Vorderpfalz
Dietmar Breininger: Mein Leben als psychosozialer Notfallhelfer
„Da kann man noch so viele Planspiele machen, Katastrophen durchgehen und Situationen durchspielen, aber das, was im Ahrtal passiert ist, damit hatte niemand gerechnet“, sagt Dietmar Breininger, der sich ehrenamtlich als Fachkraft für die psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) engagiert. Drei, vier Sixpacks Wasser, ein paar Äpfel und Müsliriegel hatte er damals noch schnell im Supermarkt eingekauft, sie gemeinsam mit seiner lilafarbenen PSNV-Weste im Auto verstaut und sich dann nach dem Einsatzbefehl des Deutschen Roten Kreuzes auf den Weg in Richtung Ahrtal gemacht. Was ihn dort erwarten würde? Breininger konnte es nur erahnen.
Doch selbst seine allerschlimmsten Befürchtungen wurden übertroffen. Menschen, deren Häuser von heute auf morgen weggespült wurden, Tote in den Straßen, Zerstörung allerorten. Einen kühlen Kopf bewahren, nicht im Chaos versinken, den von der Flutkatastrophe betroffenen Menschen Halt geben, die Einsatzkräfte vor Ort psychisch zu unterstützen – das war eine Herkulesaufgabe für das PSNV-Team. Vom Nürburgring aus wurden die einzelnen Einsätze im Katastrophengebiet damals koordiniert. Einer der Einsatzleiter: Dietmar Breininger, der auch als Fachberater PSNV im Stab der Landesregierung Rheinland-Pfalz tätig war.
Trauer, Wut, Angst
Insgesamt dreimal kehrte der Ludwigshafener in die Region zurück, um anzupacken. Die Auszeit zwischendurch, die brauchte er – um durchzuatmen, neue Kräfte zu sammeln, sich gedanklich zu ordnen. „Wenn ich heute zurückblicke, bin ich dankbar dafür, was ich erleben durfte. Hier hat ein Rädchen in das andere gegriffen und die Hilfsorganisationen und Kirchen haben übergreifend als PSNV hervorragend zusammengearbeitet“, resümiert Breininger, der bei Roche in Mannheim in der Prozessberatung tätig ist.
Manchmal ist es nur ein einfaches Zuhören oder ein Gespräch, das in der Akutphase hilft, die schrecklichen Bilder einer Katastrophe zu verarbeiten, berichtet Breininger von seiner ehrenamtlichen Arbeit. Trauer, Wut, Angst – all das ist in dieser Phase normal. Doch hält eine Situation länger als drei, vier Wochen an, raten der 55-Jährige und alle anderen Fachkräfte dazu, sich weitergehende therapeutische Unterstützung zu holen. „Manche schaffen es, gewisse Dinge mit ihrer ureigenen Resilienz zu verarbeiten“, betont Breininger, der sich auch als ehrenamtlicher Hospizhelfer immer wieder mit dem Tod konfrontiert sieht, gelernt hat, damit umzugehen.
Vieles kommt im Nachhinein hoch
Doch nicht selten benötigen Überlebende, Hinterbliebene, vor allem aber auch die Einsatzkräfte, die zuerst an der Unglücksstelle sind, Hilfe, um solch ein Großschadensereignis wie die Ahrtalflut zu verarbeiten. „Häufig ist es so, dass erst im Nachhinein alles hochkommt“, erklärt Breininger. „Ein kleiner Tropfen kann das Fass zum Überlaufen bringen, daher sind wir auch präventiv tätig, persönliche Ressourcen zu erkennen und zu stärken.“
Sein persönlicher Fokus liegt auf der Betreuung der Einsatzkräfte, war Breininger doch selbst mal einer von ihnen. Über 30 Jahre lang nämlich engagierte er sich beim Deutschen Roten Kreuz, hatte verschiedene Ämter inne. „Ich hatte allerdings gesagt, dass ich spätesten mit 50 alle meine Funktionen abgeben möchte“, sagt er. Und das hat der dann auch getan, gleichzeitig aber seine Leidenschaft für die psychosoziale Notfallversorgung entdeckt, deren Maßnahmen darauf abzielen, dass aus einer schockierenden Situation später kein Trauma für die betroffenen Personen entsteht.
Psychische Stabilität das A und O
Doch wie geht Dietmar Breininger selbst damit um, immer wieder mit Krisensituationen konfrontiert zu sein, die teils nur schwer zu ertragen sind? Der Austausch untereinander, die unmittelbare Nachbesprechung eines Einsatzes und gegebenenfalls Supervisionen helfen ihm bei der Bewältigung. In der konkreten Schadenssituation sei ein aktives Zuhören, Wertschätzung, Respekt, Echtheit und Ehrlichkeit den Betroffenen gegenüber wichtig, untermauert Breininger, der auch im Einsatz war, als 2020 mit Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland die Bundeswehr-Kaserne in Germersheim zur Quarantäne-Station umfunktioniert wurde. Ansprechpartner für die betroffenen Familien sein, den Einsatzkräften ein offenes Ohr schenken, ihnen beistehen, „aktiv im Hintergrund“ arbeiten, darin sah Breininger in der damaligen Pandemie-Situation seine Aufgabe.
Die psychosoziale Notfallversorgung – sie ist ein Stück weit eine Wundertüte. Breininger weiß nie, was morgen sein wird. Vor jedem Einsatz stellt er sich daher auch immer wieder selbst die Frage: „Kann ich es jetzt gerade?“ Psychische Stabilität – sie ist das A und O in diesem Ehrenamt, für das man eine spezielle Ausbildung absolvieren muss.
Die Serie
In unserer neuen Serie „Mein Leben“ wollen wir mit Menschen aus der Region ins Gespräch kommen und sie nach den Besonderheiten ihres Berufs oder privaten Alltags fragen.
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