer. Mit einer Gruppe Engagierter versuchte sie sich noch einzuarbeiten und ein Finanzierungskonzept vorzulegen, mit dem das drohende Insolvenzverfahren aber nicht abgewendet werden konnte. Bis zum Jahresende wäre laut Vorstand ein strukturelles Defizit von 50.000 bis 60.000 Euro und Zahlungsunfähigkeit entstanden. Immerhin werde jedoch die Jugendkunstschule unter dem Dach der Abendakademie weitergeführt. Es sei „für uns alle tragisch, die Freie Kunstakademie, eine Herzensangelegenheit für alle Beteiligte, in die Insolvenz führen zu müssen“, meint Birgit Reinemund und zeigt Verständnis für die Emotionen.
„Wir sind alle sauer“, sagt Dozent Claus Stolz. Angetrieben von Wut, aber auch „getragen von Solidarität, Entschlossenheit und festen Willen“ lässt sich eine hartnäckige Gruppe aus Lehrenden und Studierenden nicht entmutigen. Sie wollen den Weg zum Kunst-Diplom noch ermöglichen. Die Dozenten unterrichten derzeit die 13 verbliebenen Studierenden weiter, dann eben in ihren privaten Ateliers und unbezahlt. Aber sie wollen „kein Weiter so“. Stattdessen lieber einen klaren Schnitt und die Chance, einiges anders zu machen.
In Windeseile bringen sie Anfang April den Verein Akademie der Bildenden Künste auf den Weg, dessen Vorsitzende Claus Stolz und Kathleen Knauer sind und der bereits 50 Mitglieder hat. Seit Ende Juni sind sie beim Amtsgericht als Verein eingetragen; das Finanzamt habe Gemeinnützigkeit in Aussicht gestellt. Ab 15. September kann nun ein neues Studium der Freien Kunst ohne staatliche Anerkennung begonnen werden – und ein solches Angebot sei auch nötig.
Geballte Expertise
Namhafte Künstlerinnen und Künstler, die etwa mit dem Pfalzpreis oder Holbachpreis ausgezeichnet worden seien – wie aktuell Fritzi Haussmann – hätten ihren Werdegang an der Freien Kunstakademie begonnen. Dabei ist der Zugang zwar kostenpflichtig, aber im Gegensatz zur staatlichen Kunsthochschule niederschwellig und offen ab 16 Jahren bis hin zum Rentenalter. Im Vorsemester werde eine Mappe erarbeitet, mit der man die künstlerische Qualität beweise. Durch den Nachmittagsunterricht von 14 bis 19 Uhr können Leute weiterhin Geld in einem anderen Job verdienen. Dabei könne man sich erst in einem breiten Spektrum von Malerei über Fotografie und Video bis Bildhauerei erproben, bevor man sich spezialisiere und einen Tutor bekomme, nennt die Studentin Annalena Winkler einen Vorteil der freien Bildungsstätte. Man sei hier „gut unterstützt“, ergänzt Kathleen Knauer, weil die Dozierenden Kontakte vermittelten, gemeinsame Ausstellungsbesuche anbieten und immer ansprechbar seien. Mit einer Umfrage wurden die Wünsche der Studierenden ermittelt und sollen sich im Stundenplan niederschlagen. Transparenz hat sich der Verein fett auf die Fahnen geschrieben.
Durch die familiäre Atmosphäre und die gemischte Altersstruktur ergebe sich eine eigene Dynamik. Was darin resultiere, dass Ehemalige der Akademie verbunden bleiben und sich einige jetzt beim Neustart engagieren. Diese geballte Expertise wird genutzt, um professionell Flyer und Webseite zu designen, Social Media zu bedienen, Workshops anzubieten und eine Jahresmappe mit 15 Original-Kunstwerken zu packen, die für 100 Euro erworben werden kann. Ein kreativer Vorstoß, um an Gelder zu kommen.
Apropos Finanzen: Die Kursgebühren werden anders gewichtet, um solider kalkulieren zu können. Ein weiteres Standbein sind die Mitgliedsbeiträge, bei denen sich Förderer großzügig beteiligen können. Stiftungen und Sponsoren werden kontaktiert. 50.000 Euro will der Verein in einer Crowdfunding-Aktion sammeln und hat bisher rund 8500 Euro erhalten, um das Geld in die Ausstattung mit Rechner, Drucker, Fotolabor, Atelierarbeitsplätzen und Büro zu investieren. In welchen Räumen denn?
Aber wo?
Im Stadthaus N1 hat der Verein ein gläsernes Atelier mit Ausstellung eingerichtet. Es ist eine Leerstands-Zwischennutzung im Projekt „Klub Hauruck“, die nur bis Ende Juli dauert. Gesucht werden deshalb Räume in der Mannheimer Innenstadt, und es laufen bereits Gespräche, sodass alle Optimismus ausstrahlen. „Es geht weiter“, ist sich Claus Stolz sicher, während Annalena Winkler ab und zu den Kinderwagen schuckelt, in dem friedlich ihr Baby schläft. Die ausgestellten Skulpturen aus Paraffin und Fundstücken stammen von ihr und zeigen, wie sich Erinnerungen ablagern und zu Stein werden.
Termine
- Ausstellung der Akademie der Bildenden Künste Mannheim, bis 27. Juli im Stadthaus N1,1, „Klub Hauruck“. Dort können Jahresmappen mit 15 Kunstwerken für 100 Euro erworben oder unter info@abk-ma.de bestellt werden.
- Infos und Spenden unter www.abk-ma.de oder beim Crowdfunding unter https://www.goodcrowd.org.
- Workshops: Fotowalk mit Claus Stolz und Patricia Baust in den Quadraten am Samstag, 12. Juli, 15 bis 18 Uhr. Zeichnen mit Werner Degreif „Bierdosen, Blütenstaub und Plastikbeutel“ am 12. Juli, 14.30 bis 18.15 Uhr.