Ludwigshafen RHEINPFALZ Plus Artikel Leben mit Long-Covid: Eine Pfälzerin erzählt von ihrem Alltag

Long-Covid bezeichnet die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion. Wie hoch allerdings der Anteil der Erkrankten mit Langzeitfolgen
Long-Covid bezeichnet die Spätfolgen einer Covid-19-Infektion. Wie hoch allerdings der Anteil der Erkrankten mit Langzeitfolgen ist, dazu gibt es noch immer keine verlässlichen Daten.

Am 3. Dezember 2020 ist sie positiv auf Corona getestet worden – was dann folgte, waren für Anna Blum Monate, in denen sie die Kontrolle über ihren Körper verlor. Wie sie sich durch diese Zeit gekämpft hat, welche Langzeitfolgen sie heute noch ausbremsen und warum sie trotzdem dankbar ist.

„Die Covid-19-Infektion hat mich umgehauen, mir ging es damals richtig schlecht“, sagt Anna Blum*. „Über einen Zeitraum von bestimmt 14 Tagen war ich damals völlig apathisch und habe so gut wie nicht mehr mitbekommen, was um mich herum überhaupt passiert“, erzählt die 55-Jährige, die im Kommunikationsbereich arbeitet, aber auch als freie Journalistin und erfolgreiche Reisebloggerin tätig ist.

Erst nach vier Wochen Quarantäne fühlt es sich für Blum so an, als könne sie Covid-19 hinter sich lassen. Doch Mitte Januar folgt der Schock: „Von einem auf den anderen Tag konnte ich aufgrund extremer Muskelkrämpfe plötzlich nicht mehr laufen.

Ich wusste nicht mehr, wie ich meine Besteckschublade einsortiere, hatte Wortfindungsschwierigkeiten und war ständig müde“, beschreibt sie ihre damalige Situation. „Einen Zeitungsartikel zu lesen war mir nicht mehr möglich, nach 300 Metern zu Fuß war ich total kaputt.“ Warum ihr Körper so reagierte, wusste Blum zum damaligen Zeitpunkt nicht.

„Kann das ABC nicht mehr“

Darauf gekommen, dass es sich um Long-Covid handeln könnte, ist sie erst deutlich später und gemeinsam mit ihrer Hausärztin. „Irgendwann stand der Entschluss, dass ich eine Reha beantrage – doch sie wurde abgelehnt.“ Blum solle ambulante Hilfen in Anspruch nehmen, lautete die Begründung, die der 55-Jährigen zunächst einmal den Boden unter den Füßen wegriss.

Eine weitere Hiobsbotschaft kristallisierte sich dann bei einem Termin mit der Ergotherapeutin heraus: „Sie hat festgestellt, dass ich das ABC nicht mehr kann.“ Für Blum ist das die absolute Albtraum-Diagnose. Auch weitere Arzttermine bleiben niederschmetternd. „Was wollen Sie hier?“, habe etwa der Kommentar eines Neurologen gelautet, der bei Blum keine größeren organischen Probleme feststellen konnte. „Das macht einen fertig“, sagt die 55-Jährige, „ich bin ja nicht absichtlich krank“. In dieser Zeit sehr geholfen habe ihr der Austausch mit anderen Betroffenen in einer Facebook-Gruppe – aber auch Behandlungen mit Medikamenten der chinesischen Medizin.

Die offizielle Diagnose Long-Covid erhält Anna Blum erst Ende Mai während eines Aufenthalts in der Corona-Ambulanz in einer Wiesbadener Klinik. „Das war ein Tipp aus der Facebook-Gruppe“, erzählt die passionierte Camperin, die sich damals trotz aller Einschränkungen selbst auf den Weg nach Hessen machte. „Ich wusste, dass ich die 90 Kilometer dorthin, den Tag und den Weg zurück nicht in einem Stück schaffe, also bin ich schon vorher losgefahren und stand dann mit dem Wohnmobil über Nacht auf dem Klinikparkplatz.“

Einkaufen nicht möglich

Heute kann die 55-Jährige schon wieder deutlich längere Strecken zurücklegen: „Anfangs habe ich nur noch 300 Meter zu Fuß oder drei Kilometer mit dem Auto geschafft, heute mache ich Fünf-Kilometer-Spaziergänge im Wald und bin 150-Kilometer-Strecken mit dem Wohnmobil unterwegs – mit Pausen“, sagt Blum. Nach wie vor bekomme sie beim Fahren aber auch mal Schweißausbrüche, und dann müsse ihr Mann das Steuer übernehmen.

„Ganz klar ist Long-Covid auch eine Belastung für unsere Ehe“, sagt Blum ohne Umschweife, „mein Mann muss auf viel verzichten“. Auch übernehme er noch immer sämtliche Einkäufe für die Familie. „Ich halte die vielen Reize im Supermarkt nicht aus, es sind mir zu viele Menschen dort, und ich kann auch überhaupt nicht damit umgehen, dass die Leute sich nicht an die Corona-Regeln halten“, erzählt Blum. Als Long-Covid-Patient ziehe man sich sehr in die eigenen vier Wände zurück: „Die Welt wird kleiner.“

Trotzdem hat sie sich im Juni getraut, mit der beruflichen Wiedereingliederung zu starten. Ihre Arbeitszeit steigerte sie von zunächst zwei auf drei, später auf vier bis fünf Stunden pro Tag. „Meine eigentliche Arbeitszeit, nämlich sieben Stunden pro Tag, schaffe ich bis heute nicht“, erzählt die 55-Jährige. Dankbar ist sie für das Verständnis ihres Ludwigshafener Arbeitgebers: „Das, was ich nicht schaffe, wird entweder auf anderen Schultern verteilt oder bleibt eben liegen. Ich darf auch meine Grenzen aufzeigen.“

Verlag fragt Buchprojekt an

Gefragt nach der größten Herausforderung für Long-Covid-Patienten, antwortet Blum: „Am schwierigsten ist es, die Balance zwischen zu viel und zu wenig zu finden – und das sowohl körperlich als auch geistig.“ Als sich im Juli ein Verlag bei ihr meldet, um sie für ein Buchprojekt zu verpflichten, ist das eigentlich ein Sechser im Lotto. Alleine stemmen kann Blum ein solches Projekt aber noch längst nicht. Zugesagt hat sie dennoch, und jetzt wird es drei Autorinnen geben, die die Beiträge schreiben. „So lange ich in meinem eigenen Workflow bin, bekomme ich es hin, meine Arbeit zu erledigen“, erklärt sie. Sich auf Unvorhergesehenes einzustellen, falle ihr aber noch schwer.

Schwerwiegende Wortfindungsschwierigkeiten hat Blum heute nicht mehr. Im einstündigen RHEINPFALZ-Gespräch muss sie trotzdem immer mal wieder kleine Pausen machen – und manchmal merkt man ihr an, dass es eine reine Willensleistung ist, sich beim Rekapitulieren des letzten Jahres auf die Details zu konzentrieren. Trotzdem sagt sie: „Ich bin dankbar, denn es hätte mich noch schwerer treffen können. Viele Long-Covid-Patienten verlieren auch ihren Job und damit ihre finanzielle Sicherheit.“

Eine Reha hat die 55-Jährige in diesem Sommer übrigens noch einmal beantragt, und jetzt auch bewilligt bekommen – allerdings erst für Februar 2022. Blums derzeit größte Angst? „Dass ich mich noch einmal mit dem Coronavirus infiziere.“

*Name von der Redaktion geändert

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