Die Meinung aus der Stadt RHEINPFALZ Plus Artikel Kirche und Missbrauch: Klare Worte des Dekans

Schwere Last: Das Münchner Missbrauchsgutachten stürzte die katholische Kirche in eine tiefe Krise. Weitere Kirchenaustritte wer
Schwere Last: Das Münchner Missbrauchsgutachten stürzte die katholische Kirche in eine tiefe Krise. Weitere Kirchenaustritte werden befürchtet. Im Dekanat Ludwigshafen ist die Mitgliederzahl zuletzt stetig gesunken. Ende 2016 hatten noch 45.040 Katholiken ihren Hauptwohnsitz in der Stadt, Ende 2021 waren es laut Bistum 40.658. Im Jahr 1980 waren es noch fast 71.000.

Scham, Ekel und Wut empfinde er, wenn er an die Ergebnisse des jüngsten Gutachtens zum sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche denke. Das sagt Dekan Alban Meißner. Im Gespräch mit Steffen Gierescher nennt er Gründe für die hausgemachte Krise. Der Zeitpunkt für Reformen sei verpasst worden.

Herr Meißner, welche Frage stellen Sie sich am häufigsten, seitdem das Gutachten veröffentlicht wurde?
Die einzige Frage, die ich mir erlaube, ist die Frage nach den Opfern.

Mit welchen Fragen werden Sie im Alltag am häufigsten konfrontiert?
Das ist sicher die Frage, wie es soweit kommen konnte, aber auch die Frage, wie es mir selbst damit geht.

Wie konnte es so weit kommen?
Das zeigt das Gutachten sehr deutlich. Da spielen Klerikalismus, eine falsch verstandene Solidarität und Überheblichkeit eine Rolle. Nach dem Motto: Wir sind etwas Besseres. Es geht auch um ein falsch interpretiertes Zusammengehörigkeitsgefühl. Man hat aus der Priesterweihe etwas gemacht, was es gar nicht sein soll – man wird dadurch nicht automatisch zum besseren Menschen. Das stimmt halt nicht. Das sind die Hauptgründe für die systematische Vertuschung. Und warum Menschen zu Verbrechern werden, muss man in jedem Einzelfall prüfen.

Und wie geht es Ihnen damit?
Nicht gut. Da kommen viele Emotionen hoch: Scham, Ekel, Unverständnis, Wut. Ich muss mich immer wieder zusammenreißen und mir sagen, es geht jetzt darum, das Richtige zu tun. Dazu muss man die Emotionen ausblenden, nüchtern überlegen und die Situation analysieren.

Jetzt wäre doch der richtige Zeitpunkt für umfassende Reformen, Stichworte „Maria 2.0“ oder Aufhebung des Zölibats?
Meines Erachtens, und das ist bitter, hat man den Zeitpunkt für Reformen verpasst. Wären diese Reformen in den 1970er-Jahren erfolgt, im Gefolge des 2. Vatikanischen Konzils und der Würzburger Synode, hätte man vielleicht noch vieles retten können.

Was muss jetzt passieren, ein „Weiter so“ kann es ja nicht geben?
Der Weg der Aufarbeitung, der begonnen hat, muss konsequent weitergegangen werden. Ich kann nur für unser Bistum sprechen. Hier weiß ich, dass der Wille dazu da ist und ganz konkrete Schritte laufen. Auch das, was derzeit in den Medien veröffentlicht wird, ist ja schon eine Frucht dieser Aufarbeitung. Es ist ja nichts Neues, was jetzt zu Tage gefördert wird. Es sind nur die Konkretisierungen der Umstände, die schon durch die MHG-Studie aufgedeckt wurden, ein interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche, das aus einem Forschungsverbund aus Experten mehrerer universitärer Institute durchgeführt wurde. Und das Gutachten hat ausdrücklich die seit 2010 gemachten Anstrengungen in Sachen Prävention gelobt. Das gibt Anlass zur Hoffnung auf die Zukunft.

Wie tief muss die katholische Kirche eigentlich noch sinken, bevor sie ihre verkrusteten Strukturen endlich ändert?
Angesichts dessen, wie „tief“ die Kirche beispielsweise in Frankreich schon gesunken ist, ist die Skala nach unten offen.

Der emeritierte Papst wird der Lüge bezichtigt, es ist von einer jahrzehntelangen Kultur des Wegschauens die Rede. Kann die katholische Kirche die von der Bundesregierung geforderte transparente Aufarbeitung bei dieser Vorgeschichte wirklich in Eigenregie leisten?
Nein, aber sie leistet es auch nicht in Eigenregie, zumindest in unserem Bistum. Der eingerichtete Betroffenenbeirat wird hier sehr eigenständig agieren können. Was die Kirche in Eigenregie leisten kann, ist die Präventionsarbeit. Hier hat sie mittlerweile schon viel geleistet.

Inwiefern?
Da genügt ein Blick auf die Homepage des Bistums. Angefangen von den Gesprächen, die Bischof und Generalvikar mit Betroffenen geführt haben. Das war ein sehr wichtiger Schritt. Oder dass Leute eingestellt wurden, um sich um Prävention zu kümmern. Schulungen, die gemacht worden sind, das Konzept „Sichere Kirche“, wir haben Missbrauchsbeauftragte, die eine sehr gute und unabhängige Arbeit machen, und es ist der Betroffenenbeirat eingerichtet worden, der weitgehend eigenständig agieren kann. Außerdem müssen wir alle fünf Jahre unser polizeiliches Führungszeugnis vorlegen. Da hat sich ganz grundlegend die Haltung gegenüber dem Thema verändert.

Befürchten Sie als Reaktion auf das Gutachten weitere Kirchenaustritte?
Das wird unvermeidlich so kommen. In meiner Pfarrei verlieren wir bereits jedes Jahr ungefähr 100 Mitglieder durch Austritt und Tod.

Lässt sich dieser Trend stoppen?
Nein. Da bin ich Pessimist. Eine Schwierigkeit ist, dass die Leute für einen Austritt nach der Rechtslage nur aufs Standesamt gehen müssen, danach bekommen wir eine Mitteilung und schreiben die Betreffenden an. Die Quote der Rückmeldungen ist gering. Es müsste umgekehrt sein. Wir bräuchten die Chance, mit den Menschen vor einem Austritt ins Gespräch zu kommen. Das wäre die einzige Möglichkeit, den einen oder anderen noch mal umzustimmen. So wie die derzeitige Praxis ist, kann ich da einfach nur zuschauen.

Ich muss Ihnen gestehen, aktuell schäme ich mich als Katholik für meine Kirche. Sagen Sie mir, warum ich doch ein Teil von ihr bleiben soll?
Wenn alle gehen, überlassen wir die Kirche den Tätern. Das kann keiner wollen. Ich habe gelernt, dass es nicht viel bringt, stolz auf die Kirche zu sein. Dabei wird man nur enttäuscht. Es hilft nur, sich immer wieder an Jesus Christus zu orientieren. Da ist auch noch ein anderer Aspekt: Seit 2010 in Berlin die Missbrauchsfälle durch Pater Mertes aufgedeckt wurden, ist nicht nur die Kirche aufgewacht. Man hat erkannt, dass der Missbrauch ein gesellschaftliches Phänomen ist, und seit diesem Datum haben auch andere Institutionen außerhalb der Kirche, wie Sportvereine, Schulen oder Internate, mit der Prävention begonnen. Nennen Sie mich naiv, aber ich habe die Hoffnung, dass die Kirche hier Vorreiter wird, der viele folgen. Dann hätten wir etwas Positives in der Gesellschaft bewirkt. Aber dazu müssen Menschen wie Sie bleiben.

Für meinen Geschmack kommen die Opfer in der aktuellen Debatte zu kurz. Kennen Sie Missbrauchsopfer im Bereich des Dekanats?
Nein, aber es ist auch gut, wenn die Opfer oder Betroffenen zentral eine Anlaufstelle in Speyer haben. Man soll das Recht der Opfer auf Diskretion nicht aus dem Auge verlieren.

Hat es in Dekanat oder Bistum nach Ihrem Wissen Missbrauchsfälle gegeben, die vertuscht wurden?
Mir ist keiner bekannt, aber ich habe mich auch nicht für Einzelfälle interessiert. Das hat für mich den Geruch des Voyeurismus. Ich bin bereit, konkrete Hilfestellungen zu geben, wenn ich gefragt werde. Ansonsten sollen da echte Fachleute ran. Das ist meine Überzeugung, nicht erst seit der Veröffentlichung des Gutachtens.

Den Weltfrieden, das Ende von Corona oder Reformen in der katholischen Kirche – was davon schließen Sie aktuell in ihre Gebete ein?
Den Weltfrieden ganz sicher, bei Corona ist es weniger das Ende, als vielmehr die Bitte für die Betroffenen und diejenigen, die sich im Gesundheitswesen um sie kümmern, die Bitte um den Heiligen Geist für die Kirche, und vor allem auch die Opfer des sexuellen und geistlichen Missbrauchs, sowie diejenigen, die sich um Aufarbeitung und Prävention kümmern.

Glauben Sie, die führenden Köpfe der katholischen Kirche haben begriffen, dass nun Demut angesagt ist – und der eine oder andere Rücktritt?
Demut steht uns schon immer gut an. Das ist nichts Neues. Mit den Rücktritten bin ich mir nicht sicher: Auf der einen Seite kann ich den Papst nachvollziehen, dass der, der den Fehler gemacht hat, ihn auch ausbaden soll. Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine Frage, wie ein Neuanfang mit denselben Personen möglich ist.

Wie beantworten Sie diese Frage?
Mit dem einen gelingt ein Neuanfang, mit dem anderen nicht. Namen will ich nicht nennen.

Sie haben im Vorjahr eine dreimonatige Auszeit genommen. Warum – und wie hat Sie das verändert?
Nach meinem Herzinfarkt vor zehn Jahren war das zum einen eine Burnout-Vorsorge und ein Erholungsfaktor. Außerdem war es für mich ganz toll, nach München in das Priesterseminar zurückzukehren, in dem alles für mich angefangen hat, dort eine Zeit lang zu leben und an der Uni das zu hören, was mich interessiert. Zurück zu meinem spirituellen und theologischen Wurzeln, um den Kopf freizukriegen. Da habe ich meine eigene Mitte wieder gefunden, Kraft geschöpft und bin gelassener geworden.

Zur Person

Alban Meißner, 59, geboren in Wattenheim, ist seit zehn Jahren katholischer Dekan in Ludwigshafen und Pfarrer in der Pfarrei Hl. Petrus und Paulus. Er wohnt im dortigen Pfarrhaus in der Stadtmitte.

Zur Sache: Das Missbrauchsgutachten

„Sexueller Missbrauch Minderjähriger und erwachsener Schutzbefohlener durch Kleriker sowie hauptamtliche Bedienstete im Bereich der Erzdiözese München und Freising von 1945 bis 2019“ – so ist das Gutachten der Kanzlei Westpfahl Spilker Wastl überschrieben, das im Januar veröffentlicht wurde und die katholische Kirche in eine tiefe Krise gestürzt hat. Betroffene erheben schwere Vorwürfe, die Justiz prüft, ob sich kirchliche Verantwortungsträger womöglich strafbar gemacht haben. Die Staatsanwaltschaft München untersucht derzeit 42 Fälle.

Das vom Erzbistum München und Freising selbst in Auftrag gegebene Gutachten kommt zu dem Ergebnis, dass Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt wurden, und wirft den ehemaligen Erzbischöfen Friedrich Wetter und Joseph Ratzinger, dem heute emeritierten Papst Benedikt XVI., Fehlverhalten in mehreren Fällen vor. Auch Erzbischof Kardinal Reinhard Marx wird formales Fehlverhalten in zwei Fällen zur Last gelegt. Von mindestens 497 Opfern und 235 mutmaßlichen Tätern sprechen die Gutachter. Sie gehen aber von einem deutlich größeren Dunkelfeld aus.

Was Stefan Mühl, Leitender Pfarrer in Frankenthal, zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche sagt, finden Sie hier.

Alban Meißner
Alban Meißner
x