Vorderpfalz
Mein Leben mit Long-Covid: Eine Betroffene berichtet
Als im Januar für Anna Blum (Name von der Redaktion geändert) der von ihr lang ersehnte Aufenthalt in der Median-Klinik in Heiligendamm an der Ostsee beginnt, gibt es dort lange Wartezeiten für einen Reha-Termin. Denn mit Jördis Frommhold beschäftigt die Klinik eine Lungenfachärztin, die sich auf Long-Covid-Patienten spezialisiert hat – sie zählt zu den gefragtesten Experten auf diesem Gebiet. „Ich habe damals tatsächlich auch keine Verlängerung meiner Reha-Maßnahme von drei auf vier Wochen bekommen, weil die Nachfrage schlichtweg zu hoch war“, erzählt Blum.
Die 56-Jährige hat bei ihrer Ankunft in Heiligendamm zwar die aller schwerwiegendsten gesundheitlichen Schwierigkeiten bereits hinter sich gelassen, in die sie im Dezember 2020 eine durchgemachte Corona-Infektion gebracht hatten: Nach der bereits überwunden geglaubten Infektion litt sie plötzlich unter extremen Muskelkrämpfen, konnte zwischenzeitlich nicht mehr laufen, hatte massive Wortfindungsschwierigkeiten, konnte das ABC nicht mehr. Verschwunden waren die Long-Covid-Symptome aber auch im Januar 2022 – und damit ein Jahr später – noch längst nicht. „Nach Heiligendamm musste mich mein Mann zum Beispiel mit dem Auto fahren, weil ich Platzangst entwickelt habe und den Aufenthalt im Zug nicht aushalte.“
Atemgymnastik und Gehtraining
Um ihr eigenes Körpergefühl und ihre Ausdauer wieder zurückzubekommen, absolviert Blum während der Reha etliche Trainings auf dem Ergometer, Atemgymnastik, Gehtraining, aber auch viele Balanceübungen. Und auch ihr Aktionsradius vergrößert sich: „Als ich in der Klinik ankam, konnte ich am Stück zwei Kilometer mit Stöcken laufen, am Ende meines Aufenthalts waren es vier Kilometer ohne Stöcke“, erinnert sich die Long-Covid-Patientin, die in Ludwigshafen im Kommunikationsbereich arbeitet, aber auch als freie Journalistin und Reisebloggerin tätig ist.
Das größte Aha-Erlebnis für Blum ist jedoch der Effekt, den ein sogenanntes Stangerbad hat, das sie in Heiligendamm nehmen durfte. Es gehört zu den Elektrotherapien, der Patient sitzt dabei in einer mit Wasser gefüllten Badewanne und wird von konstantem Gleichstrom durchflutet. „Ich habe nach diesem Bad drei Monate lang keine Muskelkrämpfe mehr gehabt“, schwärmt die 56-Jährige noch heute.
Der Mut, den sie daraus schöpft, schlägt sich auch beruflich nieder. Schon im Juni 2021 hatte sie trotz Long-Covid mit der beruflichen Wiedereingliederung begonnen, damals aber nur drei bis fünf Arbeitsstunden pro Tag geschafft. „Seit März dieses Jahres arbeite ich an drei Tagen, jeweils für sechs Stunden“, erzählt Blum sichtlich stolz. Selbstverständlich ist diese Arbeitszeitsteigerung nicht. „Es gibt viele Long-Covid-Patienten, die ihren Job aufgeben müssen und entsprechend vor großen finanziellen Schwierigkeiten stehen“, berichtet sie von den persönlichen Schicksalen anderer Patienten, die sie während der Reha kennengelernt hat.
Angst nach zweiter Corona-Infektion
Auch Anna Blum selbst muss nochmals einen Rückschlag hinnehmen: Dieses Jahr im Juli fängt sie sich die Omikron-Variante des Coronavirus ein, liegt erneut zwei Wochen komplett flach. „Meine größte Angst in dem Moment war, dass ich wieder auf den Punkt null zurückfalle, und wie nach der ersten Infektion massive Wortfindungsschwierigkeiten bekomme und dauerhaft völlig kaputt bin.“
So heftig kommt es aber zum Glück nicht. Die Muskelschmerzen seien zwar wieder deutlich stärker geworden, und nach einem anstrengenden Tag müsse sie sich sehr früh ins Bett legen, sagt Blum. Auch das Thema Reizüberflutung ist nach wie vor präsent: Während des RHEINPFALZ-Gesprächs, für das sie eine Bäcker-Görtz-Filiale vorgeschlagen hatte, macht der Long-Covid-Patientin zum Beispiel die im Hintergrund laufende Musik deutlich mehr zu schaffen als erwartet. Aber: Mithilfe der App „Neuronation“, Ergotherapie und Übungen auf dem Trampolin trainiere und stärke sie nach der Omikron-Infektion regelmäßig ihr Gehirn, und so schafft Blum es auch weiterhin, an drei Tagen für jeweils sechs Stunden ihrem Hauptberuf nachzugehen.
„Mut zur Lücke“
Zwar mit Abstrichen wie sie sagt – denn es passiere durchaus, dass sie einen selbst verfassten Text sehr gewissenhaft lese, nach der veranlassten Korrekturschleife aber doch feststellen müsse, dass zum Beispiel Namen falsch geschrieben waren. „Persönlich habe ich aber inzwischen den ,Mut zur Lücke’ gefunden. Und ich habe einen tollen Arbeitgeber, der an dieser Stelle mitträgt, dass ich den wichtigen Job, den ich mache, trotz meiner Long-Covid-Beschwerden weiterhin übernehme.“
Tatsächlich scheint es so, als ob Anna Blum zwei Jahre nach ihrer ersten Corona-Infektion einen Weg gefunden hat, mit ihrem persönlichen Schicksal nicht zu hadern. „Ich konzentriere mich nicht auf das Negative, sondern stelle inzwischen bewusster fest, was geht und funktioniert – was ich schaffe.“ Gemeinsam mit ihrem Mann findet sie dabei immer wieder kreative Lösungen. „Wenn wir eingeladen sind, fahren wir zum Beispiel mit zwei Autos. Damit ich flexibel bin und nach Hause kann, wenn es mir zu viel wird.“ Die beiden haben aber auch schon das Wohnmobil zu Veranstaltungen mitgenommen, die sie zusammen besucht haben. „Mein Mann kann dann weiterfeiern und ich habe die Möglichkeit, mich ins Bett zu legen, sobald die Reizüberflutung für mich zu stark wird.“
Dass sie damit trotz allem in einer luxuriösen Position ist, betont Anna Blum dabei immer wieder. Denn klar ist: „Nicht jeder Long-Covid-Patient kann sich ein Wohnmobil leisten, nicht jeder hat einen gut verdienenden Ehepartner, sodass trotz aller persönlichen Rückschläge und Einschränkungen weiterhin ein Sicherheitsgefühl besteht.“
Eigener Youtube-Kanal
Ob sie ihre Long-Covid-Symptome jemals wieder ganz los wird, weiß Blum nicht. Aber sie hat beschlossen, sich von ihnen nicht entmutigen zu lassen. „Den öffentlichen Nahverkehr zu nutzen, liegt für mich zwar noch immer in weiter Ferne“, sagt sie. Derzeit bilde sie sich aber fort, um neben ihrem Reiseblog auch den eigenen Youtube-Kanal professioneller betreiben zu können. „Die Online-Welt gibt mir enormen Halt. Allein mit meinem Blog habe ich im Sommer rund 50.000 Leser pro Monat erreicht“, freut sie sich sichtlich. Ein Buchprojekt ist auch schon in Vorbereitung.
Und so zieht Anna Blum ein persönliches Zwischenfazit, das nicht nur Long-Covid-Patienten Mut machen dürfte: „Auch wenn ich krank bin, heißt das nicht, dass ich stehengeblieben bin.“
Die Serie
In unserer Serie „Mein Leben“ wollen wir mit Menschen aus der Region ins Gespräch kommen und sie nach den Besonderheiten ihres Berufs oder privaten Alltags fragen.
Unter anderem erschienen sind bisher:
Mein Leben im Sanitätsdienst der Bundeswehr