Interview
Michel Abt: Der zündende Funke für ein Eulen-Feuerwerk?
Herr Abt, ich habe festgestellt, dass wir ganz schön viele Gemeinsamkeiten haben, außer dass Sie 21 Jahre jünger und 15 Zentimeter größer sind als ich. Haben Sie eine Idee?
Keine Ahnung. Wenn ich Sie so anschaue: Vielleicht spielen Sie auch Tennis und haben ebenfalls Kinder.
Tennis spiele ich nicht, aber ich habe wie Sie zwei Kinder. Zudem habe ich am Östringer Leibniz-Gymnasium, wo Sie unterrichten, 1988 mein Abi gemacht. In Ihrer Geburtsstadt Heidelberg habe ich studiert. Forst, wo beim TV Ihre Laufbahn begann, ist der Nachbarort von Bruchsal, wo ich zur Welt gekommen bin.
(lacht) Mein Elternhaus steht gerade mal 250 Meter vom Krankenhaus entfernt, an der Brücke nach Forst.
Glückwunsch übrigens zum Geburtstag. Welche Schlagzeile würden Sie nach Spieltag eins gerne lesen?
Natürlich eine positive, so in der Art „Eulen sorgen für Überraschung“. Es ist keine Selbstverständlichkeit, gegen einen Bundesliga-Absteiger wie Balingen-Weilstetten zu gewinnen. Aber dass wir in eigener Halle Chancen haben, davon bin ich überzeugt. Ich will jedes Spiel gewinnen, obwohl ich weiß, dass das wahrscheinlich nicht möglich ist.
Mit Nettelstedt-Lübbecke kommt nach drei Auswärtspartien im zweiten Heimspiel gleich der nächste Ex-Bundesligist. Das ist ein ziemliches Hammer-Programm zum Auftakt.
Das ist für uns ein echter Gradmesser. Ich bin aber positiv gestimmt. Wir könnten mit einem Riesenschub in die Saison starten, auch wenn das sicher nicht einfach wird.
Trainer mit 32, da haben andere noch vier, fünf Jahre auf dem Parkett vor sich. Was hat ein junger einem älteren Coach voraus?
Ich bin ja wegen meiner Knieverletzung schon etwas länger im Traineramt. Mit Co-Trainer Andrej Kogut bin ich sehr nah an der Mannschaft dran, im Kopf sind wir gefühlt noch Spieler. Ich glaube, wir können dem Team das geben, was es braucht.
Und das wäre?
Dass wir nicht auf einer Trainerschiene festgefahren sind und in die Mannschaft hineinhören können. Das heißt: Was würde ich gerne in deren Situation wollen? Das möchten wir mit unserer Vorstellung von Handball verknüpfen. Das kann ein Erfolgsprodukt sein.
Vor gut einem Jahr habe ich hier mit Ihrem Vor-Vorgänger Ceven Klatt ein Interview geführt, mit 39 auch ein relativ junger Trainer. Er kann beim Angeln gut abschalten. Wie laden Sie Ihren Akku abseits von Halle und Klassenzimmer auf?
Ich habe mittags zwischen Schule und Training eine total wertvolle Zeit mit meinen beiden Jungs. Die gehört den Kindern. Ich werde abends nach dem Training viel arbeiten, wenn sie schlafen. Das ist dann auch der Moment, das Handy mal für eine Stunde wegzulegen.
Klatt und Eulen, das hat nicht funktioniert. Warum könnte die Kombi Abt und Eulen besser harmonieren?
Wir hatten im Verein sehr gute Gespräche, da steckt ein Plan dahinter. Es geht nicht primär um die Frage, wo wollen wir in zwei, drei Wochen sein, sondern mittelfristig in zwei, drei Jahren. Die Mannschaft ist jung, sie muss und wird reifen.
Klatts Aufgabe, aus dem Schatten des zur HSG Wetzlar in die Bundesliga gewechselten und hier weiter sehr verehrten Ben Matschke herauszutreten, war extrem schwierig. Haben Sie mit Matschke Kontakt?
Ja. Und das ist auch sinnvoll. Ich frage ihn nicht, wie ich meinen Job zu machen habe, das weiß ich schon selbst. Aber der Kontakt ist wichtig, wenn man zum Beispiel mal in Drucksituationen gerät. Ben hat einfach einen breiteren Erfahrungsschatz. Insofern ist es gut zu wissen, dass ich ihn jederzeit anrufen kann. Er hat mir auch sofort gratuliert, als ich Trainer bei den Eulen wurde, und mir eine SMS zum Geburtstag geschrieben.
Was schätzen Sie an ihm?
Er ist ein sehr offener Mensch mit klaren Vorstellungen, wie man eine Mannschaft zu führen hat. Das wird hier aber kein Ben-Matschke-Abklatsch, sondern mein Ding. Der Austausch mit ihm ist dennoch wertvoll für mich.
Im Vorjahr wurde kein konkretes Saisonziel für die Eulen ausgegeben. War das ein Fehler? Geschäftsführerin Lisa Heßler betont jetzt erneut: „Entwicklung geht vor Ergebnis“.
Das Leben der jungen Spielergeneration hat sich gewandelt. Wenn für uns früher ein Ziel ausgegeben wurde, hat man alles darauf ausgerichtet. Heutzutage bewirkt man mit konkreten Vorgaben wie „Unter die ersten Sechs“ vielleicht weniger als eine über eine knackige Trikotkampagne oder einen griffigen Slogan.
Wie „Gemeinsam durchs Feuer“.
Genau. Ich denke schon, dass man da eine gewisse Atmosphäre herauskitzeln kann. Und wenn wir die dann am ersten Spieltag in der Eberthalle aufs Parkett bringen, wird’s für jeden Gegner schwer. Für mich steht fest: Ich will angreifen!
Im chronisch klammen Ludwigshafen gibt es eine lebhafte Debatte darüber, ob die Eberthalle aufwendig saniert werden oder eine neue Multifunktionshalle gebaut werden soll. Verfolgen Sie das?
Ich verfolge alles, was die Eulen betrifft, sehr interessiert. Ich will alles wissen, was eine Auswirkung auf die Mannschaft haben könnte, auch wenn’s nur eine Kleinigkeit ist, etwa eine defekte Bahn, wegen der Spieler zu spät ins Training kommen.
Und das Hallenthema?
Ich hoffe zunächst einmal, dass die Eberthalle im Winter kein Wärmezentrum wird oder Ähnliches und wir dort weiterhin unsere Heimspiele austragen können.
Der SNP-Dome in Heidelberg mit seinem maximal 5000 Plätzen wird häufig als Vorbild für einen mögliche Multihalle in Ludwigshafen genannt. Entspräche das Ihrer Vorstellung?
Tatsächlich war ich dort beim ersten EHF-Cup-Quali-Spiel der Löwen als Kommentator eingeteilt. Da waren 800 Leute da, die Stimmung war der Wahnsinn. Das ist eine echte Handball-Halle mit viel Atmosphäre. Wie in der Eberhalle, wo man auch sehr nah dran ist. Die Eulen haben aktuell nichts in einer Halle mit 7000, 8000 Leuten zu suchen. Aber eine Halle mit einer Kapazität von 3000 bis 4000 Zuschauern, wo man Sponsoren einen V.I.P-Platz oder eine kleine Loge bieten kann, wäre sehr wertvoll für den Verein. Ich bin jedenfalls dabei bei einer neuen Halle.
2017 haben Sie sich einen Knorpelschaden zugezogen, der das Ende Ihrer Spielerkarriere einläutete. Wie geht’s Ihrem rechten Knie heute?
Mein persönliches Sportprogramm muss ich stark reduzieren, aber im Alltag habe ich keine Probleme damit. Ich bin froh, wenn ich mit meinen Jungs im Garten Fußball spielen kann. Das funktioniert zum Glück.
Zwei humpelnde Trainer an der Seitenlinie wären suboptimal. Andrej Kogut zwickt es ja auch im Knie.
Wir werden tatsächlich zwischen den Trainingseinheiten im August eine gemeinsame Reha absolvieren.
Der letzte Saisonauftakt wurde gegen den TV Hüttenberg mit 21:26 in eigener Halle vermasselt. Was stimmt Sie optimistisch, dass am 3. September ein besserer Start gelingt?
Uns muss es in der Vorbereitung gelingen, Vertrauen in unsere Leistungsfähigkeit aufzubauen. Wenn wir konzentriert starten, wird das ein enges Spiel. Balingen-Weilstetten als Bundesliga-Absteiger ist in der Rolle, gewinnen zu müssen.
Mal unabhängig vom Ergebnis: Wenn die Leute die Halle verlassen und sagen, das war ein geiles Spiel, dann haben Sie viel erreicht, richtig?
Genau darum geht’s.
Max Haider, mittlerweile Kapitän, sagte damals direkt nach der Hüttenberg-Pleite, jetzt seien die Eulen in der Realität von Liga zwei angekommen. Die „Ausrede“ orientierungsloser Bundesliga-Absteiger zählt ja jetzt nicht mehr, oder?
Die Realität in der Zweiten Liga ist: Jeder kann jeden schlagen. Das muss uns allen bewusst sein.
Sieg oder Niederlage, das hängt oft von Kleinigkeiten ab. Worauf kommt’s letztlich an?
Auf den letzten Kick professionellen Verhaltens. Es geht um eine gewissenhafte Vorbereitung auf den Gegner. Man muss von der ersten Spielminute an voll da sein mit dem Kopf, ein Feuer entfachen, und dann, glaube ich, hat man einen entscheidenden Vorteil.
Was erwarten Sie von Ihrem neuen Kapitän Max Haider?
Es geht für ihn und seinen Stellvertreter Jan Remmlinger darum, Stimmungen in der Mannschaft aufzufangen. Max ist dafür der perfekte Charakter. Es geht auch um eine Wohlfühl-Atmosphäre, die Leistung fördert. Max muss dafür aber nicht die ganze Zeit mit erhobenen Armen durch die Halle rennen. (lacht)
Und was nehmen Sie mit auf die andere Flussseite nach 18 Jahren bei den Rhein-Neckar Löwen?
Ich habe dort gelernt, was gute Strukturen sind oder was ein festangestellter Athletiktrainer einem im Trainingsbetrieb alles abnehmen kann. Es ist wichtig, Vertrauen zu genießen, den Trainer einfach auch mal machen zu lassen. Dieses Vertrauen wird mir bei den Eulen entgegengebracht. Das schätze ich sehr.
Klatts erster Eindruck von Ludwigshafen war sehr von der Industriekulisse der BASF geprägt. Wie ist Ihr Bild von Ludwigshafen?
Ich bin Geografie-Lehrer und habe auch schon Exkursionen nach Ludwigshafen gemacht. Ich weiß, was mich erwartet. Sagen wir es mal so: Der Ebertpark ist ein schönes Fleckchen, um die Jungs laufen zu lassen. Ansonsten bin ich glücklich, in einem Neubaugebiet in Kronau zu wohnen.
So schließt sich der Kreis. Nicht weit davon entfernt wohnen meine Eltern. Ich wünsche Ihnen viel Glück für die Saison.
Vielen Dank.
Zur Person: Michel Abt
Nach Ceven Klatt (39) und Interimslösung Michael Biegler (61) war Michel Abt der dritte Eulen-Trainer in der Vorsaison. Er rettete den Bundesliga-Absteiger nach einer verkorksten Runde vor dem Absturz in die Dritte Liga. Der Lohn: eine Vertragsverlängerung bis 2024. Abt ist verheiratet und lebt mit seiner Frau und den Söhnen Anton und Finn (zwei und drei Jahre alt) im badischen Kronau. Im wenige Kilometer entfernten Östringen im Kraichgau unterrichtet der Lehrer im Leibniz-Gymnasium Sport und Geografie. Sein Stundendeputat an der Schule hat er für den Trainerjob reduziert. Als Aktiver und Coach war der 1,93 Meter große Ex-Rückraumspieler 18 Jahre bei den Rhein-Neckar Löwen. Ein Knorpelschaden am Knie beendete seine Spielerkarriere. Den Löwen-Nachwuchs führte er als Trainer zum Drittliga-Titel.