Vorderpfalz RHEINPFALZ Plus Artikel Stefan Bruck: Mein Leben als Feuerwehrchef

Die schwarze Rauchwolke, die 2013 auf der Ludwigshafener Parkinsel beim Brand einer Lagerhalle entstand, war damals in der ganze
Die schwarze Rauchwolke, die 2013 auf der Ludwigshafener Parkinsel beim Brand einer Lagerhalle entstand, war damals in der ganzen Region weithin sichtbar.

Als Chef der Ludwigshafener Berufsfeuerwehr übernimmt Stefan Bruck eine hohe Verantwortung. Wie sein Arbeitstag aussehen wird, weiß er morgens nie, teilweise muss er in Sekundenschnelle Entscheidungen treffen. Ein Gespräch über das Leben als Feuerwehrmann.

Zwei T-Shirts und zwei Unterhosen: Mit diesen Kleidungsstücken bestückt Stefan Bruck seine Tasche mindestens, wenn er das Haus verlässt, um den Dienst als Leitender Branddirektor anzutreten. „Als Feuerwehrmann weiß ich nie, was mich erwartet“, sagt er, „es gibt keinen geregelten Tagesablauf.“ Das ist eine Herausforderung, wie Bruck zugibt, zugleich aber der Grund, warum ihm auch mit 54 Jahren die Faszination und der Spaß bei der Arbeit noch längst nicht abhandengekommen sind.

Vielleicht ist es genau diese Kombination, die notwendig ist, damit Feuerwehrmänner es immer wieder schaffen, auch die schwierigen Momente zu bewältigen, mit denen sie konfrontiert werden. Bruck selbst nennt als für ihn einschneidendes Erlebnis das Ausbrennen eines Fahrzeugs, bei dem keiner der fünf Insassen gerettet werden konnte. „Wir konnten damals einfach nichts mehr für diese Menschen tun“, erinnert er sich. „Am Ende mussten wir fünf verbrannte Körper aus dem Fahrzeug bergen.“ Wie Feuerwehrleute das verarbeiten? „Solche Bilder vergisst man nie. Aber es gibt Mechanismen, die einem helfen, mit solch belastenden Situationen umzugehen“, sagt Bruck. Natürlich frage man sich in diesen Momenten: Habe ich versagt? Habe ich irgendetwas nicht richtig gemacht? Die wesentliche Botschaft an jeden einzelnen Feuerwehrmann müsse an dieser Stelle aber lauten: „Ihr könnt nichts dafür, dass das Auto heute und hier verunfallt ist, wir haben unser Bestes gegeben.“

Mit Notarzt angelegt

Über sich selbst sagt der Feuerwehrchef: „Es gibt fast nichts mehr, was mich aus der Ruhe bringen kann. Ich habe so gut wie alles schon gesehen.“ Etwa den Betriebsunfall, bei dem ein Mann mit dem Bein in einer Gipsmühle eingeklemmt wurde und darin feststeckte „Damals habe ich mich mit dem Notarzt angelegt, der glaubte, dass man das Bein des Mannes amputieren muss.“ Bruck hingegen wollte auf jeden Fall den Trichter der Mühle entfernen lassen. „Was die Feuerwehr auch geschafft hat, am Ende hatte der Arbeiter nur einen eingeklemmten Zeh.“

Feuerwehrchef Stefan Bruck
Feuerwehrchef Stefan Bruck

Die Situation, Führungsstärke beweisen zu müssen, kennt Bruck seit vielen Jahren aus dem Effeff. Auch beim Lagerhallenbrand 2013 auf der Ludwigshafener Parkinsel hieß es für ihn: Rausgehen, Überblick verschaffen, Entscheidungen treffen. Von Böhl aus fuhr Bruck nach der Alarmierung damals über die A65 Richtung Ludwigshafen und versuchte per Telefon an Leuten zu aktivieren, was möglich war. Die in der Region weithin sichtbare schwarze Rauchsäule ließ keinen Zweifel daran, dass Großalarm ausgerufen werden musste. „Ich bin dann noch kurz hoch in die Leitstelle zu einer Absprache und danach auf die Parkinsel gefahren“, erzählt Bruck, der damals noch stellvertretender Branddirektor war. Das Szenario vor Ort: Auf der gegenüberliegenden Straßenseite der brennenden Lagerhalle befanden sich Wohnhäuser und ein Einkaufsmarkt. „Können wir die retten?“, sei deshalb die erste Frage gewesen, die es zu klären galt. „Erst schützen, dann löschen – so gehen wir vor“, erklärt Bruck.

„Existiert kein Lehrbuch“

Früher habe er sich zu jedem seiner Einsätze Stichworte gemacht, erzählt der 54-Jährige. Nach dem 1000. Einsatz als Einsatzleiter habe der damit aber aufgehört. Zwar gebe es durchaus so etwas wie einen roten Faden, wenn er als Führungskraft entscheiden muss, ob er seine Leute in ein brennendes Gebäude hineinschickt oder nicht, oder ob zum Beispiel die Bevölkerung gewarnt werden soll. „Aber es existiert eben kein Lehrbuch, in dem drinsteht: Ab einer Rauchwolke dieser Größe ist Folgendes zu tun. Als Feuerwehrmann triffst du Entscheidungen aufgrund von Erfahrung, Gelerntem und im Team.“

Dass dieses Team allerdings nicht einfach nur irgendein Team, sondern seine „Blaulichtfamilie“ ist, merkt man dem Feuerwehrchef im persönlichen Gespräch zu jeder Zeit an. Als eine der schönsten Erfahrungen mit dieser Familie hat er zum Beispiel die Arbeit zu Beginn der Corona-Pandemie erlebt – als noch nicht sehr viel über das Virus bekannt war und Deutschland in den kompletten Lockdown ging. „Wir haben damals eine Woche am Stück gemeinsam Dienst gemacht, damit der Grundschutz für die Bürger gewährleistet werden kann. Sieben Tage lang waren 60 Feuerwehrmänner von ihren Familien getrennt und auf drei Feuerwachen verteilt“, sagt Bruck. Und noch heute leuchten seine Augen, wenn er davon erzählt, wie in dieser Woche gemeinsame Karaoke-Abende über die Bühne gingen, zusammen Sport gemacht und sogar ein Captain’s Dinner organisiert wurde.

Kulinarisches Erlebnis

„Sie haben keine Ahnung, welche kulinarischen Möglichkeiten die Feuerwehr hat“, betont Bruck und lächelt stolz. „Es gab einen Speiseplan, die Zutaten wurden geliefert und gekocht haben wir gemeinsam.“ Das für ihn Schönste nach der Woche seien die Rückmeldung der Kollegen gewesen. „Wenn wir wieder so was machen, bin ich sofort dabei“, hätten zahlreiche Nachrichten gelautet, die bei Bruck auf dem Handy landeten.

Derzeit darf der Feuerwehrchef sich übrigens nicht allzu weit entfernen von seinem Arbeitsort. Beide seine Stellvertreter sind im wohlverdienten Urlaub und es gilt: Der Leitende Branddirektor muss im Ernstfall innerhalb von 60 Minuten in der Ludwigshafener Feuerwehrleitstelle sein. „Möglich ist das nur, wenn die eigene Familie auch an diesen Stellen hinter einem steht“, sagt der Mann, für den das Ziel seiner beruflichen Träume schon immer klar war. „Für mich gab es kein links und kein rechts, es gab nur die Feuerwehr“, bringt Bruck es auf den Punkt.

„Geht nicht“ gibt’s nicht

Was ihn dabei antreibt? Nicht weniger als der gesetzliche Auftrag der Brandschützer. „Mit den roten Autos und dem blauen Licht rausfahren, wenn der Bürger ein Problem hat – darum geht es.“ Die Feuerwehr handle dabei nach dem Motto: „Geht nicht“ gibt’s nicht. Und nach diesem Motto packt auch Stefan Bruck immer wieder aufs Neue seine zwei T-Shirts und zwei Unterhosen in die Tasche und geht zum Dienst.

Die Serie

In unserer neuen Serie „Mein Leben“ wollen wir mit Menschen aus der Region ins Gespräch kommen und sie nach den Besonderheiten ihres Berufs oder privaten Alltags fragen. Worauf kommt es an, wenn man besonders viel Verantwortung im Job hat? Wie ist es, mit Diabetes leben zu müssen? Wie ist das Leben mit vier oder fünf Geschwistern? Wie, wenn man einen 24-Stunden-Dienst im Krankenhaus schieben muss? Wir Redakteure und auch unsere freien Mitarbeiter sind selbst gespannt auf die vielen Geschichten, die wir hoffentlich erzählen dürfen. Wer Interesse daran hat, uns einen Einblick in seinen Beruf oder eine besondere Situation seines Lebens zu geben, darf sich gerne in unseren Lokalredaktionen Ludwigshafen, Frankenthal oder Speyer melden. E-Mail-Kontakt: redlud@rheinpfalz.de, redfra@rheinpfalz.de, redspe@rheinpfalz.de. Unsere neue Serie wird keinen festen Termin haben, sondern in loser Reihenfolge in den drei Ausgaben erscheinen.

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